Leopold Schefer's Laienbrevier
Die neunte Woche

Februar
XXVI.

Was ist die Welt wohl werth, du reiner Geist? —
Ich weiß es nicht; den Todten wohl sehr wenig;
Den Alten etwas wen'ger wenig, mehr
Der Jugend, mehr den Antheil, Alles aber
Vielleicht der Liebe zu ihr. Wenig sind
Die Dinge, wenig ist das Leben selber;
Am Ende ist und war es nichts, ja garnichts,
Als unser Traum davon, als unsre Sehnsucht
Danach, als unsre Freud' und Lust daran
Und unsere Zufriedenheit damit.
In unsrem Herzen liegt der Werth der Welt;
Wir ziehn durch sie vorüber, wie die Sonne;
So hell wir glänzten und so warm wir strahlten,
So viel wir Blumen aus der Erde lockten —
So schön, so freudevoll war unser Tag!
Der Mond wird schlecht von unsrer Erde sprechen,
Weil er mit kaltem Schein sie nachts nur sieht.

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Februar
XXVII.

Bei Frühlingsnahen sprech ich wohl zu mir:
Was einem Mensche ziemt zu schätzen? — Mögen
Es höchstens die Gestirne sein, wenn sie
Etwas Unsterbliches hervorzubringen
Imstande sind! Wenn nicht, dann sinken sie
Im Preise, nur zu Schätzen, weil sie selbst
Vielleicht langlebend sind, und die Erde
Wär' auch noch so ehrenwerth — so wie ein Greis
von tausend Jahren. Doch sind die Gestirne
Nur blühende Inseln in dem Aethermeer,
Drauf Blumen sich im Frühling niederlassen
Und Sommervögel, wohl auch schöne Menschen,
Dann haben sie und diese keinen Werth,
Wenn's keine Heimath für dieselben giebt!
Zu achten ist dann nichts, als noch der Mensch,
Der nichts mehr achtet! als ein rein Gemüth,
Das seinen eignen Werth sich schafft — in Demuth,
Und selbst als Mährchen ist die Welt noch schön!

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Februar
XXIII.

Recht thun auf ungerechte Art, ist Unrecht;
Recht nehmen auf ungerechte Art, ist Unrecht;
Schwer ist das Unrecht; drückend Recht behalten!
Hart, frech das Unrecht lösen auch ist Irrthum.
Mit sanften Händen nimm das Schädliche
Den Menschen weg, verwechsl' es, stelle leis
Ihm schon zuvor das Bessre dafür hin
Sieh, jeden Irrthum, jeden Wahn des Menschen
Besieget, aufmerksam auf ihre Spiele,
Die waltende Natur; wie eine Mutter
Das Spiezeug ihrer Kinder aufräumt
Im Zimmer, und dem Kleinen in der Wiege
Das harte Pferd aus Holz mit leisem Zuge
Noch aus dem Händchen nimmt, wenn er entschlafen,
Es hinstellt, und das liebe Kind belächelt,
Denn einzig, ganz unwiederbringlich ist
Ein jedes Gut, sogar das allerkleinste,
Und unaufhörlich würden selbst die Menschen,
Was sie verloren, wie ein Kind beweinen,
Das in den Blumen seinen Kranz gelassen,
Ersänne nicht ein Neues Anderes
Die weise, die erhabne Mutter, welche
Mit Lob und mit Geräusch — wie Frühlingssturm
Nach bang geraubtem Jahr — ein Liebliches
Ihm vorhält, bis er dieß ihr wieder anschaut...
Bis endlich auch das Händchen danach greift,
Mit Hast des unerträglichen Entbehrens —
So über Eins das Andre stets vergißt
Und seine Schmerzensthränen um das Alte,
Das Unersetzliche, auf seinen Wangen
Mit in die neue große Freude nimmt,
Sie abstößt und verdrängt mit neuen Thränen,
Wie alte Blätter durch die jungen Knospen
Der Baum im Herbst. Und Herbst ist stets dem Menschen,
Um ihn! Und in ihm ist ein ew'ger Frühling!

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Februar
XXIX. 
"O Frühlingssonne, und o Frühlingserde,
O laßt auch mich schon sterben! Denn was seh' ich!
Kaum ist der Schnee geschmolzen, kaum ist erst
Die düstre Wolkendecke weggezogen,
Kaum sauselte ein warmer Hauch hernieder
Und spielte mit dem alten dürren Laube
Des letztverhallten Herbstes, kaum begann
Die Erde junges Gras hervorzutreiben —
Da seh ich eure Häupter schon verwelken,
Da sterbt ihr schon, Schneeglöckchen! und ihr senkt
Sie still und duldend auf die alte Erde,
Ihr geht! Und erst soll das Veilchen kommen,
Die Lerche schwirren und die Mandel blühen!
Was Alles sollt ihr nicht mit anschaun, Glöckchen,
Den Apfelbaum in seiner Blüthe nicht,
Die Rose nicht, die nachbarliche Erbeer,
Die Kirsche nicht — das alles soll hier oben,
Hier über eurem Grabe himmlisch leben,
Wenn ihr dahin seid, und gelassen senkt ihr
Dir Häupter schweigend auf die alte Erde! — "
So weint' ich! — Doch ihr geht auch, sprach mein Geist,
Aus ahnungsvoller lebensreicher Welt;
Ihr werdet nicht die gelben Blätter sehen.
Den Todeshauch des Herbstes nimmer hören,
Ihr werdet, wie die Aster, nicht den Hingang
Des Schönen allen bang erleben, nicht
Die letzte Blume sein! O, seid ihr selig,
Schneeglöckchen! — und wie gleicht euch doch der Mensch!
Der, wenn er achtzig Jahr alt stirbt, doch erst
Im Anhauch ew'ger Frühlinge schon scheidet,
Die alle nach ihm, nach ihm blühen werden:
Die Freiheit, Fried', und stille Seligkeit!
Schneeglöckchen! ach, ihr seid ein Bid der Menschen
Im Anfang eines schönen Lebens — scheidend!
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März
I.

Nach langer Frühlingswärme fließt des Nachts
Nun sanfter Regen ab zur stillen Erde,
Und alle tausend neugeschwellte Knospen
Und junge Blumen all' — sie trinken schweigend
— Wie an der Mutterbrust zum erstenmal
Das neugeborne Kind — so trinken sie
Des Himmels heiligen uralten Thau,
Der tausend von Geschlechtern schon getränkt,
Als ihrer Mutter frische Göttermilch;
Und selig ist der Himmel und sie alle,
Die mit den Blumenlippen an ihm hängen,
Der bis ins Gras sich über sie gebeugt,
Als wein' er Freudenthränen wie die Mutter!
So ist es! Ganz gewiß ist's so! Nur schöner,
Unendlich zarter und herzinniger!
Drum wenn du, liebe junge Menschenmutter,
Umher im Frühling blickst, erblicke selig
Dein Wesen überall umher zerflossen,
Und sieh es, schön gesammelt in dir selbst,
Und blicke sinnvoll auf dein Kind hinieder!

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März
II.
Stets Mäßig! — nur ein gleichgtragner Strom
Von Himmelsglück soll durch den Busen fließen.
Verdämme kein Gefühl; laß ihm den Lauf,
Beleg' es nicht mit Eis, sonst brint es Eisgang.
Laß dich nie unterdrücken! Unterdrückte
Erst sammeln tausendfache Kraft und sprengen
Dann maaslos ihre Feinde in die Luft;
Das willst du nicht. — Sei immer mild und freundlich —
Daß Liebe nicht Vorliebe werd', unbillig
Und ungerecht dann Andern, die dir früher
Lieb waren oder später lieb sein werden.
Geh immer deinen Weg, der Sonne ähnlich,
Mit gleichviel Licht und Wärme: will die Erde . . .
Will nur ein Mensch sich zeitlang fern und schief
Auf seiner Bahn verstellen gegen dich —
Bleib dir nur treu, laß ihn an dir sich finden.
Stets hoffe gleich; hast du zuviel gezürnt,
Dann liebst du wiederum zuviel, zu schwach;
Hast du zuviel gesündigt, betest du
Zuviel. Erkenn' an ihrer Übertreibung
Im Guten wie im Bösen doch die Welt
Maasloser, deren laute Sonntagsfreude
Den stillen Schmerz der Wochentag' entdeckt,
Der jeder Tag erst Ohren giebt, zu hören,
Der jeder Tag den Staar im Auge sticht;
Und die nur Jauchzet über alle Taubheit
Und Blindheit, doch nicht über Aug' und Ohr!

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März
III.
Willst du noch kaum so gut sein wie ein Mensch,
Sei nur so gut wie die Rosenwurzel:
In Erde still verborgen, ungesehen
Und ungeachtet sammelt sie sich Kraft;
Sie treibt ein Reis, treibt Zweige, an den Zweigen
Dann Blätter, Knospen, Rosen, selber Dornen;
Die Rosen nährt sie, füllt sie aus mit Duft,
Und bleibt auch still, wenn du sie lobst, ja brichst —
Sie fühlt die Kraft in sich zu hundert neuen;
Und selst die Dornen trägt sie nicht umsonst:
Denn streift im Lenz das Lamm die Wolle ab,
Ergreift sie mit den Dornen jedes Flöckchen
Und hält es lang geduldig fest, bis Vögel,
Nun kommen und zum weichen Nest es rauben
Für ihre Jungen. Und sie regt sich nicht!
Sei nur so gut erst wie die Rosenwurzel,
Willst du noch nicht so gut sein wie ein Mensch.

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März
IV.

Wer Wünscht und hofft, der lebt schon in der Zukunft;
Er spürt um sich die Zeit, die Dinge kaum,
Bedenkt und braucht sie nur, sofern sie ihm
Als Stufen dienen hin zu seinem Ziel.
So braucht der Fischer in dem Boot die Wogen,
Die ew'gen, nur zu seinem Ruderschlage
Und lebt schon mit dem Auge in dem Hafen,
Den er nur Sieht, und aßt schon an dem Tische
Mit Weib und Kind am warmen Heerde sitzend
Die Fische, die im Boot noch um ihn zappeln.
Drum Jeder hoffe, Jeder wünsche Etwas,
Denn jahrelang genießt er im Herzen,
Und durch die schweren Tage schifft er leicht.

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