![]() |
Das Volk ohne MagenReisegeschichte des Prinzen FamescoNovelle von Leopold Schefer |
Seiten 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40
41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 bottom
|
|
|
|
|
|
|
|
Reise nur
Niemand zu seinem Vergnügen zur See! Denn das ist so, und noch schlimmer,
als setzte sich Jemand auf einen ungezähmten Wallfisch, weil er gerade,
ruhig scheinend, sein Mittagsschläfchen macht. Diese Herren Wallfische
sollen zwar jetzt gezähmt werden, als Rosse des Schiffes, aber ich denke
mir immer, daß sie durchgehen, wie Pferde in den Hafer, wenn sie ein
schönes Wallfischfräulein, Kameraden und alte Bekannte finden. Sollte man
aber auch so glücklich sein, diese Staatsequipage zu Stande zu bringen,
und tüchtige Kutscher mit oder ohne Peruquen dazu aufzutreiben, so weiß
doch das Meer von unserm Menschenvergnügen nichts, und brüllt wie ein
Löwe, so bald und so oft und so plötzlich es will. Nur
Einen Tag und den andern vielleicht |
|
|
huschen viel tausend Schiffchen wie Schwalben dahin, und
kommt darin der Sturm und sieht sich um – weg sind sie im Hafen! Der Sturm
mag sich vielleicht auch darüber ärgern, aber Aergerniß der argen Herren,
wie Herr Wind, ist gut und zum Heil. Ueber mich aber hatte er Freude,
große Freude, denn ich fuhr auf einer Seereise im stillen Ocean,
wenigstens auf drei Monat vom Hafen von Lima — Callao de
Lima — aus, und wollte in den indischen Archipel, nach Japan
u.s.w. |
|
|
Herzog der Dukaten nicht erobern konnte, das bekam oft
der Prinz umsonst als Tribut seines Ranges; und was der
Prinz noch nicht gratis bekam von allerhand Volke, von Männern und
Weibern, das erschlich sich gewiß der Croqueur, wie mein Kammerdiener sich
erlaubte, einst meinen werthen Namen Famesco zu übersetzen. Nur ihn selber
vermißte ich ungern. Denn er hatte den albernsten Streich eines Reisenden
gemacht und sich verliebt in die schöne Limanerin — Isabella; und einen
Streich, der noch ärger ist, er hatte sie geheirathet, und war mir bei
seiner Frau Liebsten geblieben, was mir allerdings sehr lieb sein konnte,
denn wer nimmt gern einen vertrauten Diener von Reisen nach Hause, wenn er nicht stumm ist, oder auch stumm ist, aber
noch schreiben kann! Er konnte mir ma future — meine Braut, abwenden,
schon mit einer Geschichte, auch wenn ich ihn unter
einem leichtfindlichen Vorwande aus dem Dienst gejagt, und gerade dann!
Für diese Möglichkeit hatte er aber seinen Lohn schon wirklich im Voraus
erhalten. Denn er hatte zwar seine schöne Isabelle blos um ihrer jetzigen
Treue in spe zum Weibe genommen – und doch fand ich sie heimlich |
|
|
versteckt in meinem Cabin auf dem Schiffe am
Abfahrtsabend. Aber ich sandte ihm das arme Ding in tausend Thränen
schwimmend, doch in der männerverderblichen Saya unerkannt, treu wieder
zurück ans Land. |
|
|
Kraft und Schönheit wieder die Jugend. Da ich also
gewisser Weise täglich demaskirt ward, auch wohl — sehr wohlthätig und
schmeichelhaft für mich — sehr holdselig ausgelächelt, so hatte ich bonne mine à mauvais jeu gemacht und verschworen: irgend
eine fatale Schöne nur anzusehen, geschweige ihr durch süße Worte erst
glaublich zu machen: sie sei da und Ich nicht, nämlich nicht da in der
herrlichen Welt der ewigen Jugend. Aergerniß wirft sich auf den Magen. Das
meinige erregte ihn mir dermaßen, daß ich beschloß, ein ganz anderer
Mensch zu werden, und alle gute Bissen der Erde an Ort und Stelle, von wo
sie Andern erst alt und theuer zukommen, lieber wohlfeil, zauberisch
frisch und in Masse zu essen, oder wenn es trinkbare Sachen wären, sie zu
trinken. Mit den paar originellen Delicen Europa’s war ich fertig – und in
meiner noch einzig fehlenden „Reise eines Magenkünstlers um
die Welt“ wird man mit Bedauern lesen, wie wenig Zeit zu Europa
nöthig war, nicht von dem Bosporus bis Gibraltar, sondern von Caviar bis
zu Malaga-Wein über Hymettischen Honig, lacrimae
Christi alle Sorten, Neapolitanisches Gefrornes, Schweizer
Schabsicker, Böhmische Fasanen,Leipziger Lerchen, Holsteiner Austern,
|
|
|
und alle die wenigen und wenig wichtigen Stellen der
Magen-Geographie! Denn in der Türkei mußte ich mir zu den paar sehr
einförmigen aber delicaten Confitüren und dem Chalvah aus Desam, den
Rauchtabak angewöhnen, um den Mund zum Narren zu haben. Amerika hatte mich
garstig betrogen – als Delice, nur seine fetten Truthühner, Tauben etc.
waren aufrichtig gut; und nun reisete ich mit desto heftigerem Verlangen
nach den Schätzen des Indischen Archipels, nach genuinen Vogelnestern und
dergleichen — ich mache Andern nicht gern den Mund darnach wässerig –
besonders aber nach einer Tasse chinesischen
Kaiserthee; denn China und Japan müssen die schmackhaftesten Länder sein;
denn wer wohl gespeiset hat, dejeunirt, dinirt und soupirt, der ist mit
der ganzen Welt ganz wunderbar zufrieden, Jahrtausende! Und das sind die
Chinesen! Oder ist ihr Magen so vortrefflich! oder ihre Zunge so fein und
sinnig – wie aus noli me
tangere! |
|
|
Und so bedauerte ich nur, daß das Hin- und Herwerfen des
Schiffes mit solcher Gewalt, Niemanden ruhig zu Tische sitzen ließ! daß
der Appetit nach und nach verging, ja daß man in dem Sturm kaum mehr Feuer
anmachen durfte! Da muß man ein Mann von fester Hoffnung sein! Und
allerdings befanden wir uns schon Asien näher als Amerika, aber wie
südlich? … bei welchen Inseln? — Wer konnte das sagen, die Sonne, Mond und
Sterne uns hinter den schwarzen Wolken wie gestorben waren, der Sturmwind
umsetzte und der Capitain nicht mehr die vom Schiffe geschlagenen
Hasenhaken nachrechnete, blos aus dem Grunde: weil er gestorben war, unter
bösen Prophezeihungen. |
|
|
Wir gehen unter! Was befehlen Durchlaucht noch geschwind
zu essen?“ |
|
|
— das Boot fuhr ab — aber schlug sogleich um, und
ich drückte meinen Schinken und meine Flasche Wein vor Gefühl der
Selbsterrettung an die erschrockene Brust. Die Eingestiegenen ertranken.
Das war aber eine Aufforderung, das kleine Boot auszusetzen, das
desgleichen bald wieder von den Uebrigen voll, ja überladen war. Sie
fragten mich und den Doctor-Koch, ob wir denn wirklich nicht mit wollten?
Da sie aber unsere Frage: wohin? nur mit Achselzucken und Jammergeschrei
beantworteten, so kappte mein nunmehr einziger Freund auf der Welt, oder
noch schlimmer, auf der offenbaren See in allmälig sinkendem Schiffe, das
Tau des kleinen Bootes, und es fuhr ab! aber nicht hinab — sondern
dahin! dahin! &mdasch Aber ich mochte nicht mitziehen. Zu einer Mahlzeit hielt sich das Schiff wohl
noch. |
|
|
an, und ich erzählte meinem einzigen Freunde, dem Koch:
Mir hat geträumt, daß ich einen Kopf so groß als das Pantheon hätte, und
ein infamer Bauer sollte mir einen verhältnißmäßig großen, also einen
ungeheuren Backzahn ausnehmen; er hieß mich immer das Maul aufsperren, und
ich machte es kirchthürengroß auf — dann setzte er an wie mit einem
Schiffsanker — zog, riß . . . . und brach mir den Zahn ab!
Und von dem Krachen erwacht’ ich! |
|
|
besser geschmeckt — das ganze Leben war darin, es
duftete nach allen Gewürzen beider Indien und des glückseligen Arabiens.
Das war aber das letzte Aufflammen des Appetites gewesen. Denn wir trieben
ruhig so noch acht Tage und Nächte, aber, als wenn wir an den Magnetberg
kämen, so flogen alle Sorten Appetit nach Diesem und Jenem — wie
Nägel aus mir und meinem einzigen Freunde fort — in die Luft, in das
neue Clima, oder wohin — wir wußten es nicht. Aber er mochte allmälig
nicht mehr kochen, und ich nicht mehr essen. Wir lebten zuletzt nur von
unbegreiflich wenig Biscuit und Madera. Gott sei Dank! – trinken konnten
wir, wenn auch der Magen wie zugeschnürt war. Was ist das? Was soll das
werden? Was kann aus einem Menschen werden? sprachen wir untereinander
verwundert. |
|
|
Man kann auch betrunken werden durch die Augen, nicht
blos durch den Mund, und der bloße Anblick, geschweige erst der
Gegenanblick schöner Mädchen macht Jünglinge trunken! Uns sahe aber zur
Linken ein unbeschreiblich schöner Berg an, und wir ihn, allein stehend,
fünfmal so hoch als der Stephansthurm und bis zu seinem geraden, aber
nicht wie eine Torte, sondern nur ganz sanft ansteigend, breiten Gipfel
mit blühenden Bäumen und Blumen bewachsen. Aber droben hoch oben auf
seiner Plateau mußte wieder un plat enorme — eine ungeheure Schüssel sein,
ein runder, unerschöpflich quellender, überströmender Becher — denn von
dem Gipfel des Berges floß, in sanftem Zuge zwar, aber gewiß hundert
Menschenlängen breit, ein gleichsam himmlischer Fluß!
|
|
|
Augen ordentlich satt gegessen, folgten sie ihm, wie er
als reizender Fluß — der „Koppo-Poppo-Y“ hieß — mit grünenden Ufern
die Ebene der Insel durchzog, schattige Haine — und dann immer weiter
rechts hin eine Stadt . . . . . ein Dorf . . . . . ein
liebliches Herrnhut — mit einem Wort, eine Schaar von Menschenwohnungen
durchzog, die nicht einfacher, lockender, das Auge sättigender sein
konnten. Also waren Menschen hier! Aber nirgends rauchte eine Hütte
zwischen den sie umblühenden hohen Bäumen empor. Sie frühstückten also
wohl spät! oder nichts Warmes! Aber mit Verwunderung sahe ich auch, daß
sich nirgends ein Schornstein entdecken ließ, also vielleicht auch keine
ordentliche Küche wo war! Keine Maschine, die da Koch-, Brat- und Backofen
heißt, die nöthigste, Menschen erfreuendste Maschine der Welt! Auf der
andern Seite der freundlichen Hütten, die mit dem Namen „Cottages“ zu
beehren waren, zog der Fluß — was mir jetzt auffiel — wieder durch lauter
ungeackertes Feld; also, dacht’ ich, leben die Menschen
von Fischen hier, oder von Wildpret, oder von der Viehzucht, von der Kuh
der Indier — aber ich sah auch nirgends nur ein Kalb! ein Schaaf! eine
Ziege! Keins! Nichts! |
|
|
Und mich befiel eine eigene Art Ohnmacht — die
Magenohnmacht! die dem Gefühl entgegengesetzt ist, wenn man eine schöne
Dame an eine prachtvoll besetzte, blinkende, dampfende Nase berauschende
Tafel führt. Denn auch die Nase ist des Rausches und der Bezauberung fähig
— also dazu bestimmt! Meine Magenohnmacht dagegen war mehr mit dem
Heißhunger verwandt, ja die Mutter derselben. Denn alle Krankheiten,
besonders die des Magens, haben auch Vater und Mutter — und Nachkommen!
Kinder! heillose Cretins! Alpe! häßliche Träume und dergleichen Gesinde!!
Und so belebte mich aufs Neue die angenehme Hoffnung — doch, wie ein Affe,
von Früchten zu leben, von ungemolkener Milch, vom einbeinigen ungehörnten
Kuh-Baum, oder von der lieben Cocusnuß. |
|
|
Wohnung unter dem schönsten, schattigsten Baume
aufschlagen, Tisch und Stühle hinbringen, und setzte mich hin, zu lesen,
zu schreiben oder zu schlummern, bis mein einziger Freund das Diner
bereitet, das nach gerettetem Leben das prächtigste sein sollte.
|
|
|
Aber dem Paris wäre
sein Apfel gewiß in der Hand vor Unentschlossenheit mürbe geworden.
|
|
|
ein reißendes Thier einstellt und abfangen will. Auf den
Baum zu klettern, war ich nicht Affe genug, und was half das auch! Meine
Pistolen hingen hinter den Mördern an einem Baume; mich hinter den Tisch
zu verschanzen, ließ mir den Rücken doch bloß. Nach Hülfe schreien, rief
nur meinen Koch-Arzt, einen Ritter voll Furcht und Tadel hervor. Uebrigens
war schon eine Patrouille auf das Schiff und in das Schiff gegangen. Da
hier nun unleugbarer Ernst war, so blieb mir nichts als die Flucht – zwar
in meinem großen großblumigen Schlafrock, aber ich schürzte ihn auf, und
lief mit solcher Hast und Schnelligkeit, als wenn ich Monate nicht
gelaufen wäre, und so war es wirklich. Mein Lauf ging nach der Stadt, wo
doch wohl ein vernünftiger Mensch sein mußte, ein Oberhaupt, ein heiliger
Tempel, oder was sonst. Kurz, ich mußte.
|
|
|
was man nicht zur Hand hat, gilt nicht, wie Lord C… zu
dem italienischen Räuber sagte: „Wart’, du Lump! Meine Pistolen sind unten
im Koffer.“ Aber der Lump wartete nicht! Nicht meine Verfolger, und ich
nicht. |
|
|
Es giebt eine Sprache, die jedes Weib versteht, verstehen
wird, oder doch verstanden hat, und welche die Aelteste noch wie ein altes
„Lexicon obsoletorum“ oder unbrauchbar gewordener
Wörter im Herzen trägt. Wer übrigens ein Weib um etwas bitten will, der
bitte, wo möglich, wenn sie aus dem Bade kommt, dann sind sie wunderbar
weich und gnädig. Das Denouement meiner Schutzanrufung war also, daß die
junge schöne Fürsten- oder Königs-Tochter mich wie den Ulysses zwar nicht
mit sich nach Hause nahm, aber sie sprach mit ihren Schwestern oder
Begleiterinnen, und Eine derselben führte mich sogar an der Hand wieder
zurück zu meinen am Saume des Haines stehen gebliebenen Jägern und
Verfolgern, sagte ihnen einige Worte, und diese geleiteten mich wieder zum
Schiffe, aber schüchtern, vorsichtig, schlag-, schuß- und stichfertig, als
wenn sie ein reißendes Thier, Löwe, Wolf oder Bär, gefangen ohne Kette
oder Ring durch die Nase führten. Nun, die Weiber beschützen am Besten;
ihr Rock ist der wahre Mantel der Liebe, der Doctor-Faust-Mantel, der über
alle Hindernisse führt. Sie befehlen aber alles so gewiß prinzeßlich, nur
das gros der Sache, und setzen |
|
|
verständige, alles richtig im Einzelnen ausführende
Diener voraus, denn sie machen auch oft die vornehmsten stolzesten Männer
zu willigen oder unwilligen Dienern. Hier war aber der kurze Befehl in
Hände gerathen, die mit Grund und Ursache ungeschickt waren, weil die
Schaarwache mehr wußte als die Prinzessin. Seltener Fall! Und so ließ man
mich zwar ruhig wieder unter meinen Baum, aber ein Volksschwarm hatte ihn
umgeben, der nicht bedrohlicher sein konnte. Ich schien mir mit Recht nur
bewahrt, aufgespart, nicht erlöst. Einige zimmerten hier und machten die
Fabel von Bajazet wahr, denn sie bauten einen geräumigen Käfig, fast wie
ein Lusthaus, wie über dem Grabe eines türkischen Heiligen steht, wer es
gesehen hat; Andere unterhielten ein gewaltiges Feuer und hatten breite
Messer und Beile zur Hand. Kurz, ich hatte Ursache mich an die Küste der
Scythen oder Patagonen versetzt zu glauben.
|
|
|
Ich fiel ihm also wieder darum, damit er Muth vor Ehre bekäme. Denn ich war nun wieder zu unsern Waffen gelangt! und eh’ ich mich braten ließ, wehrte ich mich bis auf den letzten Mann. Ja nicht anrühren ließ ich mich mehr! Wir legten einen großen Stern von geladenen Gewehren um uns, die wir aus dem Schiffe holten; denn im Schiffe uns vertheidigend, konnte man uns blos einfach vernageln und aushungern! Der schrecklichste Tod für mich! Mit einem Magen voll kostbarer Dinge aber bin ich hypersthenisch – mehr als muthig, denn:
Ein gebratenes Huhn, oder gebackenes
Hähnd’l. |
|
|
Die Scene hatte Wunderbares, Traumähnliches, aber sie war
nicht weniger wahr, denn das Feuer brannte unleugbar und mannshoch, und es
versengte mir, als ich hinzutrat, den auch nun einzigen letzten Freund,
den Wiener Schlaf rock, und ein dürrer Ast, den ich in die Flammen hielt,
brannte lichterloh! Das überraschte mich. Die Sache war wirklich. Nun aber
nahm ich meinen unerschütterlichen Gleichmuth an, und betrachtete
meine — Hamlets-Würmer recht genau, denn die Scene konnte sich
verwandeln und für meine Reisebeschreibung ein wahrer Brillant werden, und
ich preßte den schönen Leserinnen Angstschweiß auf die Stirn — was ich
denn jetzt hiermit thue. — |
|
|
Weisheit! Kein Türke sogar kann der äußersten Marter so
ruhig entgegensehen als ein Schlafender – der es nicht sieht. »Schlaf«
also war von jeher eine meiner großen „Maximen“ — une de mes
grandes mesures. Ich hatte mich mit dem Kopf nach meinem jetzigen
Süd-Norden gelegt, und genoß so das Schauspiel am andern Tage, die Sonne
von der rechten zur linken Hand über den Himmel ziehen zu sehen.
|
|
|
Die Champagne war für mich
nicht mehr geschaffen! Mit welchem traurig süßen Gefühl hört man dann den
Pfropf losschießen! besonders neben die Scheibe — denn mein Koch-Arzt
schwieg. Er richtete aber ein großes Diner zu, und ohne
mich zu fragen, ließ er es durch Eingeborene hin in die Stadt tragen, zwar
auf réchauds, aber es wanderte doch fort. Zu einigem Trost aber bat er
mich zuletzt — auf allerhöchsten Befehl — dem Diner nachzuwandern, um, wie
er mir es nannte, Probe zu essen. |
|
|
Bodokuden und Kaffern gehen. Ich sahe klar: Ich aß Probe!
vielleicht um die neuste Fashion von mir zu lernen, und ich war lange
unschlüssig, ob ich Hochenglisch, Feinfranzösisch, oder nur Türkisch
schlechtweg essen sollte. Ich mußte lächeln, denn mir fiel ein: Als ich
noch Rittmeister war, hatte sich ein Bauertölpel von Husaren so
ausgezeichnet, daß er bei dem General Fürsten von ** essen sollte, und ich
hatte die Ehre der Marter, ihn tafelfähig essen zu lehren, was mich
zwanzig Diners und ihn unzählige Hiebe kostete, so daß der arme Teufel im
Schweiße seines Angesichtes seine — heißt: meine — kleinen Pasteten, sein
— heißt: mein — Gefrornes aß, und wohl zwanzig Gläser Champagner trank, um
richtig anstoßen und eine Gesundheit trinken zu lernen. Gott sei Dank! ich
war nun kein Schüler, sondern Meister und Muster und Speisenerfinder! und
ich beschloß, mir Ehre zu machen. Auch hatte ich noch einen Trost: die
schöne Königstochter aus dem Bade war gegenwärtig. Sie verleugnete sich
zwar ein wenig und nahte mir nicht, doch zeigte sie großes Faible für
mich, ja, sie hatte sich aus meinem großblumigen Schlafrock ein prächtiges
Kleid nach hiesiger Mode machen lassen, dem freilich keines der andern
schönen Damen nur von |
|
|
fern ähnlich sah, denn hier machte Niemand welche, aus
sehr hohen Gründen, die ich noch verschweige. Denn ich kann auch
schweigen, aber blos zu meinem Vortheil.
|
|
|
— wie denn überhaupt jeder Vornehme, der sich etwas
gefallen lassen muß, am besten thut, es schweigend und avec
grace, de bonne grace, zu thun, wurden mir zu steigender Angst, so
daß mit dem Vergnügen zu essen, das tragische Gefühl sich verschmolz:
„Gott! nun ess’ ich noch höchstens acht Tage! . . . . nun noch
sieben! — nun noch sechs! . . . fünf! . .
. vier! . . . drei! . . . noch zweimal! und
entsetzlich … nun nur noch einmal! Nur noch eine Brocken-Mahlzeit . . .
dann bin ich verhungert! Doch das ist nichts — aber dann ess’ ich nicht
mehr, positiv nicht mehr, das ist fürchterlich! Ich hoffe, daß ich diese
Reiseerfahrung für die mir gleich eßlustige europäische Welt allein
gemacht! |
|
|
Ist in diesem Paradiese hier Alles verboten? Und was hat
das Kind, der Greis, die Matrone, ja was haben die Männer und Weiber in
ihren besten Jahren Besseres als die Tafelfreuden? Kann noch ein
Geburtstag gefeiert werden, ein Namenstag, der Sterbetag eines großen
Mannes ohne tüchtige Schüsseln und Flaschen? Was sollen die Gesandten, die
Diplomaten thun? Die Politik ist aus ohne Koch, Küche und Keller. Jeder
Mensch würde ja redlich das Seine thun, wenn ihn nicht die süßen Werke der
Erde mit und auf seiner eigenen Zunge beredeten, das zu thun, was ein
Anderer will. Um eine Mahlzeit ist die ganze schwache Welt feil. Aber ist
das möglich, nicht zu essen? fragte ich lächelnd. „Die Natur ist
wunderbar!“ antwortete der Doctor. „Alle Blumen, alle Bäume leben nur vom
Einsaugen des nährenden Aethers — sie sind über und über nur ein großer,
ein totaler Magen! Erstaunen Sie! . . . und bedauern Sie! Denn
Sie, zum Beispiel, haben nur einen Magen, der auch nur
einsaugt, wie ein Blatt oder eine Hohlwurzel! Und leben nicht auch schon
viele Menschen, Kranke, Siebenmonats-Kinder u.s.w. blos und |
|
|
recht gut und lange von Bouillon, oder Milch- und
Weinbädern, und Andere auch nicht a priori! Durchlaucht
verstehen!“ |
|
|
o die reine Freude eines Essers nicht haben: essen zu sehen, was
ich das reine Essen nenne, das geistige, gnädige, das
glückliche Essen, ohne Magenverderbung wie bei dem angewandten, auf mich angewandten Essen! Das ist mein Tod!
Denn wer nichts Inneres mehr zu thun hat, der ist schon todt, der muß
sterben. Und was hätte nun ich wohl auf Erden noch irgend zu thun. Sagen
Sie! — Ich weiß nichts! — Doch, beschied ich mich, muß denn der Mensch
etwas thun? Und was thun denn die Meisten – ein umschriebenes lärmendes
Nichts! Ich will nicht besser sein als Andere! Allah
kerim! Gott ist groß! schloß ich wie ein unerschütterlicher Türke.
„Nun wissen Sie mein Geheimniß, Prinz!“ sagte der Doctor, „es hat mir bald
das Herz abgedrückt, nicht vor Schadenfreude über Sie, denn die wäre zu
groß gewesen; sondern vor Kummer, ob Sie die Offenbarung überstehen
würden. Gott Lob, ich athme auf! Ich sehe, Sie sind ein Mann — und kein
Magen, und Sie sind sein Herr — weil er nicht mehr ihrer sein kann. Ich
versichere Ihnen aber auch, — denn nun komme ich mit dem Troste, den ich hätte vorausschicken sollen — so ein Bad im Strome,
im Koppo-Poppo-Y, ist |
|
|
ein unbeschreiblicher Genuß — auf barbarischen Hunger mit dem ganzen Leibe essen, trinken, satt und berauscht werden. Das ist die wahre Wasserkur! und welche Männer wären denn in der That die Wasserdoctoren, die jetzt nicht aus dem Wasser die Krankheit sehen, sondern mit Wasser sie heilen — und wahrlich der Hunger ist die schlimmste Krankheit, das alltägliche Zehrfieber, und die Menschen wissen es so schon zu maskiren, daß sie eigentlich nichts wollen, als recht barbarisch essen, dadurch daß sie den kostbarsten Salon dazu einräumen, kostbar räuchern, Blumen auf die Tafel stellen, Schüsseln, Teller, Löffel, Gabeln und Messer und alles von Silber anwenden, sich kostbar putzen und allen Schmuck anlegen, am Tisch lachen, schwatzen, medisiren, kannegießern, liebäugeln, sich heimlich die Hände oder die Zehen drücken — aber wer Augen hat, sieht doch, daß sie essen, aus der äußersten schimpflichsten Noth, der Hungersnoth, er sieht doch, daß sie Alle pauvre canaille sind — wie Sie oft sagen, und daß kein Held vor dem Kammerdiener und keine Heldin vor der Kammerfrau, ist! Kurz, alle die Schmach sind Sie los: Vapeurs, Magendrücken, Sodbrennen, Leibschneiden, Chininpillen, Magenfrottiren und mit eau de Cologne |
|
|
Einreiben — werfen Sie alle den Plunder zum Kukuk! und
mich dazu — als Koch und als Doctor, denn des Doctors Leibjäger ist der
Koch, und ein Doctor ist nur das Antidotum, das Gegengift gegen den Koch.
Jetzt kann ich das sagen, denn ich bin curirt. Und wie gesund werden Sie
nun sein, mehr als wenn Sie ein Jahr in der Kur in Grafenberg gewesen
wären! Ich mußte schon baden im Koppo-Poppo-Y; und darum aß ich schon
nicht, verzeihen Durchlaucht, nicht aus sonst unmöglicher Differenz gegen
Sie und die Speisen! Sie durften aber nicht baden, damit die hiesige
Grandezza einmal, verzeihen Durchlaucht, einen Menschen als reißendes
Thier sähen. Nun aber bestehen die Priester und Wahrsager darauf, damit
Sie nicht das schrecklichste Laster ins Land brächten, den Appetit! oder
die schrecklichste Landplage: das Essen! Ihre hier glückliche Natur, ihr
schlafender Magen könnte aufwachen — und das Land und die Thiere
verheeren! Kurz, durch alte Orakel ist gräßlich gegen die Menschen-Thiere
gewarnt. Aber auch die schöne reizende Prinzessin Amma will Sie erlöst
wissen – um Sie zu heirathen. Und der König Abba hat nur Töchter –
Durchlaucht sollen also auch noch |
|
|
Majestät werden, verdientermaßen! Denn
die Liebe einer Frau verdienen, ist ja das größte Verdienst und bringt,
wie Sie sehen, das Meiste ein, und Ihnen einen Thron, ein Land wie ein
Paradies und wohl zehnmal so groß und voll herrlicher Even, ohne
Schlangen! — Ich bitte also inständigst um Ihre fernere Freundschaft,
verzeihen Durchlaucht, nur um Ihre Gnade, aber um diese auch
tiefunterthänigst. Was ich weiß, aber weiß ich durch den alten Mexikaner,
der sich Ihnen gleichsam zu Füßen
wirft.“
Schlaf also bis zum Morgenlicht, zu deinem neuen, und ich
versichere dich, besserem Leben! |
|
|
Wie an meinen Einzigen und Erstgebornen will ich Alles an
dich wenden und dich in Gold einfassen. Jetzt nur leider sind goldbesetzte
Westen nicht Mode! „Ein Reisender kann zu allem kommen und von allem!«
schrieb ich darauf in mein Tagebuch. |
|
|
ihren Superlativ: einen Gänsebraten meiner seligen Bauern
gegessen, denn sie waren nun selige Götter gegen mich! besonders durch
ihren unzerstörbaren Appetit, und jeder Kenner vom Fach wird mir freudig
Recht geben, wenn ich sage: Appetit haben ist goldener als essen; denn
essen kann ich in vier und zwanzig Stunden zusammengenommen nur etwa zwei
Stunden und einige Minuten lang, aber Appetit kann derjenige die ganzen
vier und zwanzig Stunden haben, wer wenig und nichts zu essen hat.
Kostbarer Schatz des gemeinen Volks! O wie fühlte ich mich erniedrigt von
meiner Höhe! Ich sahe ein: In meiner Muttersprache heißt der Mensch mit
Recht „Hombre“ — eine Art Schatten. Und wie viel
verlor ich, gerade Ich! Denn ich hatte ein so glückliches Talent und meine
angeborne Zuschauerin und wachsame Nachbarin des Mundes — meine Nase für
den Geschmack ausgebildet, daß ich jede Wette gewann: zu erwachen, wenn
die Nacht leise eine Trüffelpastete durch mein Zimmer getragen würde, oder
Rheinwein-Gelee erkannte ich schlafend, zuletzt selbst doch geruchlose
Austern. Ja ich gewann die Wette, zu wissen, welche und welcherlei Speisen
im |
|
|
dritten Zimmer von mir, auf den Tisch gestellt wären,
jede unterscheidend, zuletzt so gut kalte als warme, so wie ein fein
geöhrter Componist angiebt, welcher Ton auf einem ihm fern stehenden
Pianoforte angeschlagen, ob A oder C u.s.w.; indeß die gewöhnlichen
Trinker- und Esser-Nasen nur etwa Punsch und ein angebranntes Spanferkel
errathen. Die armen Schlucker! Ich aber hatte das mit Entzücken an mir
bemerkte ungeheure Talent so ausgebildet, daß auch Nase
und Augen zuletzt mit mir aßen, nicht nur der Mund — (die Ohren sind
incorrigible und merken höchstens Champagneraufpfropfen, und im Glase noch
leise moussiren, weiter scheinen die Ohren mir nicht zum Essen geboren,
eher noch von manchen Thieren zum Gegessenwerden) — und ich bin eigentlich
der Entdecker der großen Wahrheit, daß Farbe, Geruch und Geschmack die
drei Elemente der Eß- und Trinkkunst sind, und Jegliches, was man leider
nur einmal genießen kann, doch dreifach genossen werden kann, muß und
soll. Und o Himmel, jetzt bekam ich von den wenigen noch dastehenden
verwaiseten Schüsseln einen Schauer – zu Lande die Seekrankheit! Ein
eigener Fall für Physiologen! Wozu ich mit Ovid nur sagte: Nequitia est, quae te non sinit esse ... senem. |
|
|
Das „senem“ unterdrückte ich aber,
und verstand den herrlichen Spruch nur so: Es ist die Schändlichkeit, die
dich nicht essen läßt! — statt die dich nicht alt sein läßt.
|
|
|
sich taucht, und dadurch den Durst stillt, den nur der
ganze Leib hat, und der Magen nur anzeigt, so ward ich im Strome satt,
Trinkens und Essens satt. Ich kann es nicht anders ausdrücken. Und wie
angenehm ward man darin satt, — unbeschreiblich, reizend, duftend, betäubt
bis zur Wonne. Nektar war gewiß Donauwasser gegen dieses Wasser! So ward
ich gemach wie ein anderer Mensch oder Unmensch hier. Aber nur im Traume
war mir nur noch manchmal so gewiß unbeschreiblich — zu Magen, und da
kauete und schlang ich noch, wie oft noch größere Kinder im Schlafe saugen
aus unvergeßlicher Wonne der Mutterbrust.
|
|
|
Eine vornehmste, reichste, galanteste Dame in B. . .
. wird so mager und elend — durch vornehm, oder reich, oder galant
sein, lasse ich unentschieden — daß der Arzt als einziges Mittel gegen den
Tod ihr vorschlägt, wenn sie Muth habe — ungekochtes Fleisch zu essen. Sie
hat Löwenmuth. Mit Austern und Schnecken und Froschkeulen fängt sie an und
steigt bis zu Schöps-und Schweinskeulen. Zauberhaft wird sie gesund,
ungeheuer beleibt, sie blüht wie eine Rose, sie geht entzückt in
Gesellschaft, da aber fragt man sie: ob sie auf der . . . . .
. Insel den Adler besucht habe? Sie erblaßt, sie merkt, daß sie
selbst ein Adler geworden und muß sich selber einsperren. So sitzt sie
wohl noch, wenn sie nicht wieder Gekochtes und Gebratenes ist. — Meine
Frau aber, die nie gegessen, duftete aus dem Munde, wie Trauben-
Hyazinthen! wie bei uns nur die kleinen Kinder. Nacken und Brust und alles
duftete wie Veilchen, wie einige Tage im Frühling bei uns die Mädchen,
wenn sie Veilchen in ihrem Busen verborgen haben. Meine Eßkunst mit der
Nase fand also hier im Lande gedeckten Tisch, ich ward ein verklärter
Esser. |
|
|
sondern ein Kreuz auf der Magengrube zu
tragen. |
|
|
sechs Pferden hatte bauen lassen, für seine ungeschlachte
Dick- und Breit-Riesin, seine fälschlich sogenannte Hälfte, da er nur der
achte Theil des Ganzen war. Wenn ich aber meine Frau in der Welt
präsentirte, so dürfte ich hoffen, überall bewundert zu werden, von
Schöngeistern, Geizhälsen und zarten Frauenzimmern, die lieber Engel
wären, als Schweinebraten essen. Ich ward zu allen Feten geladen, zu
Tafeln und prächtigen Gastmählern, um das Nichtessen meiner Frau zu sehen.
Einige freilich, die vor allen Diners zu Hause entsetzlich „vorlegen“ wie die Schweden, um bei Tisch doch reden zu
können, oder zu antworten ohne zu hungern, konnten meine unschuldige Frau
auch für so schwatzhaft oder heißhungrig halten; aber die Aerzte stellten
mir wohl das Attest aus, daß meine Frau weder Nachts, noch Morgens,
Vormittags, Mittags, Nachmittags, Abends und zu Nacht, wie Andere, äße und
tränke, und sie kam in medicinische Journale und war weltbekannt – und Ich
daneben! |
|
|
vorübersegelnde Schiffe Signale aufgepflanzt, eine hohe
Stange mit flatterndem Wimpel aus den übrigen Segeln unsres geborgenen
Schiffes, und eine Kanone, die aber wie ein schlafendes Pferd, drei Jahre
dastand mit offenem, schweigendem Munde, wie ein Stummgeborner.
|
|
|
Ein Zahn ist nun
schon ein guter Musikant, hinreißender als Lanner oder Strauß, aber eine
ganze Bande solcher Herren Musikanten giebt die Tortur und die Tarantella.
Je n’en pouvais plus!
|
|
|
Man sollte glauben und glaubte mit Recht, daß die Männer
hier gern so viel Weiber als möglich gehabt hätten, weil ihre Ernährung
und alles darauf Nothwendige nichts kostet. Aber die Mädchen waren hier
prall, patzig, protzig, stutzig, witzig und kurz und bündig, tausendmal
mehr, als ein hübscher Naseweis unter den Tirolerinnen. Sie brauchten
keinen Mann als Ernährer. Essen war ihnen unbekannt, Kleider brauchten sie
wahrhaftig bis zum „Leider“ nicht viel und so sahe man hier schlagend den
Satz ein: In den vier oder fünf Welttheilen, wo die Weiber essen und
trinken, sich putzen, fahren, reiten u.s.w., u.s.w., da wird die Hälfte
der Ehen nicht, oder nicht nur von Herzen, sondern von Magen — de part de l’estomac — geschlossen. Hier aber heirathete
Keine aus Magersucht; sie brauchte und wollte nichts als einen Mann. Damit
basta! Und die meisten Männer sind immer viel Andres und Bedurftes, als
blos ein Mann. Ein verzweifelter Zustand: man mußte hier schon jung und
frisch wie ein Adam zu einem Weibe kommen, sonst war man verloren.
|
|
|
Schon in Caacaty, in der südamerikanischen Provinz
Corrientes, wo die reizendsten aller Mädchen und Frauen
sind, hatte ich mit auf dem Markte geschlafen, wo alle Einwohner des
Nachts ihre Betten aufschlagen, wie leichte Buden oder größere Vogelbauer.
Hier war nun derselbe Gebrauch, ein herrn-hutischer Gemein-Schlafsaal mit
der blauen, luftigen, kühlenden Decke des Himmels. Wir schliefen in hellem
Mondschein, Alles sang in den Betten, bis es einschlief, wie gefangene
wunderbare Vögel unter dem Netz zarter, farbiger Fasern gegen die
nächtlichen Mücken. Da kam meine Frau eines Abends nicht zur Gesellschaft!
Sie war am Morgen nirgends, in der ganzen Insel nirgends! Ich ließ alle
Männer zählen — ein Jüngling fehlte. Ihr Kind, mein Sohn, war da, den sie
unaussprechlich liebte, darum war sie geraubt, in eine andere Insel
entführt, wo aber so herrliche Quellen und Bäche waren!
|
|
|
In dieser langen Pein kam endlich des Nachts ein Traum,
mich zu trösten: ein herrlicher Jüngling mit engelschönem Gesicht, das
allein zu sehen war, denn seine übrige Gestalt umfloß vom Halse herab ein
silberner Mantel, aber es war, als wenn sich tausend Hände unter demselben
regten, als er zu mir sprach mit so rührender Stimme, wie ich nie eine
vernommen! Denn wer konnte mich trösten? Und wer kann mich trösten? — Mein
Freund . . . . . mein Bruder — der Magen! Ich glaubte unter
die Seligen versetzt zu sein, als er mir seinen Namen nannte und Stand.
Ich wollte ihn zu Gaste laden, aber mit gemilderter Erhabenheit meinte er:
»Ich arbeite nur und esse nicht, als Muster der Mund-Köche.“
|
|
|
Erfahre also, daß ich die große Dampfmaschine der Welt
bin, mit aller Millionen Pferde- und Ochsenkraft. Ich spreche, wie die
große Boaschlange zu Kaninchen, zur ganzen Welt: — Allons!
passez par moi! und so wird die Welt verklärt. Lerne
Schlüsse machen! Siehe! Hier ist zwar nur kein Topf und kein Tiegel
— — aber auch keine Biscuitvase, keine Büste, keine Statue — als der Topf
in höchster Potenz! Hier ist zwar nur kein Pflugschaar, aber auch kein
Zirkelschmidt, also kein Optikus, also keine Sternwarte, also keine
Himmelskunde! Hier ist zwar nur kein Fischernetz — aber, o Schreck! auch
kein Shawl, kein Seil, keine Schifffahrt, kein Verkehr, kein Profitchen,
kein Kaufmann, keine Kaufmannsfrau. Darum siehe, erkenne, o Prinz Famesco,
mit Stolz und zu Deiner Ehre: alle Künste und Wissenschaften kommen aus
dem Magen, wie Stüvers Leuchtkugeln und Feuerwerke aus erbärmlichen
Pappkästchen. Alle Weisheit und Klugheit, alle Bücher, Bilder, Conzerte,
Conzertmeister, Schreiber und Maler, kurz der ganze Markt kommt aus dem
bloßen leeren Magen. Hier hat Jeder das Eine, was Noth scheint: einen
gründlich satten Magen — und so hilft kein Mensch dem andern |
|
|
— und so fehlt denn hier Alles, was Einer nicht allein
kann! Wenn Du also künftig issest oder Dieners giebst, so denke: „O ich
großer Mäcen und August, wie befördre ich die Kunst! — ich esse blos wilden Schweinskopf und helfe große Schlachtstücke
malen! Ich trinke blos Cap-Wein — und erhalte die
Sternkunde! Ich esse Torte und docire Gewerbkunde, ich
trinke Champagner und erbaue die Chemie! Ich reiße meinen Koch herunter
und befördere Kritik! Ich lese mein Kochbuch und bin eine Stütze der
Literatur. Ich verderbe mir den Magen, ja ich sterbe an Indigestion und
bereichre Medizin und Doktoren, und des Todtengräbers Junge bekommt seinen
Gesellenrock! O Famesco, erkenne Dich als großen Mann! Sei ein würdiger
Herzog der Zwanzigkreuzer und Gulden und Dukaten, und Louisd’or! Und damit
Du meine Worte allen vortrefflich Essern und Trinkern verkündigst — welche
edle Gesellschaft sie sind — denn nicht Alle haben das Glück den Magen zu
hören — darum zieh’, Du Geprüfter, denn hin, wo Du so ehrwürdig sein
kannst, und so Ehrwürdige machen — ziehe hin! In Wien sehn wir uns
wieder!“ |
|
|
Und wenn auch sonst nur der Magen — den Hunger
verkündigt, und ich an der Wahrheit seiner Worte zweifeln wollte, so bekam
ich doch seit Jahren wieder den Schlucken! O himmlische Bestätigung, daß
der schöne Jüngling auch in uns wohnt! Ja, ich konnte heut’ einen
Theelöffel voll Schweizer-Kirschwasser hinunternippen, wie eine Nachtigall
ihren ersten Trunk. Ich habe dem Magen immer geglaubt, ja fast nichts
Anderes, und da er gesagt „Ziehe hin!“ so mußte doch ein Schiff
daherziehen! Und ich war kaum auf dem Berge Ao, als ich drunten am Fuße
desselben schon Eins geankert sah. Und noch eine Freude, die Menschen
darauf waren meine Reisegefährten, die auf dem letzten Boote nicht
umgekommen waren, ja in einer entfernten Insel ein andres daselbst
gescheitertes Schiff mühselig und nothdürftig ausgebessert hatten, um
damit zu versuchen, endlich wieder nach Hause zu kommen. Sie waren zwar
wirklich verschlagene Menschen, aber nicht so klug, daß
sie einmal wußten, wo sie sich befunden, oder wohin sie steuern müßten.
Und so ging es mir Verschlagenen auch. Wie gern hätte ich für Menschen,
die ohne zu arbeiten, ja, ohne zu essen, gern leben möchten, die Insel
gemerkt, als die passendste zu einer Colonie für sie. |
|
|
Aber ohne Compaß, ohne Sextant, war es nicht möglich,
Länge und Breite derselben zu bestimmen, ja mit dem Sextanten und allen
Himmelsröhren wäre ich erst in der größten Verlegenheit
gewesen. |
|
|
O Himmel, welcher Vorschmack der Seligkeit! Ich war ganz
wieder Mensch! ganz Prinz! ganz Herzog der Dukaten, und wirklich ganz
reich! Nicht, als wenn ich auch Herr aller Louisd’or und Dublonen
geworden, sondern, was mehr ist, aller Fasanen, Capaunen, Kibitzeier,
Indianischen Vogelnester, aller fetten Ochsen und Gänse der Welt, aller
Lachse und Aale. Aber indeß gingen mir nur les petites et les
grandes grenouilles im Leibe herum, wie Einem, der wie ich so viele
Jahre von Wasser gelebt, und ich stand voll Entzücken und horchte, als
wenn mir Nachtigallen im Leibe schlügen! Ich rieth den Matrosen aus eigner
fatalen Erfahrung, sich nicht in der Insel sehen zu lassen. Meinen Sohn
nahm ich aber mit, und ließ für mich sowohl in der ersten Zeit, als auch
für ihn, ganze Tonnen Wasser und Kruken aus dem Koppo-Poppo-Y des Nachts
füllen und zu Schiffe bringen; denn erstlich, welcher Reisende, welcher
Prinz bringt einen Sohn oder nur ein Kind mit von Reisen, — wie ich! Und
gewöhnte er sich zu essen – so war ein glücklicher Mensch mehr! Gewöhnte
er sich nicht, so hoffte ich ihn am Leben zu erhalten, bis etwa Dr. Struve
das Wasser des Ao untersucht und nachgemacht, wie er Spaa, |
|
|
Pyrmont und Selters nachmacht, ja halbtodt macht ohne
Noth und großen Profit — durch mein Wasser aber ward er ein Millionair,
wenn er ein Gemeinbad davon anlegte. |
|
|
bringt. Darauf kann er aber wieder vom Aal, wie ein ganz frischbackener Hungriger essen — welche Wohlthat in dieser herrlichen Anlage der Menschennatur, bis er 3. auch fischsatt ist wie ein Haifisch. Dann hat er noch wieder Bratenhunger, und ist er 4. Bratensatt, so, daß alles Vorlegen, alles gute Beispiel rein vergebens ist, da hat er noch wieder Mehlspeisen-Hunger! und wenn er 5. Mehlspeisensatt ist, so daß seinetwegen im Leben keine mehr gebacken werden dürften, da hat er noch zehnfachen Dessert-Hunger! – besondern relativen oder speciellen Wasser-, Bier-, Wein-, Caffee-, Chokoladen- Punsch und Liqueur-Durst, giebt es dergleichen, und also auch Wein- und Liqueur-Saturirung . . . als tausendfache Wohlthat — die ich verlor. Wie Ich an einer delikaten Speise satt war, war ich absolut satt! Dadurch aber genoß ich den immensen Vortheil – am andern Tag ohne Migraine oder Magendrücken und Trägheit mich wieder an einer andern delikaten Speise absolut sättigen zu können! Und wie geschmackreich aß ich! Als den größten Kunstkniff für Gourmand rathe ich ihnen also: sich an dem Besten, Gefälligsten, aber nur Einem oder Wenigem himmlisch satt zu essen — wegen der Consequenz! |
|
|
Sonst fallen ihnen die nächsten, gewiß gleich himmlischen Mahlzeiten aus. Ich machte auch endlich einmal die Hauptbetrachtung und fragte die Hauptfrage des Lebens: wie ein Mensch denn wohl das Meiste aus der Welt fortbringt, oder arbeitet? sei er ein Esser, Trinker oder sonstiger Arbeiter. Und da fand ich denn: Wenn ein ungeheurer Haufen Steine daliegt, und Jemand ladet sich auf einmal eine zu große Bürde davon ein und auf, so thut er sich Schaden, wird bucklich hinten und bucklich vorn — und muß nun fast Alles mit Seufzen da vor sich liegen lassen! Doch das sind nur Steine! Aber vor Einem einzigen essenden Menschen liegen und stehen zu seiner lebenslangen höchst angenehmen Arbeit, zu seiner wahren Consummation wohl 100 Scheffel Waizen zu Weißbrot und Kuchen, Zwieback und allerhand Backwerk, 5000 Kannen Butter, 600 Kälber, 800 Schöpfe, 200 Rinder — (Beefsteaks verschwenden viel) 100 Rehe, 900 Hasen, 2000 Lerchen, 500 Ortolane und Wachteln, 100 Gänse, 400 Hühner und Capaunen, 100 Schock Eier, 50 Schock Krebse, 000 Kannen Milch und Sahne, 20 Pfund Choccolade, 40 Pfund Thee, 700 Pfund Zucker, ein Paar Heuwagen voll Salat, 2 Wagen voll Gurken, 10 Wagen voll Mohrüben, Artischoken, |
|
|
Sellerie, Welschkohl, Welschkraut, Rübchen, Radischen, Petersilie, Körbel, Bohnen und Kartoffeln. Alles ganz billig angesetzt, so daß die Erde mit dem Bedarf für ihre 1000 Millionen bloßer Menschen schon zum ungeheuren Küchengarten, Obstgarten, und Thiergarten und Hühner-, Gänse-, und Entenstall wird! Vor manchem Menschen stehen mehr Wagen von diesem, vor dem Andern mehr Wagen von jenem, ja vor manchem Menschen stehen blos 40 Wagen voll Kartoffeln und 5 Tonnen Salz und vielleicht ½ Tonne Speck. Vor Jedem von uns Auserwählten stehen aber noch ganze Körbe Erdbeeren, Himbeeren, Johannis-, Stachel-, Maul-, Brom- und Heidelbeeren, Kirschen, Pfirsische, Weintrauben, Orangen, Citronen und Annanas; 1 ganzes Gewölbe voll Eingemachtes, Gelees, Crosseilles de Bar etc. etc. etc., ganze Dispensen voll Zucker, Mokkakaffee, Rosinen, Sultaninen, Traubenrosinen, Knackmandeln, Trüffeln und alle das Teufels-Magenzeug und Magen- Teufelszeug; dann im Fischhälter doch 500 Karpfen und Hechte, 10 Centner Speisefische und so weiter – (der Paar Tausend Austern gar nicht erst zu gedenken) dann erst im Keller doch für Jeden von uns 9000 Flaschen Wein (im Durchschnitt nur ½ Flasche |
|
|
auf den Tag bei nur 50 Lebens- , das heißt Eß- und Trinkjahren gerechnet)— — in Summa, es steht eine ungeheure Honigtonne voll guter Dinge vor Jedem, durch welche er sich wie ein Bär durcharbeiten soll, bis ins Grab. Ersäuft er nun, wie die Fliege, darin, und sogleich bei dem ersten Kosteversuch, so ist er sonica ersoffen — und das ist Jammerschade, denn der Bär war ein Mensch! Aber, aus unendlicher Speise- und Trinkwuth mäßig, jeden Tag mäßig, jede Mahlzeit mäßig im Essen und Trinken aus reinster, höchster Begierde danach, so, so bringt der Mensch die ungeheure Masse guter Dinge, alle richtig auf die Zunge, in den Magen, ins Grab, und in süßem Angedenken daran, noch dereinst sogar selbst in den Himmel! Also Mäßigkeit aus Unmäßigkeit! Und um Himmelswillen ja Vernunft, aus dem reinen Willen: das Schöne und Gute im Leben ja richtig zu vollenden — de le consommer! Denn Thiere und Pllanzen, ja die klarste Weintraube, alles wird erst im Menschen wirklich verklärt, wird menschlich, wird ein Mensch. (Noch muß ich einschalten, daß es die schändlichste Undankbarkeit wäre, ein liebes Reh ohne Andacht zu verzehren, à la Wolf, oder ein schönes |
|
|
Birkhuhn ohne dankbare Rührung; denn dann wären die Aermsten umsonst gestorben, und es ist gar kein Spaß, sich für Andre in den Bauch schießen, oder den Hals abdrehen zu lassen, wie eine Taube. Also Dankbarkeit! Gefühl! als die geistige Würze.) Und nun fahre ich fort: Wer sich also nur manchmal sogenannte gute Tage macht, nur manchmal bon lebt, der ist ein schändlicher Verwüster seines Lebens, ein abscheulicher Verderber der kostbarsten Sachen! Denn eine Krankheit kostet bald 24 — 48 Diners, oder den Geschmack daran; und ein hohler Zahn kostet leicht einen Monat lang alle heißen oder kalten Getränke und Speisen; denn die edle Natur straft den Menschen nicht doppelt um Beide, um kalt und warm! Wo ich daher einen mäßigen Menschen sehe, da muß ich lächeln! da fühle ich einen eigenen Neid im Leibe und denke: Aha, Der ist so klug und andächtig wie Du! In so fern aber die Haupt- List der Lebenskunst diese ist, daß der edle Mensch sich jeden Augenblick, also immer kernwohl befindet und himmlisch-behaglich, also nicht blos bei dem Essen, sondern von Mahlzeit zu Mahlzeit die lange, unendliche Zwischenzeit, in so fern, also in so nahe ist endlich die Haupt-List für alle Lebens-Gourmands diese: nur solche Speisen und Getränke zu genießen, die Ton, guten Ton geben, Spannung, Erhebung! |
|
|
Die also durchaus nichts Weichliches, Abgeschacktes — das
Gefühl des Leibes und somit der Welt der Gourmands Abschmeckendes
zurücklassen; daher ich ernstlich gegen dummen Gänsebraten, Ortolane,
frischen Lachs, Aal und unbedingt gegen alle Crême
stimme ja votire; und wenn ich ein Prinzenerzieher wäre, durchaus Alles
gegen den bon ton ihm bei den härtesten Strafen, etwa
mit rauchrigem Caffe oder mit Bieressig zum Salat und mit altem Oel
bestrafen würde und müßte — der Stimmung des Magens
wegen, als welche die Stimmung des Menschen für oder gegen Alles
Genießbare, also gegen Menschen, Volk, und Welt ist, ja gegen den Himmel.
Die Zunge ist das Titelblatt des Magens, aber der Magen selbst ist das
Buch des Lebens, und heißt schon bei dem
schwerwandelnden Hornvieh auch wirklich das Buch! Ja
schlüßlich machte ich die große Entdeckung, daß der außerordentliche Appetit jede Speise zur außerordentlichen
mache! Daß aber Arbeit und frische Luft Vater und
Mutter des Appetites sind. |
|
|
lichen Clima sich gewiß evolviren würde, erst durch
Theelöffel, dann Eßlöffel voll Wein, dann gewässerte Milch, Bouillon,
Honig, Lebzelten, und so zu den höhern Potenzen hinauf. Das Wasser war
alle geworden zum Baden und Waschen, und ich war in Verzweiflung als wir
in Wien ankamen! Aber wie gesagt — der glückliche Himmelsstrich! das gute,
ja vortreffliche Beispiel — kurz, kein geborner Wiener kann meinen Sohn
mehr von einem gebornen Wiener
unterscheiden! |
Seiten 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40
41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61