Leopold Schefer

Laienbrevier

Mai
I.

Daß alles Eine Zeit sei, Jahre nichts,
O sag' es nicht! Du wirst es schmerzlich fühlen:
Es gab auch Vorwelt, Vorjahrhunderte,
Vorjahre, die mit diamantner Wand
Dich trennen, feindlich nicht, doch rührend oft
Von Menschen, die dir Freund geworden wären,
Doch neben dir, in braunen Haaren, schon
Mit grauen Haaren blind am Stabe wandeln:
Von Bäumen — die nach ihrem Leben, schon
Bei deinem Leben eingehn. Aber auch
Von Kindern, schönen Kindern, welch hold
Verwirrt mit ihrem schwarzen Aug' dich ansehn,
Und deine Wehmuth lächelnd nicht begreifen
Und dennoch zeufzen. Denn sie ahnen heimlich
Den Bann der Sonne, welcher Jeden einschließt
In die ihm vorgeschriebnen festen Tage:
Den schönen Menschen und die schönen Blumen,
Den Blüthenstrauch, die Lämmer auf den Wiesen,
Das stille Wölkchen, das da droben eilt,
Den Grashalm selbst, und Alles, was da lebt,
Was da gelebt hat und was leben wird.
— Nur Einen Trost weiß ich in diesem Kummer,
Der, als nur Thorheit, leichten Sinn nicht kümmert:
Daß wir das eben Dagewesene
Noch schaun im Abblühn, und das Kommemde
Noch schaun im Aufblühn, kraftvoll selbst dazwischen
Gestellt! und Jedem eine Hand noch reichend!
Und — daß das mit uns Gleich-Bestandene
Ein Bild der Vorwelt ist, ein Bild der Nachwelt,
Ihr gleich in Allem an Gestalt und Wesen,
Voll eigner Schönheit, und genug bewegend
Zu Freud' und Leid, durch Finden und Verlust!

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II.
Mai

Stell' auch den Menschen noch so hoch, nur laß ihn
Auch auf der Erde! Ohne Ochs' ubd Esel
Wird, wie in Bethlehem, kein Mensch geboren.
Nur ohne Kuh und vollends ohne Salz
Kommt niemand in den Himmel, denn es kommt
Und bleibt niemand auf Erden. Ohne Schwamm war
Kein Labetrunk und ohne Holz kein Kreuz.
So wächst selbst die Geschichte aus dem Walde
Und Steine machen die Moral erst wahr;
Womit denn dachten sie vor Christus sonst
Die Ehebrecherin zu steinigen!
Was da ist, Alles auch gehört zusammen,
Selbst Mensch und Wolke so wie Kind und Amme.

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Mai
III.

Selbständig, unser eigen ist das Glück,
Und was wir rein empfunden bleibt in uns.
Ganz unentbehrlich schien uns die Geliebte
In unsrer Liebe! und die Jahre trennen.
Uns drauf von ihr, und nicht mehr ihr Gebild
Lebt um uns — und der ersten Liebe Glück
Währt dennoch in uns fort, so wie das Licht
Des Tages, wenn die Sonne hinter Wolken
Sich barg. So kommen wir im Alter an,
Reich aus der Jugend, aus dem ganzen Leben!
Denn unsere Gefühle waren nur
Die goldnen Schlüssel, die uns alles Schöne
Im Erd-Saal aufgeschlossen: nicht um die Dinge
War uns zu thun, nein, um das inn're Werden
Im Herzen und im Geist. Und folgst du mir,
So glühe die Gefühle oft dir auf!
Einbildungskraft sogar versagt den Dienst,
Wenn du nicht öfter ihre Bilder weckst;
Ja du vergisset deiner Mutter Antlitz,
Wenn du nicht oft es dir erscheinen lässest.
"Dir ist nicht dran gelegen", glaubt Natur
Doch was du heilig hältst, hält sie dir heilig!

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Mai
IV.

Warum des Lebens schöne  B i l d e r  auch
Wie euch, Gestalten selbst, gemach verlieren?
Es giebt nicht Herzens-, Liebestreue nur
Es giebt auch eine Geistestreue des Liebens,
Des Lebens, jeder Blüth' und jeder Rose,
Die uns, den Wandrern, eilig zugewinkt,
Gesagt: "Gedenke mein" — Vergiß nicht Dein!
"Denn auch dieß klare Heut, der Tag bist Du!
"Und sieh, ein Augenblickchen war ich jetzt
"Du selbst! — Gedenke mein! — Vergiß nicht dein!"
Und wie sie gern erscheinen die Gebilde
In uns, die in der Seele harrend schlafen!
Wie sie mit rosigrothgeschlaf'nen Wangen,
Leicht aufgeweckt, rasch munter wie die Kinder,
Mit großen Augen ihren Freund sich ansehn,
Der sie so lang — wie Kinder schlafen lassen,
Indeß er reisete, er liebte, lebte.
Und doch steht keine Thrän' in ihren Augen,
Die kleine Schwester langt sogleich nach dir!
Dein kleines Kind, des kleines Antlitz dir
Verloschen ist, will aufgenommen sein!
Die Mutter lächelt gleich dich an, als wäre
Nicht sie, nein Du  . . .  als kleines Kind  . . .  erwacht;
Sie möchte dich an ihren Busen drücken —
Du kannst nicht sie an deinen Busen drücken —
Und, zu noch süßer aufgeregter Wehmuth,
Zu frisch und göttlich dir erquickter Liebe
Verschwinden sie dir in den dunklen Raum,
In deiner Seele Reich! Du aber hast
— Wie Moses einst den Busch im Himmelsfeuer
Dich einmal leuchtend wieder selbst gesehn.

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Mai
V.

Zu Einem Nagel brauchts eine Schmiede,
Braucht's Feuer, Ambos, Blasebalg und Meister;
Zum Regentropfen braucht's den Wolkenhimmel,
Zu einer Rose brauchts die ganze Erde,
Die Sonne, alle Kräfte der Natur,
Wenn auch nur wenig, auch nur wie zum Spiel.
Zum Menschen braucht's das ganze Geisterreich
Zu einem Kind das menschliche Geschlecht
Bis in den ersten Tag der Welt hinauf,
Wo jene Urkraft, jener alte Meister
Heiß dasaß, und die schönen Wesen prägte
In Himmelsfeuer in der Zauberwerkstatt.
Das ist kein Traum, kein Mährchen; kühle Wahrheit.
Drum schöpfe Athem, Herz, das fast erstickt
In Schmerzverlangen vor der Wahrheit Fülle
Und Pracht. Auch du bist, bist wie Eins, bist Eins
Der göttlichen Gebilde, noch in heil'gem
Zusammenhang mit jenen Wundern all.
Das All ist auch für dich, so wahr, so treu,
So herrlich leuchtend, wie der blaue Himmel
Für Jeden, aber dennoch ganz für dich!
So einzig ganz, als wär' es dein allein!
Der kleine Zeisig in dem leichten Nest
Hat einen ganzen Wald; die kleine Schmerle
Hat eine ganze See; das kleine Röschen
Die Sonnenschönheit und die Sonne ganz
Mit aller Kraft. — Und du, lieber Mensch,
Hast Alle durch dein Fühlen, durch dein Denken
Das ganze Geisterreich. — Nun erst bestaune
Die Macht, die zaubergleich ihr Haus zum Erbe
An tausend Kinder gab  . . .  und Jedem ganz!

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Mai
VI.

Was du den Andern thust, das thust du dir.
Denn er ist — Du! Wir sind vo einem Geiste
Wie überall das Licht vom Licht. Wir sind
Von einem Leib, von einem Teig wie Brote.
Du thust das Gute dir zu gut, das Böse
Zum Bösen. Darum heißest du den Bettler
Ja wiederkommen! pflegst das kranke Lamm,
Und welches Herz ein ander Herz versehrt
Dem fließt das Blut aus seiner eignen Brust!
Drum schreit der Mörder, und der Todt schweigt
Gleich wie vor himmlisch-reiner Scham. — So schweigt
Ein Kind betroffen, jetzt vor seiner Mutter
— dem Götterbild — zum erstenmal geschlagen!
Und wie den Todten überzieht es Blässe.

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Mai
VII.

Wonach das Leben zählen? und nach welchem
Ereignis draußen, oder in der Seele?
Das ganze Leben selbst hat kein Ereigniß,
Das sichtbar wäre; nicht das Kind, der Jüngling,
Der Mann, der Greis erreicht wo einen Zweck,
Ein andres Menschenziel — als Menschen-Leben!
Sie lassen alle irgentwo ein Mahl
Zurück, nicht eine Haut, wie eine Schlange;
Nur Endlich läßt der Sterbende — den Todten!
Sie schweben leis durch die Verwandlungen,
Unmerklich Andern, und sich selbst unmerklich
So unter stets derselben, jungen Sonne.
Nach reizenden Gesichtern, wilden Nächten,
Ja selbst nach guten Thaten zählt kein Edler;
Der Beste kann nur Weniges verrichten.
Wonach das Leben messen? Nach den Jahren?
Der Freunde Innerlichkeit? Können Bilder
Der schönsten Stunden wohl die leeren Wände
Des Alters decken? Läßt das, was noch kaum
Erinnerung, Begnügen ist, sich gnügend
Wie Gold, durch Leiden bis zum Grabe ziehen?
— Vergeblich ist die Rechnung mit dem Gott!
Doch womit sich das Leben füllen läßt,
So, daß zu jeder Stund' es reich und ganz ist?
Von außen kommt dem Menschen nie sein Glück;
Der Reiche kauft vergebens seine Freuden;
Der Hohe steht so hohl wie oft der Arme —
Wohlwollen füllt die Seele aus, und stetig,
Schön und hülfreich Andern, süßerquickend sich;
Der Gute hat den Lebensquell in sich,
Womit er labt, so weit er reichen kann
Von früh bis in die Nacht, und selbst im Traum
Hält er den Becher noch! Er sieht; er hört;
Er bleibt; er reiset; er ist jung; er altert;
Ist alt; ist arm — reich mit dem immergleichen
Wohlwollen, mit dem   h e i l i g  e n   E n t z ü c k e n
A n   d e s   u r s c h ö n e n   G o t t e s   
                                             s c h ö n e n   W e s e n.
Für die er, als ein wahrer Liebender
Bereit zu sterben ist, bereit zu Leben!
Nicht Güter hat das Leben ihm, nicht Zweck,
Solch Leben selber ist ein heilig Gut
Auch Gott', wie jeder Sonnenstrahl bezeugt.
Mit Namen nennt' ich es: Naturerkenntniß;
Denn Liebe wird aus ihr, wie Frucht und Blüthe.

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Mai
VIII.

Naturererkenntnis schafft dem großen Meister
Ein zweites Mal die heilige Natur nach;
Und aus der Liebe-träufend vollen Werke
Haucht Liebe, träufet Liebe in die Seele,
Die es beschaut, gern ganz beschauen möchte!
So riecht ein Gärtner nach den Frühlingsblumen;
Ein Färber hat so himmelblaue Hände,
So himmelblau er aus dem Kessel färbt;
Der junge Arzt lernt allgemach die schöne,
Die erst kranke Jungfrau lieben, wird
Vor Liebe selber krank; doch wie entzückt
Sie als gesundes dankbar Weib ihn erst!
Der Blumenfreund, der sich nur Blumen zieht,
Wird durch die Lieblichkeit der holden Kenntniß
Fest angeloclt. Wer etwas recht versteht,
Von Grund aus, wird im Herzensgrund zeitlebens
Dafür gewonnen, übt und lehrt es froh.
Nur von dem besten Meister muß man lernen.
Vom Werke lernest du des Meisters Kunst;
Ein für dich unbekanntes Werk wird dir
Geheimnisvoll schon lieb, wenn du nur weißt
Es ist von deinem Meister! ist sein Schönstes!
Vermuthe das getrost von der Natur!
Und schaffe dir sie zart, die große, nach,
Ein lieblich Bild in deiner Seele Spiegel,
Und lieben wirst du sie mit Menschen-Liebe.
Denn das, was du begreifst, das hättest du
Auch selbst wohl so gemacht, und ach, du ahnest:
Du selbst bist auch sein Werk, die hohe Kraft,
So ganz, so viel du bist; uralt und ewig,
Wie faßtest du sonst ein Gesetz des Werkes,
Als schriebst du Sternen ihre Bahnen vor.
Nun steigt die Liebessehnsucht schon zu Herzen!
Doch höher steigt die Wonne, steigt am höchsten:
Denn sieh! das schöne liebevolle Weib,
Das deiner Mutter Maske trug und Bildniß,
Wer war es denn — da man sie dir begrub —
Als Sie! Sie die Natur, sie selbst, sie eigenst!
Und auch der Mann, der treu sich als dein Vater
Verkleidet, oft dich mit der Menschenmaske,
So eigen dich geküßt, so lieb dich aus
Den großen Augen angeblickt -- er war sie,
Sie die Natur! ein lebend Werk, hervor
Gegangen aus dem vollen Zauberwerk;
Und ach! Wer mögen auch die Andern sein?
Die Allen? Menschen, Blumen, Mond und Sterne?
Wer magst du selber sein? wenn du es ahnst!
Wer mag im Werk, wer mag das Werk wohl sein?
Wenn du vor heil'ger Scheu es Ahnen kannst!
So strömt denn Liebe aus Naturerkenntniß.
Was aber Liebe selbst, die heil'ge sei?
Des Meisters Sein und Leben, und auch deines.
— Nun willst du, kannst du lieben, oder mußt du,
Sag' das Wort nicht halb nur — : " Habet Liebe ",
Nein; fühlt, daß ihr die Liebe selber seid.

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Mai
IX.

Das ist der größte Vorteil für die Menschheit
Daß Jeder für den Andern alles thue,
Und jeder von den Allen es empfange.
Wie wenig bringt der Einzelne dem Ganzen,
Wie viel empfängt der Einzelne von Allen!
Wie treu beschützt ist Jeder durch die Menschheit,
Wie wenig mehr bedarf es doch zu Eintracht,
Zu Glück und Ruh', zu ungekränkbarer Freiheit
Von allen Menschen, als den Willen Aller:
Jedwedem mit dem Leben selbst zu dienen!
Mit den geringsten Mitteln will der Gott
Die gößte Wirkung — aber durch die größte
Gesinnung, durch die göttlichste: die Liebe!

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Mai
X.

Dort steht der Stern der heil'gen drei König,'
Die längst schon heimgeritten sind und Staub,
Indeß er fortglänzt, ewig schön geweiht.
Doch sie auch glänzen fort uns schön geweiht,
Die einst das Kind gesucht, nichts als das Kind!
Denn von den Elementen, von den Geistern,
Als von den höchsten Pathen reich beschenkt,
Von allen Wundergaben fast erdrückt,
In seiner Wiege liegt das neugeborne,
Das Menschenkind, das nichts als weinen kann.
Und dennoch ist's ein Geist; es ist die Liebe!
Still bringt es wie ein zugemachtes Buch,
Des Himmels Schätze, der Natur Gesetz,
Verständniß und Erkenntniß mit im Herzen.
Und nach und nach entfaltet es das Buch
Und liest der Erde draus, der Sonne vor,
Auf Erden wird kein Wort gehört, bewahrt,
Auf Erden wird kein Werk geschaut, nicht Tempel,
Gebilde, Städte, Thürme, Schiff und Mast,
Ja nicht der Ring an eines Mädchens Ohr,
Das Alles nicht aus einem Kinde kommt.
Denn auch die Andern, die die Sternenschrift,
die Blumenschrift und die Papyrusrolle
Der heiligen Natur ihm aufzuwickeln,
Die Werke zu bereiten, dazustellen
Wohl halfen — Jeder war auch nur ein Kind!
So kommt nun Alles her aus einem Kinde:
Dem goldnen Mund' am unerschöpften Brunnen,
Und fast anbetungswürdig scheint das Kind.
Drum freut der ärmste Vater sich, wenn ihm
Ein Kind geboren ist in seiner Hütte
Wie jener reichste Vater, der im Himmel;
Und mit Entzücken nimmt's die ärmste Mutter
An ihre Brust, tränkt es mit ihrem Leben;
Ist sie so arm, fehlt ihr die kleinste Decke,
Deckt sie es mit dem eignen Leibe zu,
Und dir, der solches schaut, bleibt zweifelhaft,
Was rührender, was schöner, froher sei:
Das Kind nun? oder solcherlei Verehrung?

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Mai
XI.

Wär' keine Sonn' am Himmel, wieviel fehlte!
Und dennoch wollt' ich leben, wenn man könnte.
Doch ohne Menschenantlitz wär' die Erde
Ganz einsam tödtlichfinster. Heil'ges Antlitz
Des Menschen! Schöner Lotus auf der Tiefe
Des Himmelsmeers am Strand der Erde blühend,
Weltspiegel, Geistermaske, Götterbildnis!
Du, du erleuchtest Tag und Firmament
Erst klar! Dich, dich erblickend ist kein Mensch
In Wüsten mehr allein; der ganze Himmel
Ist — wie die Welt zum Menschen — also nah
Und schön zum Kinde worden  . . .  Gott steht vor uns
Anschauend hold in jedem Kinderantlitz.
Nichts wäre Sele, nichts selbst wäre Liebe
Und Wort und Weisheit ohne dich, du Schlüssel
Zur Welt  . . .  wenn aus dem ringsbehaarten Haupt
Des Menschen selber Engelstön' erklängen!
O Schönheit, dein, dein ist der höchste Preis,
Und jedes Antlitz, das ein kindlich-reines,
Ein frommes Herz bedeckt — wie klares Wasser
Das Sonnenbild — ist schön. Das Menschenantlitz
Entdeckt die Wonn' erst, die im Innersten,
Geheimsten der Natur sich zuckend regt
Und überquillt — in Lächeln! Auf dem Antlitz
Erscheint erst der tiefe große Schmerz,
Der die Natur im Heiligsten durchbebt;
Und wenn ein Kind geboren, wenn es lebet  . . . 
Wenn rings der tausendblum'ge Frühling neu
Und jung geworden, ach, dann lebt erst das Kind
Und Frühling auf des Menschen Antlitz göttlich,
Lebt auf, wie nirgend sonst. Als Sonnenuhr
Des Lebens zeigt es alle leichte Schatten:
Es zeigt die Jugend — die an Sternen nicht,
In Rosen nicht so reizend glaubhaft blüht;
Es zeigt das Alter — das kein morscher Baum,
Kein falber Herbst so rührend wahr bezeugt,
Als mit dem wieder blaß gewordnen Antlitz,
Dem Silberhaar, dem müden Aug' des Menschen.
Und selbst der Tod,der heilige, der ernste,
Erscheint in seiner wundervollen Würde
Nur auf dem Menschenantlitz! und noch Eins:
Du siehst, wie durch den leichtgewebten Schleier,
Durch dieses Antlitz selbst die Seligkeit
Der Todten, der dahin Gegangenen,
Wo aller Wesen stiller Urquell ist.
— Drum jedes Menschenantlitz sei heilig.
Es zu verehren wirst du nie bereuen,
Sei König nun, Feldmarschall oder Arzt.

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Mai
XII.

Um mich im Grase weidet sanft ein Lamm,
Ein sogenant-unschuldiges — doch ist es
Ein gräßlich Ungeheuer für die Blumen,
Die es zertritt, zerreißt, zermalmt, verschlingt
Wie kaum der Tiger jemals Lämmer würgt.
Wir groß ist diesen Blumen schon das Lamm!
Wie ehrfurchtswürdig ist dem Lamm der Hund,
Wie göttergleich dem Hunde ist der Mensch,
Der sichtbar, wie allmächtig um ihn wandelt,
Ihn sichtbar nährt, beschützt, ihm freundlich ist!
Du aber stehst, o Mensch, so götterbar
So schutzlos, über dir das leere Blau,
Und was da lebt, liegt Alles unter dir.
O hätte doch der Erde großes Kind
Auch einen solchen Halbgott, solchen Vater,
Wie seine kleine Kinder an ihm haben!
Wie groß, Erzengelgleich, kraft-angethan,
Wie wunderbar, schön, machtvoll, langlebend,
Wie glücklich müßt' er sein! Wie glücklichmachend!
Und sie! Dieß Wunder — dieser kleine Riese ist!
Er lebt! Ein ganz Geschlecht der Riesen wohnt
Bei Menschen, auf der Erde sichtbar wandelnd.
Der Mensch hat seine Götter neben sich
Auf Erden, die sie hold mit ihm betreten,
Rein zu demselben Sonnenlichte schauen!
Und daß man ihnen glaube — im Geschlecht
Des Menschen wachsen selber sie empor!
Wie aus dem Eidechsvolk der Alligator,
Wie aus dem Baumgeschlecht die Riesenpalme,
Wie Platingekörn im Gold! Sie sind
Schutz, Retter, Rath, Trost, Halt der Menschenkinder,
Um welche sich die Knaben sammeln, welche
Die Männer freudig anschaun und sie hören.
Wer sind denn nun des Menschenvolkes Riesen?
— Wie Gold nicht alle Massen Goldes zwar,
Doch Gold im Fingerring selbst wahres Gold ist,
Wie Liebe ist des Gottes Göttlichkeit —
So sind die Liebevollen, Weisen, Guten
Die wahrhaft Göttlichen, Halbgötter, Götter;
Und so sind sie genannt in alten Schriften.

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Mai
XIII.

" O Frechheit ohne Gleichen  . . .  dort am Himmel  . . . 
Du schamlos blasses Antlitz, Sonnen-Auge,
Du — Auge nicht, nur fühllos weißer Stern,
Der auf die Erde todt herniederstarrt
Zur Schar der geisterhaft Lebendigen,
Zur Sandkorngleichen Unzahl ihrer Gräber!
Ich habe keinen Glücklichen gesehn,
Von keinem Glücklichen gehört, von Keinem!
In dieser solchen Welt kann's Keinen geben.
Ein jeder litt schon, oder soll erst leiden,
Sogar das Kind auf seiner Mutter Schoß;
Nicht einer ist in's Grab hinabgestiegen,
Um den nicht jemand sich das Haar zerzaust,
So wie kein Glücklicher ja weint! So ist
O Welt, denn Schönheit, Liebe, Reichthum, Freude
Und Ruh, ja selbst das Grab ist nichts und nichtig
Und dennoch heiß das blauer Hohl da oben
Noch Himmel! Alte unglücksel'ge Sterne
Sie heißen noch: die alte Pracht! die ew'ge!
Ich gönne Euch die ew'ge Seligkeit.
Steig du für mich in's Grab. o Sonne,
Un füll es leuchtend aus — ich steige nicht
Für dich auf deinen Thron! "

                                       So sprichst du Armer,
Der jetzt sein letztes, zwölftes Kind begraben!
Du hast nicht Unrecht, doch auch Recht nicht so!
Ein Wort! — Was bringt des ew'gen Lebens Fülle
Hervor — Was fühlt das reichste Herz, wie deines,
Auf Erden mitten in dem Himmel? — Schmerz!
Die unaussprechlichste, die höchste Wehmuth,
Die Sehnsucht! — Alles, was sie haben möchte,
Das hat sie in und an sich selbst; sie hätt' es
Im offenbarsten Mangel erst recht wirklich.
Die heil'ge Wehmuth ist der Kern der Welt,
Ihr Leben, herber Ernst — und doch nur Schein! Traum!
So schwer zu träumen, war nicht leicht zu ordnen;
Denn alle Sterne hängen an den Säulen
Der Welt, wie Lampen an dem schönen Tempel
Des Traums, aus welchem Niemand je erwacht;
Nur daß wir träumen, träumen wir, und lächeln.

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Mai
XIV.

Das Menschenherz geht immer schwer. Gefangen
So wie ein Vogel, unter himmelweiter
Krystallner Glocke fühlet sich der Geist
Auf Erden; denn sein Wünschen, sein Verlangen
Befriedigen nicht die Jahre, nicht das Grab,
Das aus der letzten Ferne grün ihm dämmert,
Und darum, wer jung und reich und schön,
Im Ganzen und im Großen glücklich scheint,
Dem wuchert Sorg' im Herzen um das Kleine.
Und der, wer Sorg' hat um sein täglich Brot,
Um Holz, die Kinder aufzuwärmen, Sorge
Selbst um ein krankes Kind, die ihn nicht schlafen,
Nicht weinen läßt, der ist der Glücklichste
Der ungestillten, unstillbaren Menschen;
Und über große Furcht und groß Verlangen
Ja über seine dunklen Tage täuschet
Den Guten mild sein gutes Herz hinweg.
So bringt die übergewalt'ge Kraft der Sonne
Mit allem überreichen Saft der Erde
Im Frühling Blumen nur hervor; sie säumet
Die Bäche grün mit Gras; bedeckt die Bäume
Mit Blüthenschnee — und thut damit genug;
Die Mäßigung trifft überall das Rechte.

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Mai
XV.

Halt dein Tage ja nicht für so wenig,
Weil sie dir gar so einfach, so verschwiegen,
So ungekannt verlaufen. Kennest du
Sie doch! Erkenne sie, und laß im Herzen
Und Geiste dir sie recht lebendig glühen.
Du wohnest auf dem Grund der alten Welt
Am alten Webstuhl sitzest du und hältst
Das volle Webschiff jetzt in deiner Hand
Die fernen Berge senden dir die Bäche,
Den Fluß zu, der dir deine Wiesen wässert:
Die ungesehnen Meere wälzen sich
Und senden dir die Wolken zu, die sichtbar
Nun deine kleine Birnen an den Bäumen
Groß tränken, selbst das Kraut in deinem Garten;
Die fern-gebornen Winde rauschen über
Viel hundert Thäler her und wogen dir
Die Saat! Die Sonnen kommen dir, die Monde
Aus weiten, weiten Seligkeit-erfüllten
Urtiefen dir so nah, bis an dein Fenster,
Uns schatten dich, der Kinder kleine Häupter;
Die Blumenhäupter schwarz und lieblich ab;
Du lebst lebendig mit Lebendigen,
Die Dein sind, in dem wie vergessnen Thale —
Und hinten in den Räumen löschen Sterne
Indessen aus, Gewölke fallen zu,
Und neue Seen bilden sich voll neuer
Gestirne, die des Lebens froh dahinziehn,
Wie Fische in dem Teich auf alten Wiesen!
Mein Herz, so wenig und so unbedeutend
Sind deine Tage, daß du jeden betend
Auf deinen Knieen jauchzend feiern solltest
Doch lehrest du indessen deine Kleinen,
Besorst dein Haus, denkst rein und fühlest libend,
Tränkest diesen Wanderer, zeigest dem den Weg,
Hast du die Tage göttlich auch vollbracht.

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Mai
XVI.

Wie ist des Lebens Grund so zauberisch!
Aetherischer weit als das Malertuch,
Der Farbenschmelz zu Raphaels Verklärung.
Nicht dauerhafter ist da Netz der Spinne
Als dieses Tages helleuchtendes Gespinnst,
Gespinnst der Mutter-Sonne für die Wesen,
Leicht hingehangen, leicht bewandelt, leicht
Hinweggenommen wie ein Schleier! Wie
Der Frühling seinen Blüthenteppich
Aus für die Kinder, breitet! Wie der Winter
Die weiße Decke für Spiele breitet!
Und in dem zauberhaften Element,
In solcher Wunderhöhle dieses Tages
Nun sitzen wir, so wie in einem Mährchen,
Hervorgehangen, Niemand weiß: woher?
Vor tausend Sommern waren wir nicht hier!
Nach tausend Herbsten sind wir lange fort!
Und jetzt, heut sind wir so unläugbar da,
Unläugbar Mährchen-Wesen: Mährchenkinder
Die Kinder; Mährchenhäuschen unsre Wohnung,
Die Königsschlösser und die Götterkirchen.
Ja Mährchenbäume unsre frischen Bäume,
Die laut im Wind Säuseln, deren Frucht
Jetzt laut wie Tritte zu mir nieder rollt;
Und Mährchenlieder sind die Lerchenlieder,
Und Mährchenlied der Hirten Herbstgesang
Selbst jene Sonne, die da sinkt -- ist ein Mährchen!
Das Wunderbare schadet nicht dem Leben,
Es hält nicht an, ich bin ein Wunder auch;
Es läßt die Menschen feierlich erscheinen,
Die kleinen Kinder in der Wiege himmlisch
Die Tage einzig und die Nächte selig;
Die schöne Jundfrau ist nun erst so schön!
Ihr Aug' betäubend, ihre Liebe Segen!
Sogar der Böse, selbst der Häßliche
Der Stein, das Grab, das Unglück und das Leid
Sind lieblich für die stille Götterseele,
Die wie auf goldner Fluth emporgetragen
Als Göttermond am Götterhimmel steht.

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Mai
XVII.

Nur weiß und roth, als wären seine Blüthen
Die Blätter, die in grünen Knospen schlafen:
Und in den Blüthenhause hat der Staar
Sein Nest gebaut, die Jungen ausgebrütet;
Und überrascht, daß aus den kleinen Eiern
So gelbe Schnäbel sich hervorgethan.
Die ihm mit lauter Mahnung "Vater" heißen,
Fliegt er mit Lust und sucht den Kindern Brot.
O welcher Kaiser nistet so prachtvoll
Wie dieser Staar in seinem Apfelbaum,
Der wiederum wie eine Blume nur
Mit hohem Stengel, als die schönste Blume
Der Erde in dem zarten Grünen steht!
Und hier auf diesem hohen grünen Thurm
Mit weißer Glocke -- in der Lilie,
Hier wohnt ein goldner Käfer wonnevoll,
Wie nie der Stolzeste der Menschen wohnte.
Und was den Staar mit Weib und lieben Kleinen,
Und was der Käfer über Menschen weit
Erhöht — sie achten ihre Wohnung nicht!
Vor Freude, Liebe, vor Geschäftigkeit
In ihrem stillen heiligen Beruf,
Gedenken sie des göttlichen Pallastes
Nicht, drin sie wohnen, daß sie glücklich sind.
O Welt, o schöne, schöne Frühlingswelt,
Die wie ein Baum mit goldnen Sternen prangt
Und ewig blüht, so soll der Mensch auch dich
Vergessen, innewerden dich nur kaum
Von Menschenwerthem seligen Beruf;
Dann lebt der Mensch als Mensch erst — wie der Staar
Im Blüthenbaum, und wie der goldne Käfer
Auf seinem Lilienthurm mit weißer Kuppel.
Drum heil dem Menschen, der vergessen kann
So Frühling, Erd' und Sonne, Nacht und Himmel!
Denn welche Götterschätze erst bewahrt
Das Menschenherz, das solche Augenwonne,
So schönes Regen rein vergessen kann,
Als lebte rings in allen Weiten nichts,
Als würde nichts in diesen Weiten leben
Als er mit seinem Herzen, seiner Liebe!

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Mai
XVIII.

Ein heimlich Wort, das Jeder bei sich trägt,
Bewegt ein ganzes Heer durch Länder! Schlachten!
Mit wenig Sprüchen in der Seele soll
Die ganze Menscheit durch die Welt sich schlagen,
Die ungesprochne Schlacht des Lebens liefern.
Ein wenig Frömmigkeit, ein wenig Weisheit
Nimmt sie am Morgen für den neuen Tag
Zur Nahrung, Weisung, und auch das noch selten,
Und so beginnt auf's neue solch Gewirr!
Wie viele Tausend würden gar nicht leben,
Ja alle selbst vermöchten keinen Fuß
Zu setzen, Auge nicht, nicht Hand zu rühren,
Wenn sie es durch Verstand und Wissen sollten;
Nicht Einem wüchs' ein Haar auf seinem Haupte,
Nicht Einem schlüg' ein Herz in seiner Brust;
Wenn sie anordnen, sie bereiten sollten,
Was sie zum Dasein nur bedürfen, selber
Den eignen Leib, der eignen Seele Kunstwerk,
Wenn nicht Natur und Gott für sie gewirkt;
Die Silberlampe droben aufgehangen,
Das grüne Schlachtfeld drunten weich geschmückt;
Wenn nicht die reiche Menschheit für sie lebte,
Gelebet hätte, Bahn gemacht und Tag.
Doch immer ist der Troß der Fröhliche!
Und auch die ganze Menschheit ist nur Troß!

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Mai
XIX

An hundert Orten sah ich Weiber, Kinder,
Gehöfte, Gärten, Häuser, Pferd' und Hunde,
Recht widerwärtig all' und häßlich sehr,
Und dankte Gott, daß sie nicht mir gehörten!
Doch alle sah ich hochgeschätzt, geliebt
Sogar schwervermißt an ihrem Ort!
Nur weil auch ich das Meine theuer hielt
Und liebte, darum hielt ich Jener Liebe
Nur nicht für thörig! Schaue denn umher,
Wie lieb, wie einzigwerth in weiten Reichen
Dir Ungekanntes, kaum Empfundenes,
Ein jedes Bäumchen selbst vor seinem Hause
Der Menschen Jedem ist, da wo er wohnt
Und lebt und liebt und kennt und erkennt!
Laß die des Deinen Werth das nicht vermindern,
Noch täusche dir ihn selbst hinweg; nein, lieber
Und besser: theile all' des Deinen Werth
Dem Werthe zu, was Andere besitzen!
Und kannst du das, so theile allen Werth
Der Schätze, die die Liebenden umher
Besitzen, reich, so reich dem Deinen zu!
Dann wirst du ohngefähr ein Theil davon
Erkennen und empfinden: was ein Jedes
Dem Gott werth ist, dem Menschen werth sein soll.
Doch schweige ganz bescheiden davon still.
Denn dem Bescheidenen vergrößert Gutes,
Verkläret Schönes sich viel tausendfach,
Und hast du's so bescheiden, hoch erhoben,
Dann halte, wenn du das auch kannst, es erst
Für wenig  . . .  nichtig  . . .  menschlich. — Gott ist groß!

————————;

Mai
XX.

Ein Mensch ist nicht das Tausendtheil vom Menschen.
Das menschliche Geschlecht ist erst der Mensch.
In ihm wohnet alle Liebe, alle Kunst
Und alles Wissen. An ihn giebt ein Jeder
Das Seine, stirbt und läßt es. Von ihm nimmt
Ein Jeder Alles, alles Menschliche,
Und wundersam wird jeder Einzelne
Dem Ganzen gleich, an Licht, Genuß und Wahrheit.
So lebt er als ein ganzer Mensch; so leben
Durch Alle All' als menschliches Geschlecht!
Und jeder nimmt sich eine ganze Erde
Im Tode fort — wie eine Symphonie,
Die alle Hörer spielten, alle Spieler
Im Kreise hörten, still sich selbst entzückten
Bis jede Stimme, die nun ausgespielt,
Ihr Licht auslöscht, und leis nach Hause geht.

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Mai
XXI.

Wer weinen sehen will, seh' den Armen weinen,
Der im Gefühl  ja vor den Augen Gottes
Sich selber stehn sieht weinen — und drein lächelt!
Und seine Thräne wird zu Himmelsduft,
Die laute Stimme wird ihm leis und steckt,
Das Denken fehlt ihm, er verwandelt sich
Für einen Augenblick zu fremden Geist,
Und wer ihn sieht die Thränen trocknen, ach,
Dem quellen sie vor Nähe Gottes heilig!
Wie ist der Arme reich! wie kann er reich
Noch machen! Wieviel hat er noch zu geben!
— Wenn der nicht geben soll, der wenig hat,
Wer arm ist, ja recht arm — wer soll da geben?
Wer giebt da wirklich! wenn nur geben heißt:
Das was du selbst bedürftest — nicht bedürfen,
Weil's Andern wohlthut, und dieß erquickt.
Drum fordre nicht Erquickung von den Reichen,
Nicht ihre, nicht Erquickung eines Armen —
Sie kennen Armuth nicht, nicht Werth der Gabe;
Wie er empfangen würde, kann er geben!
So giebt allein der Arme, und ist selig,
Wenn er auch unglückseelig scheint und elend.
Die vielen tausend Armen nur erhalten
Die vielen tausend Armen, selbst die Reichen
Durch ihre stlle Dienstbarkeit und Armuth.
So ist es. Und so ist das Leben reich!
Und reich die Herzen. Und so gern ich dir
Die Thränen gönn' o Seele, weine nicht;
Die du beweinst, sind seliger als du.
Und so erstaun' auch nicht! bewundre nicht
Die unaussprechliche Geduld, den Langmuth
Der ungezählten Heerde armer Menschen,
Die mit der tausend Arme Riesenkraft
Nicht! durch so leichte spielende Gewalt,
Der Erde Schätze von den Tischen reißen,
Den wenig Reichen gönnen sie und gern
Des Lebens pracht-bedeckten goldnen Tisch;
Nicht "blutbesudelt Fleisch" begehren sie,
Nicht "Sonnenrinder, die am Spieße brüllen,"
Schon aus Gewohnheit, arm zu sein und stark.
Denn keusche Reinheit, heiliges Gefühl
Der Himmelsabkunft, zarter Göttersinn
Wohnt in dem armen menschlichen Geschlecht.
Drum laß es weinen, weine nicht, o Seele;
Im Stillen, sanft, im Ganzen allverbreitet
Laß es das Leben allgemach schmücken,
Auf reinstem Wege, wie dem Mensche ziemt.
Die Einzelnen nur mögen Reue Fühlen,
Dem menschlichen Geschlecht ziemt Reue nicht,
Ziemt alles Große, Würdige und Schöne;
Und sicher seines Tages, in mildem Stolz,
So wandelt's rein zum reinsten Erdenglück.

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Mai
XXII.

Wenn du um etwas steitest, streite so:
Daß du das nicht versehrst, warum ihr streitet;
Doch was ist so viel werth je, als das Eine,
Das stets bei Streit versehrt wird — deine Seele!

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Mai
XXIII.

" Sag', wie erwerb' ich mir Zufriedenheit? "
Zufriedenheit ist nur, so wie der Tag
Die Folge von der Sonne, so der Glanz,
Der Ausbruch deiner sonnenklaren Seele.
Du mußt die Braut die erst erwerben, eh' du
Das Weib, die Mutter an ihr hast, die Kinder!
Ich bin zufrieden, scheint es mir, wenn ich
An einem Tag gesinnt bin wie am andern:
Und da kein Tag dem andern gleicht, da jeder
Gern Neues, andres Leid und Freude bringt,
— aus unsrer eignen Brust herauf sie bringt —
So muß ich ruhig fühlen, also sicher;
Muß heiter in dem Wandel alle stehn,
Muß also Höheres in mir Selber tragen,
Als mir die Stunde bringt, die Stunde raubt;
Ich muß der Seele bestes Glück besitzen:
Ein reines Herz und Liebe zu dem All.
Mit diesem einen selbigen Gefühl,
Mit diesen immergleich anschau'nden Augen
Kann ich die Welt aufnehmen, ab sie weisen,
Sie dulden, mich ihr neigen, ihr entziehen,
Was umm mich her, was in mir selbst geschieht,
Zum Schönen führen, mild bewalten. segnen.
Ich muß ein großes frohes Ziel erstreben,
Das mir der Dinge Wandel kaum nur Zeigt,
Nicht lehrt, nur täglich drängt, daß ich's erstrebe!
Auch Kampf und Abwehr ist schon halber Sieg,
Und was der That gebricht, ergänzt der Wille.
Erkenne nur, erfüll' es ganz das Wort:
Ich bin ein Mensch — so bist du auch zufrieden.

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Mai
XXIV.

Hätt' ich mein Leben oder nur den Anfang
Davon, zwei Zeilen nur auf eine Tafel
Aus starkem theurenm Gold eingraben sollen,
Wie hätt' ich angehalten! es bedacht!
So aber schreibt ein Jeder, wie die Kinder
Auf ihre Schiefertafel leicht verlöschlich,
Sein Leben unverlöschlich, unaustilgbar
Leicht in das schwere Element der Tage,
Das unbeweglich hinter uns sich thürmt,
Wie eine Wolkenwand — aus Diamant,
Ganz unzerstörbar, fester nur als Gold;
Er schreibt es Menschenherzen ein als Schicksal,
Er schreibt es eisern in sein eignes Herz!
Drum, Schreiber, denke, dichte, mal' erst wohl!
Den kleinen Wiegenkindern singt man selber
Im Lied ein Bild von ihren Tagen vor!

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Mai
XXV.

Wen von dem Schicksal Unglück trifft, der duld' es!
Wem von den Menschen Unrecht widerfährt,
Vergeb' es, auch so sachwer es sei, vergeb' er's
Als sichre, edle Hülfe. Denn der Kampf
Dagegen heißt wohl edel, doch er ist
Vergeblich, als unmöglich, so wie gegen
Den gestern abgeschossnen Pfeil, und macht
Erst wirklich elend, Dulder gleich dem Thäter.
Nur gegen Unrecht, das er selber that  . . .
Und möchte, kämpfe lebenslang der Mensch.

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Mai
XXVI.

Der Glockenschlag, der zum Begräbnis ruft,
Ist aus der lärmendvollen Menschenwelt
Das Letzte, was den Todten noch bewegt.
Dann liegt er ungestört auf immer still
Im ringsum lauten wirren Lebenslärm,
Wie ein Gebliebener aus der Wuth des Schlachtenlärms.
Weit ist er fort, und scheint noch nah, wie Mondlicht,
Nah ist sein Geist, und dünkt schon fern, wie Sterne
So wird der Mensch begraben — wie ein Tropfen
Im Meer, wie Morgenroth im Sonnenaufgang,
So wie ein Sandkorn in der großen Wüste.
O Seele! armes armes Kind, wie wandelst
Du doch so einsam durch das große Reich
Des Lebens! So verlassen wirst du hier
Geboren; so verlassen ziehst du fort
Auf einsam, einsam graunvoll dunklem Pfade,
Gleich wie der dunkle Mond zu neuem Licht,
Wo dir es wird in's Auge brechen; wann
Du wieder wirst, so wie ein Sklavenkind,
Gesetzt in eine Hütte werden! Dennoch
Verzagst du nicht, bist hier und dort bei Wesen,
Die alle, jedes einsam, so wie du
Sich an dich schließen, sehnlich, du an sie,
Von nichts gebunden, und von nichts getröstet
Von nichts beglückt — als überall von Liebe.
Drum wer da haßt, der ist allein! der scheidet
Sich aus von diesem großen Reich des Lebens,
Der müßte mehr als Gottes Kraft besitzen,
Um einen Athemzug lang froh zu sein,
Indeß ein Zug vom Quell der Liebe gnügt,
Das ärmste, längste Leben reich zu machen
Und scheidend ew'ge Seligkeit zu träumen.

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Mai
XXVII.

Da wo ein Schmerz dich überkommt, wo dich
Die Thränen überfallen, da gewiß
Liegt dir zugleich ein Schatz zu heben, welcher
Die Thränen und den Schmerz dir reich vergilt,
Ein Wahres hast du da zu finden, hast
Ein Schönes da zu schauen, hast ein Gutes
Zu thun, ein Unrecht gut zu machen; sicher
Und mindestens hast du schönsten Lohn:
Das Leben zu erfahren und dein Herz
Zu prüfen, frisch den Himmel anzuschauen!
Die Thränen eben öffnen dir die Augen,
Die Schmerzen eben wecken dir das Herz;
Drum merke auf die Götterzeichen — froh!
Und wo du leidest, freue dich voraus!
Sei froh in Unglück, sei des Unglücks froh,
Daß du an ihm dein Glück beweisen kannst,
Die Kraft und Weisheit, Liebe, Ruh' und Arbeit!
Dann und nicht eher, bist du recht ein Mensch:
Dann aber giebt es dir nur stetes Glück.
So trägst du leicht und überträgst den Schmerz
Im Sinn, den dir Natur ihm gab zum Heil.
Wie glücklich ist schon, wer nur Gutes will!

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Mai
XXVIII.

Der helle Tag ist auch nur eine Nacht,
Die heil'ge große Nacht im All;
Die Sonne eben ist die Lampe nur,
Die sie beweist, mit jenen tausend Lampen
Aus Noth, der Nacht zu steuern aufgehangen.
Und doch, die Sonne fürchtet nicht die Nacht,
Mit jeden Morgen scheint ihr anzunahen,
Sie wird ja da sein! Sie wird bei sich sein!
Du trägst vor deiner Brust, so wie der Bergmann
Sein helles Schachtlicht in die Grubennacht,
Ein noch viel heller unverlöschbar Licht
Mit dir; und graut dir vor der Finsterniß
Auf deinem Weg da draußen in der Ferne,
Die du allein durchwandern sollst? — Getrost!
Und wäre jene Finsternis der Tod,
Das Grab, und wo du je auch weiter wandelst.
Du wirst ja da sein! Du wirst bei dir sein!
Um wieviel mehr wirst du an jeder Stelle
Des Lebens, auch in allen dunklen Stunden
Voll Leid und Schwermuth, scheinbar ohne Ausgang,
Mit deiner Seele, deinem Lichte da sein
Und helle sehn, durch deine Kraft sie hell sehn!
Getrost! laß alles kommen. Kommst ja du!

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Mai
XXIX.

Kaum hatt'ich einen Apfelbaum gepflanzt,
Kaum lag der Stein erst ruhig unter ihm,
Kaum waren rings die Wurzeln eingelockert
Mit Erde nun bedeckt, der junge Stamm
An den zuvor gesetzten Pfahl mit Weiden
Gebunden, kaum stand wie großgeboren,
Wie hingezaubert er bei den Geschwistern,
'Nur kleinen Raum mit seiner Krone füllend —
Da setzte sich ein Finke schon, herschlüpfend,
Wie längst gewohn, auf seine Knospenäste
Und schlug sein altes Lied auf jüngstem Zweig!
Am Morgen hatte eine Spinne schon
Ihr Netz daran gehangen, zart und künstlich!
Und wenn ein Gott die Spinnerin gewesen,
Nicht zarter, künstlicher hätt' er's gewebt!
Und wäre Gott der Apfelbaum gewesen,
Nicht schönern Purpurschnee hätt' er geblüht!
Der Finke aber kam und schlug wie gestern,
Wie ewig! Schon uralt war ihm sein Bäumchen!
— Da sprach ich tief beschämt zu meinem Geiste:
Wer wärest du, wie gar so hold-unschuldig
Und glücklich, weiser als die größten Menschen,
Vermöchtest du zu thun, wie dieser Vogel!
Wär' dir die klare Sonne so ureigen
Wär' dir die alte Erde so urjung,
So leicht betretbar, flugs so froh-erfaßlich,
Das menschliche Geschlecht und all sein Leben
So ganz, so überschenglich voll, genug;
Sein stets urjunges, stets urschönes Dasein,
Sein Wissen, Anschaun, Fühlen, seine Kunst —
Und wie der Vogel sängst du Ur-Gesänge,
Und wie die Spinne spönnst du Meister-Werke,
Und wie dem Jungen Bäumchen blühte dir
Aus erster Knospe, göttergleich gelungen,
Die schöne Blüth' aus Purpurschnee unf Duft! "
— Und leise sprach mein sel'ger Geist zu mir!
Wie weit vom Göttlichen doch lebt der Mensch!
Denn, fühlt' er göttlich, wär's ihm nah! lebendigst!
Er schüf es göttlich, wie zu Thau das Wasser!
Er macht' es göttlich — wie den Blüthenbaum!

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Mai
XXX.

Wer also dichten könnte, wie der Gott
In seinem Werk, der schönen Welt, gedichtet!
Wer alles so lebendig herzustellen
Vermöcht, und so wieder Leben zeugend,
Wer sein ganze Seele so entfalten,
Lebend'ger als ein persisches Gewand,
Drauf jede Rose voll von Nektar duftet
Drauf jede Nachtigall bezaubernd schlägt,
Darauf die Winzer fröhlich singend ziehn,
Und von ein wenig Most berauscht das Kind
Schon rosigglühend süß im Schatten schläft!
Wer solche Farben, solche Stoffe hätte!
So hohe Kunst! und eine Seele, gleich
Des alten frommen Meisters Kinderseele!

        Ach, eitler Wunsch! und überflüssiger!
Nur Augen, Augen, recht sein Werk zu schauen,
Und Seele, Seele ganz es zu verstehen,
Und Herz, so wie's da ist, ihm nachzufühlen,
Wie rührt dich dann die liebevolle Seele,
Die er dem ew'gen Werke eingehaucht,
Dem schönen Menschen und den schönen Blumen!
Dann rühret dich die hohe Sittlichkeit,
Geduld und Wahrheit, die in Allem lebt,
Die selbst die Wolke und der Wassertropfen,
Die Blum' am Bach und jedes Gräschen übt.
Die Wahrheit ist der Grund von seiner Welt,
Und alles zeigt sich, wie es ist: die Lerche
Singt redlich, wie ihr um das Herz ist, selbst
Das Veilchen duften und die Lilie athmet
Aus reinem Kelch, wie's ihr der Gott geheißen,
Nicht eines Blattes rege Zunge lügt!
Nicht eitel selbstgefällig rühmet eins
Der schönsten Werke sich, nein nur den Meister,
Wenn auch der Pfau sein prächtig Rad dir zeigt,
Wenn dort die Sonn' ihm ähnlich untergeht
Und in dem ros'gen Rad sich Sterne zeigen —
Sie treten leise nur hervor, und lassen
Geduldig jedes Nachtgewölk sich schon
Verwehn! und über Nacht verblühen still
Viel tausend Blumen ohne einen, auch
Den kleinsten Laut, und neigen, auch verblüht
Noch rührend, sanft begnügt ihr Haupt zur Erde.
Dem Menschen aber ziemt es zu verstehn,
Was laut der Gott durch seine Werke redet.
Und hast du es verstanden, liebe Seele,
Dann gehe hin und dichte auch ein Werk —
Wenn du noch Muth hast, frommbegabte Seele.
Mich aber lasse noch ein wenig schauen,
Bis heiliger Schläf auf meine Augen sinkt,
Bis die mir erst nur vor Bewunderung
Gefaltet' kalte Hand der beste Freund
Selbst nicht mehr löst, und todt mich selbst bewundernd,
Den Gott anbetend, nicht mehr lösen mag!

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Mai
XXXI.

So, wie der Mensch sich selber nie erschienen,
Wie er sich nie besessen und erfahren
Als Angefangnen und Beschlossenen,
So hat ihn die Natur! hat ihn die Menschheit!
Als ganzen Menschen, schon als Kaumgebornen:
Als Kind, als Mann und Greis und noch als Todten;
Und nicht nur seine Bäume, seine Kinder
Besitzt sie und sein Haus, — so wie die Schalen
Der Perlenmuschel und das große Dach
Der Seeschildkröte — und das, was er wirkte.
So wie des Seidenwurms ganz gespinnst,
Nein! Geniengleich besitzt sie auch ihn selbst,
So wie die Erde noch der Sonne Bild
Und Kraft und Leben, nach dem Untergange.
Und aus den unzählbaren Genien
Der Abgeschiednen bildet sich ein Reich,
Ein lichtes schönes Todtenreich auf Erden,
Am Tage, jedem sichtbar mit dem Auge
Der Seele; zugangbar für Jeden neu
Erscheinenden auf Erden — wie ein Himmel,
Ein Göttersaal und ein Versammlungshaus
Im Sonnen-Lichtreich, wie die Genien alle
Zuvor im Geistereiche einst gesessen!
Und also, wie mehr Tage sind als Sonnen,
So leben viel mehr Genien der Todten
Als nur der eine Schwarm der Lebenden.
Und wer als Lebender den Göttersaal
Betritt der Menschheit und der Himmelsgeister,
Der tritt in ihre heilige Gemeinschaft,
Den überschütten sie mit ihren Schätzen
Der wird ein König über all die Genien,
Als Geist, als Lebender und Herrschender
Im Reich des Lichtes unter ihnen lebend;
Der wird ein Richter wie der Unterwelt,
Und wird ein Diener wie der höchsten Welt;
Und welche Namen welcher Genien
Du auch nennst, der höchsten, schönsten, reichsten,
So wird der Bettler selber noch ihr König,
Und jeder König selber wird ihr Diener. —
Und dies Geheimniß waltet offenbar,
Unläugbar, sichtbar auf der Erde fort.
Und also göttlich, rein, unsterblich, machtvoll
Wirst du den Genien dich zugesellen.
Und jeder wird, in ihrem stillen Reiche
Einst aufgenommen, leben so wie sie.
Doch hör' auch nun das feierlich Wort:
Wie du dich niemals selber hast besessen,
So besitzest du im Leben selbst
Den Gott, die Menschheit, die Natur, das Leben
Wie Gott, die Menschheit und Natur und Leben
Sich nie erschienen, nie sich selbst erfahren!
So hast du dich, o Mensch, so göttlich einzig
Zu einzig schönem Leben hier gefaßt
In deinem Geist, in deinem Menschenbilde,
Wie nie das All ein Gleiches je besessen,
Wie nie das All geschaut, empfunden worden,
So lang der Himmel war, der Himmel bleibt.
Sich eigen sein, und einzig sein für immer
Wie jeder Mensch und jedes Veilchen selbst,
Das ist der ewige Triumph des All's!
Und die Verlängerung seiner Kraft und Liebe
Wird seine heil'ge höchste Offenbarung!

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