Laienbrevier

Februar
XXI.

Von selbst ist Alles ewig. Darum war es
Das höchste Meisterstück: Vergängliches
Hervorzubringen — Etwas, das nicht scheine
Schon dagewesen; was verschwunden scheine
Vielleicht schon verschwunden sei, wenn's nicht mehr da ist,
Und was doch wunderbar, den Raum erfüllend,
Die Zeit andauernd, ganz unläugbar da sei.

Den unergründlich-tiefen See der Kräfte
Ließ darum einst der Meister überströmen
Zu unaufhörlich breitem vollem Sturze
In unabsehlich jähe Tiefe. Schweigend
Nun stürzt der See, und wird — ein ruhig Bild
Aus immerfort zum Abgrund flieh'nden Massen;

Hell blitzt er in der Sonne; fest, nie wankend
Steht auf ew'gen Sturz der Regenbogen
Und deckt mit heitern Farben Grauses zu.

Wir — schiffen droben auf dem uferlosen
Rastlosen See, still unaufhaltsam nah
Und näher — und in seinen Sturz gezogen,
Und singen Lieder, Abschiedslieder an
Die Lieben, die fern hinter uns noch schiffen,
Die bald auch singend an den Sturz gelangen
Und jäh verschwinden, wo wir erst verschwandem
In Schaum und Donner — im Strom der Welt.
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Orginalfassung

Bearbeitung; Horst Georg Padelt - 2006