Laienbrevier

Februar
XVI.

Viel tausend Menschenherzen in Eleusis,
Am Indus, in Aegypten sehnten sich
Hin in die Welt, — nach Elisium!

Sie wünschten seine Sonne einst zu schauen,
Nur eine Rose aus dem Götterlenz
Zu pflücken — und dann gern selbst tot zu sein.

Tief in dem Wunsche lag die Sehnsucht nur
Nach einem ew'gen Leben; daß die Menschheit,
Die schöne Menschheit ewig leb' und liebe
In ew'gem Lenz, im lauten Reich der Sonne!

Wohlan, ihr Mumien! so seid denn gern
Gestorben! gern nun tot! die frühesten
Geschlechter knüpfet an die spätesten
Dasselbe Herz! — so ruf' ich wie ein Herold
Die Zeiten, laut und froh in eure Vorwelt:

Wir sind! die Menschheit ist dahin gelangt,
Wohin ihr einst euch eingeschifft! es leuchtet
Vom heil'gen Himmel uns die ew'ge Sonne,

Es blühet um die Erd' ein ew'ger Lenz,
Die Liebe lebt! die Lebenden sie lieben,
Die Liebenden sind selig — um uns grünt
Und blüht der goldne Hain der Hesperiden,
Die Welt ist unser! Unser ist der Gott!

Sogar der Strauch der Rose lebet noch!
Das kleine Veilchen selbst ist nicht gegangen!
Die Lerche singt und sieht noch aus wie vor,

Noch seine grüne Streifchen hat das weiße
Schneeglöckchen! selbst des Feuerwürmchens kleine
Laterne Nachts im Grasesschatten ist
Noch nicht verlöscht, viel weniger die Sterne! —

Wir leben gern — so seid denn ihr gern tot!
Und weil ihr zweifelt an der Nachwelt,
— In der wir leben voller Überzeugung —

Nun darum zweifeln wir an unsrer Nachwelt
Denn nicht! und weil ihr eure Mitwelt so
Geliebt, beweint, so schön uns vorgestellt,
Drum haben wir erst eure Vorwelt recht!

So sind wir von zwei Himmeln denn umfangen!
Und in der Gegegenwart, in diesen Räumen
Liegt eine Tiefe — unermeßlich-tief!

Und in der Unermeßlichkeit, im Herzen,
Im Geist lieget uns die Seligkeit —
In Eines Menschen Leben alle Zeiten!
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Orginalfassung
Bearbeitung: Horst Georg Padelt - 2006