Leopold Schefer's Laienbrevier
Die achte Woche

Februar
XIX.

Sag', wann ist das Leben etwas werth? —
Wenn wir verstehn zu leben, wenn wir viel
Erlebt im wundervollen Haus der Erde;
Wenn jeder Tag uns dreißig — vierzig Jahre
Enthält, und jeglicher Gedanke schwer
Vom Süß der Erde, schwer wie eine Biene
Von Honig aus der blumenvollen Flur,
Zum Haupt uns kehrt; wenn jegliches Gefühl
Ein Meer Gefühl' in uns erregt, von Allem,
Was wir jemals genossen. Denn dem Menschen
Bleibt treu auf immer, was er je gedacht
Gehofft, gewünscht, geweint ... wenn auch vergebens!
Wenn er es wieder denkt, dann ist es wahr,
Erfüllt, und wird ein Theil von seinem Leben;
Das Schöne, Gute thun wir tausendmal!
Der Fehler selbst wird tausendmal verbessert!
Ein jeder wird einst, der er wollte sein,
Und so wird er der Engel, — der er ist.
Drum, lieber Jüngling, schauer deines Lebens
Bis dahin, wo es nicht mehr Drang und Traum ist!
Bis dahin, wo der Bettler selbst ein König
Von Tagen — (die nun alle sel'ge sind) —
Von Geistern wird, die ihm nun alle dienen,
Ein König und ein Herr des eignen Lebens!
Das Leben eines Alten ist der Himmel!
Die Seligkeit! denn in ihm wohnt ein Gott.

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Februar
XX.

Ein großes göttliches Bewußtsein nur
Gehört zu göttlicher Zufriedenheit;
Daß wir nicht das nur sind, was wir erscheinen,
Nicht das nur haben, was wir blos besitzen.
Ein jedes Menschenleben bildet sich
Den Gegensatz, und jeder lebt im Geiste
Das, was er in der Wirklichkeit nicht lebt.
So wird der Reich arm und muß es werden
Durch Arme, die er vor sich sieht — ihn schützt
Davor nicht eignes Gold! So wird der Arme
Fast überreich, durch jene tausend Schätze,
Die er vermißt! ihm schadet dabei nicht
Die Armuth — nein! vergrößert durch die Thränen
Glänzt die Welt. Dem Reuigen erscheint
In seiner heil'gen Reinheit erst der Gott,
Weil er der Sünder ist! Slebt sich's schön
Auf dieser Erd' im Gegensatz des Himmels,
Der wie ein Bild uns vorschwebt! einer Glocke
Gleich, uns bedeckt; und auch dies schöne Bild,
Der Gegensatz, gehört zum Menschendasein,
Um uns mit allen Wesen zu verbinden,
Und ihres Wesens theilhaft uns zu machen.
So leben wir im Sinn der ganzen Welt,
Zu der die inn're Seligkeit gehört,
Und sind zufrieden, wenn wir das erkannt.

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Februar
XXI.

Von selbst ist Alles ewig. Darum war es
Das höchste Meisterstück: Vergängliches
Hervorzubringen — Etwas, das nicht scheine
Schon dagewesen; was verschwunden scheine
Vielleicht schon verschwunden sei, wenn's nicht mehr da ist,
Und was doch wunderbar, den Raum erfüllend,
Die Zeit andauernd, ganz unlängbar da sei.
Den unergründlich-tiefen See der Kräfte
Ließ darum einst der Meister überströmen
Zu unaufhörlich breitem vollem Sturze
In unabsehlich jähe Tiefe. Schweigend
Nun stürzt der See, und wird — ein ruhig Bild
Aus immerfort zum Abgrund flieh'nden Massen;
Hell blitzt er in der Sonne; fest, nie wankend
Steht auf ew'gen Sturz der Regenbogen
Und deckt mit heitern Farben Grauses zu.
Wir — schiffen droben auf dem uferlosen
Rastlosen See, still unaufhaltsam nah
Und näher — und in seinen Sturz gezogen,
Und singen Lieder, Abschiedslieder an
Die Lieben, die fern hinter uns noch schiffen,
Die bald auch singend an den Sturz gelangen
Und jäh verschwinden, wo wir erst verschwandem
In Schaum und Donner — im Strom der Welt. 

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Februar
XXII.

Sich ein Bestimmtes einzubilden, dieses
Allein verlangen, einzig dafür zu leben,
Das ist des Menschen göttliches Vermögen.
Und nur die Liebe kann es und die Jugend;
Der Geist, der unlängst erst vom Himmel kam,
Der ihn, nun unbewußt, noch rein erfüllt,
Indeß er seine Augen über alles
Der Erde Neues, Schönes sanft eröffnet.
Erlangt der Mensch, was er sich eingebildet,
Dann fließt der Himmelsstrom auf Erden fort,
Wohin er wie zu baden niederstieg,
Und Geist und Welt sind Eins, und Tod und Leben.
Erlangt er's nicht — dann wacht die Seele auf,
Wie lebend in dem Grabe; das Gezelt
Der Sterne scheint ihm eine Todtenhöhle
Und Frühlingsduft nur Moderduft; sein Tod
Ist eine Flucht, und ohne sie zu segnen,
Läßt er die Welt, worein er sich verirrte.
Was ist denn nun das Eingebildete?
Was schaut denn Lieb' und Jugend doch in ihm?
Die Liebe schaut das Göttliche auch göttlich,
Ihr trägt es keinen Schleier, nackt und herrlich
Sieht sie das Werk des Gottes stehn und schaudert
Sie bildet sich nicht ein — sie bildet aus;
Und wer geliebt hat, der nur ist gebildet,
Nur wer gebildet war, der hat gelebt.
Und wenn das auch versank, was ihm erschienen
Das hebt die Göttlichkeit der Welt nicht auf!
Der Greis vergißt es noch im Alter nicht;
Im Grabe — stürzt er ihm nur nach! er findet
Es wieder, wo ihm Göttliche und Schönes
Begegnet. Wer sich nie was eingebildet,
Der liebt' und lebte nicht, an dem war nichts
Zu bilden — ja er stirbt auch nicht. Denn nur
Der Glückliche kann auch wahrhaftig sterben
Im süßen schönen Sinn des Worts, und diesen
Nur soll's dem Menschen haben, will der Gott.

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Februar
XXIII.
Die Nacht setzt alle Kön'ge ab; die Richter
Die Priester sind nicht mehr; die Narren, Mörder,
Doctoren, Kirchen, Alles ist verschwunden,
Ruinen gibt es nicht mehr, nichts ist mehr neu
Noch alt, kein Kind ist jung, kein Greis betagt;
Unglücklich Keiner, Keiner bettelt,
Des Königs Scepter und des Bettlers Stab
Ruhn beide, gleich-vergessen eine Nacht,
Und wie im Grabe ruht die Menschheit aus,
Von ewigen Gefühlen leis durchwallt,
Von ewigen Gedanken still erfüllt. —
Drum könnte eines Morgens je die Menschheit
Vergessen, was sie an den vor'gen Tagen
Geträumt zu sein — und könnte sie bewahren,
Was sie die Nacht gewesen: gleich und göttlich,
Dann wär' ihr wohl! dann wär' sie reich und frei! —
Doch sieh' so ist's! so wird es leis allmälich;
Was sie voreinst gewesen, hat die Menschheit
Fürwahr schon halb vergessen; alle Träume
Der alten geistbeschränkten schweren Tage;
Und was sie alle Nächte ihres Daseins
Gelebt, das fängt sie an am hellen Tag
Zu träumen! Das Gefühl, womit sie oft,
Ja viele tausendmal den Erdentand
Und alle das Geräth der Sinnestäuschung
Bei jedem Schläfengehen abgelegt,
— Und auch das Sterben ist ein Schlafengehen —
Dieß nicht'ge und erhebende Gefühl
Befestigt sich im wachen Menschen,
Und nicht der Tag wird bald die Welt beherrschen
Nein, herrschen wird die Nacht, die große, freie,
Gleichmachende, die Mutter aller Götter.
Und wer schon jetzt im hellen Licht der Sonne
Das Große denkt, das Heilige empfindet,
Dem ist die Sonne, ist die Zeit verschwunden,
Und göttlich steht er in der alten Nacht,
Im Zauberglanz der großen Geister alle,
Im warmen, frischen Urquell selbst des Gottes.

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Februar
XXIV.
Willst du von zweien Dingen wissen, welches
Das Rechte? — Nimmer ist es das Bequeme!
Was dir die meiste Mühe macht, das ist es!
Das würde dir's sogar! Denn du besiegst
Dabei der Stoffe alte Trägheit, du
Besiegst dein eigen Herz. Denn sonderbar
Nun, oder göttlich, ist das Andern gut,
Was dir es ist; da draußen an der Welt
Nur kannst du dir dein eignes Glück verdienen.

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Februar 
XXV.

Im Frühling stand der Morgenstern am Himmel,
Sah rings die Erde blühen, ihre Kinder
Beglück von nun vermeinter ew'ger Lust,
Die aus den unerforschten Himmelshallen
Auf Erden sich entzündet. Lächelnd sah er's,
Und schwand in Glanz und Licht des Tages.—
Als Abendstern kam er im Herbste wieder
Und alle Frühlingspracht war längst erloschen.
Und wieder sah er's lächelnd; doch er blieb,
Bis sanft der Erde Kinder eingeschlafen.
Und wie zum Leuchtthurm aus der Meereswüste.
Sah ich zu ihm hinüber, und mein Geist sprach:
Was hier in diesem Himmel uns geschieht,
Was solche Götterbilder lächelnd schaun
Und segnen, segne das auch du, o Mensch!
Wer übet vor den Augen der Geliebten
Nicht Edles gern und leicht das Höchste aus?
Wer stirbt nicht freudig, wenn's sein König sieht?
Nun weißt du, Mensch: Dort lebt ein andrer König!
Dort sehn dich andre liebevolle Augen!
Und wärst du überall auf immer todt,
Wenn sie dich hingesenkt, was wär' es weiter,
Als wenn auf seiner Mutter Schooß das Kind
Entschläft, indes der Vater wacht! — Welch Schauspiel
Für Götter ist ein kindlich frommer Mensch!
Doch seih, du hast den ew'gen Stern geschaut,
Der jeden neuen Frühling wiederkehrt,
Vom Vater still zur Mahnung hergesandt;
Wer nicht das Ew'ge sehnt, nicht liebt, wie soll Der
Unsterblich bleiben, wenn er's ist? und wer
der Seele in des Vaters Ewigkeit
Versenkt, wer sie ergreift, wer sie ihm gönnt,
Und wer ihn liebt, der wird dadurch schon ewig.
Und wär' er's nicht gewesen! Einer ist
Der Ewige! Es liegt ein Anker wo!
Nicht ohne Halt ist dieser Welt Erscheinung!
Und diesen denkend, diesen in die Seele
Rein aufgenommen, stirbst du, kannst du sterben,
Du liebender hochbegabter Mensch.
Gedanken sterben nicht. Bist du Gedanke
Geworden, Gönnen,Lieben — sage, bist Du
Dann nicht der Geist, an den die Welt sich hält,
Die Menschheit, und — auch dort der Abendstern?

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