Die Erbsünde
Novelle von Leopold Schefer

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Motto:
Die Welt ist eine große Erbschaftsmasse.


      In der Abendstunde des achten Decembers ging Graf Albert mit seiner Gemahlin Egeria nach der Stephanskirche in Wien. Das Wetter war überaus mild für das Alter des Jahres; eine große, weiße und leichte Wolkenkuppel, hell wie aus erleuchtetem Alabaster, war über die Erde wie eine Rotunde gewölbt, und aus dieser selbst schien überall zugleich und gleichfarbig der gedämpfte Tag hernieder zu dämmern, nicht von dem Monde, dessen Scheibe nur manchmal blaßgelb durchschimmerte, wodurch er nur seine Stelle am Himmel verrieth. Der Thurm und die Kirche warfen keinen Schatten; die Gebilde daran, selbst die lebendigen Gestalten aus dem Platze, waren dem Auge nicht recht verloren, nicht recht vorhanden. Der Mensch weiß dann nicht, wo er selbst hingerathe, ob der helle Tag, die funkelnde Nacht, oder die schweigende Dämmerung des düstern unheimlichen Abends das wahre Licht für die Erde sei, oder welches das schönste für ihn? Und wie die Natur alsdann z» träumen scheint, träumt auch er in eigenbefangener wundersam angeregter Seele.
      Der Graf lächelte stillentzückt vor sich hin, zwar wohlwissend, daß die Natur nicht des Menschen wegen ihre Wunder begehe, und doch sicher und selig im Herzen, daß es dem Sterblichen vergönnt sei,

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sie zu schauen, mit Aug' und Gefühl sie auf ihrem Wege zu begleiten, Theil an ihr zu nehmen, und daß er werth sei, von ihr getragen und beseligt zu werden. Er hatte das Glück, lebendige Neigung für die schönen Künste, besonders für die Baukunst zu nähren, als die Kunst, welche dem Vornehmsten und Reichsten am nächsten steht; er verwandte Zeit, Einkünfte, Gedanken fast einzig daran, und wie man mit Unrecht diejenigen zerstreut nennt, die nach Außen gleichgültig, ihre Kraft im Innern gesammelt auf einen Gegenstand richten, so hieß und war es auch er. Da er aber sogar über sein Hauswesen, selbst über seine Gemahlin nicht in Klarem war, oder nicht sein wollte, so nannten ihn seine verdrießlichen Freunde in ihrem Kreise statt Graf Albert oft nur ein wenig anders. Doch verdiente der kluge und redliche Mann das nicht. 
      Die Gräfin lächelte auch; aber sie freute sich auf die Feste des Winters, ja auf den Winter selbst, als auf die trüben Tage, die Gesellschaften bloß bei Licht, um in der Flucht der Rosen von ihren Wangen noch eine Wintersaison oder Kampagne der Damen für jung und blühend zu gelten, denn schön in den Formen und schlank war sie noch. Sie freute sich des Neides der Andern, selbst einer gewissen ungewissen Meinung von ihr, die nach und nach über sie durchgedrungen war; und dieß, weil die Jahre anfingen sie zu drängen, und dieser Meinung wegen also ein unerfahrener schöner junger Mann nicht so unglaublich-langes, unausstehlich-langweiliges Bedenken trug, sich ihr zu nähern, wenn sein Herz noch von Ehrfurcht und bloßer Ehrerbietung vor ihr, wie vor jeder feinen Dame war, als sei sie wirklich, was sie scheint, ein Engel. Darüber nun lächelte sie.
      Desto fremder und unerwarteter überraschte sie die wie vom

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Himmel herniederrufende Stimme des Sterbeglöckckens, das für ein paar Kreuzer jedem Sterbenden vom Dome geläutet wird, damit die es hören ein Vaterunser für den so eben von der Erde Scheidenden beten. Und wie die Uebrigen auf dem Platze, welche durch den magischen Hall getroffen, in vorwärts geneigter Stellung, ihre Häupter entblößt, die Hände gefaltet und betend, plötzlich wie versteinert umherstanden, so mußte auch sie für einen Sterbenden beten, obgleich der Tag abgethan schien, und der Himmel so lieblich aussah, daß kein Mensch ihm ein solches Absordern einer Seele von der lieblichen Erde mehr zugetraut hätte.
      Sie seufzte wider Willen, ja unwillig; zog ihren Gemahl in die Kirche, und sie besprengte ihn mit dem eingetauchten Mittelfinger vom Daumen hinweg mit Weihwasser. Er errieth sehr wohl, daß sie sich damit gemeint.
      Es war die Zeit der Abendpredigt. Ein Geistlicher stand auf der Kanzel unfern der großen Orgel. Er hatte zwei Lichter neben sich brennen, und nur unterhalb der Kanzel, vor ihm, und rings um den hohen mächtigen Pfeiler her, stand eine Schaar armen Volkes ihn anzuhören. Die übrige Kirche war dunkel und leer. Die Armen wollten feine tröstlichen Worte, die ihnen durch seinen Mund von ihrem himmlischen Vater gesagt würden, als reiche, wenn auch wehmüthige Entschädigung für die Entbehrungen des Tages mit in ihre Wohnungen nehmen, als ein Mittel zu einem ruhigen Schlaf, als eine Abwehr der Sorgen im Traume, ja mancher vielleicht als Himmelsspeise für seine Kinder statt irdischen Brotes.
      Der katholische Geistliche hatte schon begonnen. Der Graf und die Gräfin traten leise näher, von dem sanften Hall der schönen Stimme, wie von Wellen, in seinen Kreis gezogen.

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Nun konnte sie ihn sehen; er war jung, aber blaß, in seinem weißen Gewande stand er wie ein Engel vor ihr, über ihr, und das Gold funkelte, wie er im Glanze der Kerzen sich regte, auf seiner Brust. Sie hörte: 
      — „und da also ganz mit Recht Kirchenbann darauf steht, von der heut' gefeierten Empfängniß Maria an geheiligter Stätte zu sprechen, so laßt uns daher lieber etwas betrachten, was dabei nicht vorhanden war, nämlich die Erbsünde. Lernt, ja lernt endlich einmal, warum Ihr, untadelich und löblich, bis zur Anbetung selbst, die heilige Mutter des Menschensohnes verehrt — weil sie seine Mutter, die reine war. Der Hauptgrund der Reinheit Maria's von Erbsünde war: Gott hat ihr den heiligen Geist zu einem heiligen Leben gegeben, weil sie den Erlöser gebären sollte. Da der Sohn also fehllos sein sollte, so mußte durchaus es auch die Mutter sein. Denn Sohn und Mutter sind ein Leib und eine Seele, eine, in der entscheidenden heimlichen heiligen Zeit, wie Erde und Aehre Mutter und Sohn. Erbsünde aber ist die erbende, die geerbte Sünde; doch wessen? — der Aeltern, und nur insofern diese Menschen sind, Sünde des Menschengeschlechts überhaupt. Wie die Aeltern dachten, empfanden, hofften, wünschten, so, ja das selbst werden und müssen die Kinder sein. Denn was sind Kinder? eines jeden Einzelnen Kinder? Sind sie Steine aus dem Monde gefallen? kleine Gebilde aus Marmor des Bildhauers, aus fremdartigem, ganz anderem Stoff, als er? und sind diese todten Gebilde nicht schon seinem Geiste, seinen Gedanken ähnlich, sind wie jene waren? sind jene selbst nun sichtbar geworden, und schon Leben und Geist verrathend. Der Saame, den der Säemann aus seiner Hand in die mütterliche Erde säet, der geht auf, kein anderer. Sie bringt ihm hundertfältig wieder, was er ernten wollte; sie ist geschickt und bereit

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jeden zu tragen, empfängt ihn still, und giebt ihn still zurück, für Waizen: Waizen, für Unkraut: Unkraut. Die Nelke bringt Saamen der Nelke, als welche sie ihr süßes Leben lang geduftet; die Distel, Saamen der Distel; die schöne Mandelkrähe bringtIunge, die ihr gleichen bis auf die kleinste himmelblaue Feder, den zartesten Rosenstreif. Alles Junge erbt seiner Aeltern Sein. Das Lamm und der Tiger; Gemüth und Kleid, Stimme und Trieb. Aber das Menschenkind erbt auch die Seele, wie es Angesicht erbt, weil seine Aeltern ein menschliches Angesicht trugen. Kinder sind die fortgesetzten Aeltern, wie ihr Blut, so ihr Leib. Und so vererbt auch der Mensch seine Seele. Und nicht sie allein, nicht so allein, daß der Mensch unsterblich wird in seinen Kindern, wie der Olivenbaum durch seine Sprossen, sondern er säet auch das in das Reich der Geister, was in seiner Seele gereift, was Gedanke, Vorsatz, Wille, Gefühl in ihm war, sein Leben lang, bis er es zauberisch verjüngt für die folgende Welt. Darum wird das Menschengeschlecht immer weiser und besser geboren, und so immerfort, immer vollkommener; darum können es keine Zwing- und Bannherren auf seine Stelle, noch in ewige Nacht bannen, wenn sie nicht die stille Tugend, den reinen Willen, de n schaffenden Geist bannen können. Darum wird das Kind böser Aeltern, böser Mütter — ihr wißt nun, was ein Kind ist — mit bösen Neigungen, gleichsam mit Angewohnheit der Sünde geboren, woraus es nur der Wille Gottes, d. h. göttlicher Wille, der in die Seele aufgenommene Wille dessen erlöst, der alle Welt dadurch erlöst, den jetzt bald wieder die Engel von Nachtgewölk lobsingen, den die Hirten verkündigen, dem die Weifen aus Morgenland ihre Gaben auf dem Schooße der Mutter weihen. Denn das Kind ist heilig! heilig geboren!

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So verehrt denn Maria, weil sie rein, keusch, heilig lebte und fühlte und athmete, wie die Nelke, wie die Lilie rein und füß ihr Leben lang geduftet; verehrt sie so innig, so herzig ihr wollt, nie verehrt ihr Sie genug. Denn kein anderes Weib konnte diesen Sohn gebären, sonst hätte sie ihn geboren, sonst hieße nun diese Maria — aber Sie ist es ja, Sie ist das Weib: unsre gebenedeite Mutter des Herrn. Maria ist Maria, schon lange und nun auf immerdar, und Kind und Kindeskind sollen sie selig preisen. Aber nun hört mich wohl: Iede göttliche Gabe ist Allen gegeben, ja je beseligender sie ist, je allgemeiner; jede Eigenschaft, jedes Gesetz der Natur gilt ewig, gilt Allen, alfo auch jetzt, auch Euch. Nichts war einzig, so wunderbar es scheint, so herrlich es ist. Auch Eure Kinder können rein und frei geboren werden, wenn Ihr rein und frei lebet und denkt. So lebt nur selbst auch rein und heilig, und so denkt und so empfindet Alles immer, auch das Böse, auch den Tod. Ihr wißt: was Ihr säet wird aufgehen, was Ihr denkt und fühlt wird leben, sichtbar, leibhaftig, menschlich, wiedererzeugend, ewig, und so endlich göttlich. Himmlische Aussicht! Fruchtbare Kraft des Guten! Segensreiche Fülle des Schönen! Aber auch fluchwürdige Saat des Bösen! Furchtbare Wirkung des Lasterhaften auch nur in Gedanken; ja gerade in Gedanken, der regsamen, wimmelnden, ewigen Saat; alles was wahrhaft lebt, ist nur Gedanke. — Darüber denkt nach. Ich warne Euch! Ich ermahne Euch! Wählt! oder habt Ihr gewählt, denkt über Euch nach, über euer Leben, eure Gedanken und — eure Kinder, und ihre Thaten, ihr Wesen und ihr Beginnen. Vergleicht Euch und Sie! Prüft in Eurem Herzen, ob meine Worte Wahrheit sind, da könnt Ihr es wissen. Wißt es denn! Freuet Euch oder schaudert! ich lass' Euch Zeit.“ —

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       Der Prediger hielt inne, die gewöhnliche Pause zu machen, in welcher die Abkündigungen und Bekanntmachungen geschehen, was am Tage verloren worden ist, oder was sonst Iemand unter das Volk zu bringen wünscht, von dem Manche nur darauf warten und hören. Er putzte seine Lichter, um die geschriebenen Blätter besser lesen zu können, die er ordnete, indeß er sich zugleich erholte. Denn er hatte begeistert und feurig gesprochen. Es war des jungen Mannes erste Predigt; und wie so viele Laien der römischen Kirche rein evangelisch leben und glauben, eben so giebt es viele vortreffliche Redner und Prediger jetzt überall unter ihnen, die Sinn und Geist in die alten Lehrsätze ihrer Kirche zu bringen suchen. Auch der junge Mann hatte sich wenigstens darum Mühe gegeben, einem todten, vom Satan im Paradiese stammenden Satz eine menschliche, fruchtbringende Seite abzugewinnen, und er lächelte sehr.
      Die Gräfin, von dem Sinne der Worte, wie von dem Feuer des Vortrags heftig erhitzt und getroffen, hatte sich in einen entfernten Beichtstuhl zurückgezogen. Der Graf hatte bald nicht mehr auf die Predigt gehört, sondern die Säulen und Gewölbe betrachtet, erfüllt von ihrer Macht und zauberischen Erscheinung in der schauerlich-düsteren Höhe und Weite. In der Pause nun wollte er wieder zu seiner Gemahlin treten, und da er sie an dem Orte nicht fand, vermuthete er, sie sei die wenigen Schritte hinüber nach ihrer Wohnung allein gegangen, und vielleicht schon in die Gesellschaft gefahren. So ging er nach Hause.
      Die Gräfin aber, in ihrem Gittersitze verborgen, athmete kaum. — Wenn es wahr ist, was er sagte, sprach sie bei sich, wenn es wahr wäre, wahr würde! Wäre es nicht so treu und schön? — so erschreckend! — Nein, es ist nicht, es kann ja nicht sein!

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Der junge Mensch ist ein Schwänner, ein Träumer! Und doch glüh' ich und beb' ich. Was bedeutet es mir denn? fragte sie sich selbst. Und nun durchlief sie in Gedanken ihre Gedanken, ihr Leben. Aber sie glaubte nur roth zu werden, wollte sich über ihr Erröthen schämen und blickte sich schüchtern um, als ob Jemand wissen und sehen könne, was sie empfinde. —
      Da nahm der Prediger wieder das Wort, und er las eine Bitte an alle Aeltern, alle Mütter, im Namen einer Mutter ab, die ihre Tochter vermißte. Ihr armer Pflegevater versprach dem Wiederbringer zur Belohnung alle Wochen 48 Kreuzer, so langeerlebe.
      Mehr hörte Egeira nicht; sie verhüllte sich und legte sich mit dem Gesicht in ihr Tuch. Jetzt war sie sich klar! jetzt verstand sie den Eingang der Predigt. Denn auch sie hatte ihre verwahrlosete Tochter verloren. Sie imrkte nicht mehr, was um sie vorging, was die Stimme des strafenden Engels, wie er ihr erschienen, nun weiter sprach; nicht wie die Armen dem Herabgestiegenen Gewand und Hände küßten; wie das Volk sich verlief; wie oft die Uhr schlug; sie hörte sogar nicht den alten Saeristan umhergehen, welcher die einzelnen Menschen, die hie und da noch knieten, höflich einladete aufzustehen und sich für heute zu entfernen; ja sie hörte nicht die Kirche verschließen. Sie war außer sich, das heißt, sie war mit ihren Gedanken bei sich selbst wieder in ihren verflossenen Iahren, außer sich, wie sie jetzt reglos dafaß in dem Gitterstuhl, nur Nacht und Einsamkeit um sich her.
     Sie wandelte in den Tagen des ersten Jahres ihrer Ehe. Unter jenem blauen lockenden Himmel, der jetzt über ihr längst mit seinen Wolken, seinen Sonnen hinweggezogen war, stand sie wieder als junges, rafches, üppiges Weib. Der Myrtenkranz, über dem Brautbett aufgehangen, schimmerte ihr wieder frisch,

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ja die Rosen dufteten ihr noch einmal herauf, die ihren Schmuck nun längst verstreut. Sie selbst empfand wieder lebhaft, was sie da empfunden, auch die Menschen jener Tage begegneten ihr wieder so, als ob sie mit einem Licht durch eine lange Gemäldegallerie gehe, und nur das hellere Antlitz der Bilder ihr flüchtig aufblinke, oder Engelsköpfe aus Gewölk und Duft und Glanz; und jedes lächelte sie an, wie sie so schön sei! Und sie selbst nahm auch jetzt wieder jene stolze, die Bewunderung der Männer übersehende Miene an, indeß das Weib ihr Entzücken darüber kaum unterdrücken kann, ihre Augen die Glut der entflammten Seele gleichsam zu verschütten drohen, und die Lippen es zu verrathen: wie belegt, wie geneigt jedem Huldigenden, wie beglückt sie fei! aber die Wange glüht nur, die Lippe zuckt; und wie der Welt — die sie so reizt, welche sie so gereizt — entfliehen wollend, schreitet sie vorüber mit hastigem Schritt. 
      So fühlte sie sich.
      Der durch den Prediger in sie geworfene lebendige Gedanke aber suchte aus ihrem ganzen Bewußtsein nur jene Gefühle und Gegenstände auf, oder scheuchte sie wie flüchtige Rehe hervor, welche er bedurfte, sich vollständig auszubilden, um als ein Ganzes, als Gestalt, ja als ein Gespenst vor ihre Seele zu treten, und er führte sie mit voraussehender Kraft heimlich dahin, wohin er zuletzt sie haben wollte.
      Der Mann, welchen er ihr alfo vorführte, war nicht ihr Gemahl, sondern ein junger Schauspieler, der sich in kleinen Briefen an sie damals nur „der arme Claudius“ nannte, und jetzt unter anderem Namen ein berühmter Schauspieler war. Wenn er auch nicht von Gestalt so angenehm gewesen, nicht einen so schönen schwarzen Lockenkopf gehabt, so hätte er ihr doch gefallen.

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Ja, er hätte dazu gar kein lebendiger Mensch sein dürfen; denn wo sie ihn zum ersten Male sah, war er nicht er selbst, sondern bedeutete einen herrlichen, liebeseligen und beseligenden jungen Mann, einen feurigen Italiener, einen unglücklich begrabenen, wiedererstandenen Todten — denn sie hatte sich im Theater in ihn als Romeo verliebt. Darauf hatte sie zufällig ihn in weiter keiner Rolle gesehn, er hatte sein schönes Bild durch kein anderes gemeines wieder in ihr zerstört, und den Eindruck desselben bis zur Gleichgültigkeit aufgehoben, wie allen geschieht, die einen Schauspieler oft sehen, und dadurch bald den bloßen Schauspieler in ihm erblicken. Sie aber hatte seine Gestalt mit der Kraft der Phantasie eines jungen Weibes, rasch und gewaltsam wie Iulie selbst, festgehalten, Er war ihr Romeo, den kaum ein weibliches Wesen so Zärtliches klagen hören, so Entzückendes beginnen sehen kann, ohne zu wünschen so geliebt zu sein, wie Romeo liebt — Julie zu sein, oder nur Romeo wo zu begegnen, und still wie ein Bild, „das sich nicht regt, auch wenn es zugesteht“ seinen ersten Kuß zu dulden!
      So war die Gräfin denn wirklich erschrocken vor ihm, als Claudius einst in die Gesellschaft trat. Ja daß er in anderem Anzüge kam, war ihm vortheilhaft, denn er schien sich verkleidet zu haben, vielleicht nur ihrentwegen, die ihn einzig erwünschte. Denn sie hatte oft die Unmöglichkeit wehmüthig empfunden als eine Sterbliche, welche die äußere wehende wirkliche Luft athmet, die sie umgrünende Erde betritt, in das völlig abgeschlossene Gebiet der Kunst, ja nur in den Kreis des Dargestellten von irgend einem Künstler zu treten, auch wenn der Künstler selbst das Dargestellte ist, oder es bedeutet wie der Schauspieler. Die Bühne stand vor ihr offen, sie konnte selbst in dem Garten, dem Kloster,

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den Hallen des Stückes wandeln, aber sie doch nicht! denn sie lebte, sie war, in einer neuen gegenwärtigen Welt, und jene Bäume, jene Mauern stellten nur ein Vergangnes vor! Ach, und sie waren doch da! doch sichtbar! Nie konnte sie ein Wort, weder Iulie noch Romeo sagen; ihnen auch nur einen Finger reichen, den tödtlichsten Irrthum lösen — eine unsichtbare Kluft war zwischen ihnen befestigt, und sie konnte Iene nur wandeln und lieben sehn, wie in einer andern, schönern Welt, in ihrem eigenen himmlischen Reiche.
      Wenn aber ein Bild, so lange noch ein Gewand von ihm schimmert, in seinen Rahmen gebannt ist, und ein Marmorbild nie einen Fuß, nur einen Finger bewegen kann, so gleicht der Schauspieler, der Todtes durch Leben darstellt, den alten Göttern der Teutonen, die im Himmel, um die unendliche müßige Seligkeit los zu werden, Schlachten lieferten, und nach denselben wohlbehalten wiederaufstanden und sich zu ihrem Methhorn setzten. Ia, wie eine Amphibie der Natur und der Kunst schleicht er sich aus dem Zauberreich in die irdische S«ne und, wie ein Schimmer der Schminke auf seiner Wange, bleibt ein Schein, oft eine Glorie aus jenem um ihn stehn, und gewinnnt ihm die Herzen.
      Mit diesen beschönigenden Glossen suchte Gräfin Egeria die kurze und einfache Geschichte der Verirrung mit dem jungen Manne, deren sie sich jetzt erinnern mußte, während desselben bei sich zu entschuldigen. Sie hätte ihn jetzt vergessen gehabt, wenn nicht Alles das, was uns nicht ganz zur Vollendung gekommen, nicht zur Befriedigung gelungen, uns nicht zeitlebens das Herz beschwerte, und ein Sehnen nachließe, das uns oft. zu seufzen nöthigt; indeß alles Erreichte uns vom Herzen abfällt, uns nicht mehr reizend, nicht mehr begehrt, sich wie ein dürres Blatt vom Baume unter

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das abgefallene herbstliche Laub mischt, und wie von Winden zerstreut von uns schwebt. Um desto deutlicher war ihr jetzt das Bewußtsein: wie gern sie sich Jenem ganz ergeben hätte! Denn kein inneres Gefühl hatte sie davon abgehalten, im Gegentheil manche Betrachtung sie dazu aufgefordert. Ihrem Manne nämlich hatte sie, wenn nicht mit Abneigung, doch ohne Neigung, ihre Hand geben müssen, weil ihre Stiefmutter sie aus dem Haufe los zu sein gewünscht. Das Bild einer vollkommenen Ehe, welches ihr, wie jedem unverdorbenen Mädchen, vorgeschwebt, hatte sie sich aus Mann und Weib zusammengesetzt; beide jung, schön, gesund, reich, in aller Fülle der Kraft, mit aller Anmuth und Macht derLiebe sich begehrend, fassend und haltend, und also sich selbst genug, wenn es sein müßte in einer öden Welt, geschweige in einer vollen, für sie immer reichern und seligern durch herrliche Kinder! ihr Leben und Glück! — Dagegen hatte ihr die Stiefmutter vorgestellt: daß die glücklichste Frau die sei, welche der Mann liebe, der ihr zu gefallen lebe. Und sie, Egeria, liebe ihren Bräutigam nicht, aber er sie! Was könne sie weiter wünschen, verstehe sie anders recht ihren Vortheil. Denn die Welt, besonders die vornehme, suche wahrhaftig auch jenes, gleichsam mafsive, aus einem Ganzen bestehende, Glück in der Ehe; aber es gebe noch keine vollkommene, und sehr natürlich, weil es keine an Leib und Seele vollkommene Jungfrauen und Jünglinge — und überhaupt nur eine sehr unvollkommene Welt nebenher gebe. Aber dieses dabei zum Glück! Denn da Jeder, dem die Liebe nicht das Vollkommene, so wohl indeß, so wie für immer erscheine und sei, nunmehr sein Glück vollzählig zu machen, Supplemente und Surrogate jeder Art zu dem einen, einfachen Leben suchen müsse und suche, so finde sie jeder. — So getröstet, ja verlockt,

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hatte sie den Grafen Albert geheirathet, so Liebe für Claudius gefaßt.
      Aus dieser Liebe hatte sie plötzlich die Eitelkeit gerissen. Ein berühmter Held war mit der Armee gekommen, welche das erste Mal ihr Vaterland überzog. Daß er ein Feind war, der Verderben und Elend brachte, daß er einen berühmten Namen hatte durch den Tod, ja die Schmach dieler tapferen Männer ihres Volkes, selbst Einiger ihrer Familie, wozu ihr gefangener Gemahl gehörte, das alles bedachte sie nicht. Denn es war von ihm, als er noch fern war, so viel Großes und Ruhmvolles gethan und gesprochen worden, daß er, bei feinen ungewöhnlichen gewohnten Vorzügen, sich mit dem Gewitterschein der Furchtbarkeit umgab, als er nahe kam, als er über den Häuptern wandelte. Aber selten fürchtet ein Weib einen Mann. Was ihn furchtbar macht, das macht ihn den Männern gefürchtet — dem Weibe macht es ihn groß und reizend. Ihr gegenüber ist er nur immer ein Mann, wenn er kein Barbar ist. Sie weiß, der Krieg gilt nicht ihr, nicht ihrer Schönheit, ihrer Gunst. Oder vielmehr sie weiß, sie sieht, daß diese immer gelten, beim Freunde und beim Feinde noch mehr — wenn sie baar von Vaterlandsliebe das sehen kann. Und der weibliche Geist, über den schwersten Verhältnissen leicht sich oben erhaltend, späht bei den Leichtergesinnten selbst in der allgemeinen Gefahr nach der durch dieselben noch süßeren eigenen Lust nach gewaltiger Spannung und Erregung. Das Weib zittert und bebt dann und — liebt, und am unwiderstehlichsten, leidenschaftlichsten, schwächsten den Mann, vor dem Alle zittern, und sie selbst am meisten, wenn er sie umfaßt. Dann denkt sie und fühlt sie, sie ist ein Weib. — So verlebte Egeria die genügevollsten Augenblicke, wenn sie an des Helden Arm

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durch die Säle voll reizender, kostbar geschmückter Damen schritt, wenn aus einer sonderbaren Eigenschaft ihr die Edelste selbst das beneidete oder doch nicht gönnte, was sie im Grunde der Seele verschmähte. Und noch jetzt klang ihr jener halblaute Nachruf dieses oder jenes Schmeichlers in die Ohren: Numa und Egeria! oder: Egeria und Numa!
      Das dachte sie jetzt nicht freudig. Denn der ordnende Geist brachte jenes Leben nun mit dem Folgenden in Verbindung.
      Egeria hatte darauf eine Tochter geboren und Iduna genannt. In ihrem vierzehnten Jahre erschien diese nun schon als ausgebildetes Mädchen, nur noch zu schlank, zu schwankend. Sie erröthete faft unaufhörlich bei der leisesten Andeutung; sie trug die Augen niedergeschlagen, aber ihre verstohlenen Blicke funkelten von Feuer und Glut, die stärker waren als ihr Stolz. Egeria seufzte, wenn sie sie sah, denn sie gewahrte ihr eigenes Bild aus den ähnlichen Tagen ihrer Jugend, nur mit dem Anflug noch kühnerer Richtung, entschiedneren Wollens. Sie wünschte, daß der Himmel ihr ein gnädiges Schicksal geben möge zu solchem schwellendenHerzen, solcher Schwäche aus Stärke der Leidenschaft! Mehr konnte sie bei aller Bemühung nicht, ja sie wollte es kaum. Denn Iduna widerstand allem aus angebornem Charakter, was nicht von ihr selbst angeregt und gebilligt war, und Egeria hatte, ihrer stolzen, die Mutter an den verführerischenHelden erinnernden Gesichtszüge wegen, eine gewisse Scheu vor Iduna, wie vor einem höhern Wesen. 
      Auf einer Reise nach Italien verweilten sie längere Zeit in einer Gränzstadt. Dort verschwand ihnen Iduna. Vielleicht mit einem Schauspieler, dem ersten Liebhaber vom Theater — vermutheten sie nur damals. Aus Schonung für sich, ihr Haus

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und selbst ihre Tochter, bezähmten sie den Schreck der ersten Entdeckung. Nur im Geheimsten ließen sie durch den Getreusten ihrer Leute Nachforschungen anstellen, die selbst noch vergeblich geblieben waren, als sie nach Iahr und Tag sich auf der Heimreise befanden. So gaben sie zum Voraus Nachricht in die Heimath: Räuber hätten sich ihrer Tochter bemächtigt, und seien mit ihr in die Gebirge von Fondi geflohen. Viele glaubten das, keiner wußte von Fremden es besser, denn die Tochter fehlte, die Aeltern weinten.
      Vor einem Jahre erst hatte Egeria einen Brief von unbekannter Hand erhalten, der ihre erste Vermuthung bestätigte: sie habe sich einem Schauspieler selbst in die Arme geworfen, der von ihrer Ankunft, ihrem Bleiben überrascht gewesen, aber zu schwach, ein so schönes, so liebenswürdiges Mädchen zurückzuweisen, und dann von selbst genöthigt zu schweigen. Aber hinzugefügt war, daß sie, obgleich mit ihm verheirathet, einem jungen italienischen Prinzen in der Armee nicht habe widerstehen wollen. So sei sie zu jenem übergegangen. Als der Prinz sich aber vermählt, und in sein schönes Vaterland gezogen, habe er sie aufgegeben, und sie und ein Kind, die kleine Tochter Theresia, befänden sich in der bedauernswürdigsten Lage. Die kleine Theresia sei ein gar zu liebes Kind, und wenn nur ihre schönen blauen Augen die Großmutter um ein Kleidchen anflehten, würde sie eS ihr unmöglich abzuschlagen vermögen! Der Weg, den die gebetene Unterstützung aber nehmen müsse, war vorgeschlagen, und so geschickt gelegt, daß einer Entdeckung gewiß dadurch vorgebeugt werden sollte. Denn Iduna wisse nichts von dem Briefe, und sie wolle lieber ganz verderben, als Vater und Mutter mehr unter die Augen treten.

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Die Handschrift des Briefes war männlich, die Worte aber waren herzbewegend, doch schüchtern, ja verzagt.
      Der Vater, zu sehr beleidigt, hatte darauf gedrungen, Iduna solle wiederkehren. Egeria zwar, die nicht ganz seltene Furcht einer eitlen Mutter unterdrückend, daß ihre blühende erwachsene Tochter sie alt erscheinen lasse und überglänze, hatte ihre Iduna doch lieber in der Ferne unterstützen, erretten wollen; denn die schlimmste Mutter wünscht sich noch eine gute Tochter, ja vielleicht diese am meisten. Und sie plötzlich „als junge Wittwe mit einer kleinen Erbin“ auftreten zu lassen, war ihr auf jene erste verbreitete Kunde von derselben zu bedenklich erschienen. So waren die Gatten entzweit, Egeria hatte dießmal ihren Willen nicht durchgesetzt, kein Brief war mehr gekommen. So war es geblieben. —
      Egeria stellte jetzt in der Kirche wie zur Beichte sitzend, ihr eigenes voriges Leben und ihre Gedanken mit dem Beginnen ihrer Tochter zusammen, und von dem Lichte der Worte des Predigers beleuchtet, erschien ihr die Tochter als ihre eigenen vermenschlichten Gedanken jenes Iahres; und Iduna's Theresia war ihre Iduna, als das grauenvoll-lebendige Bild aus ihrem Herzen wie aus einer Lamers obgours. Sie fuhr zusammen; sie maaß sich selbst bei, was Iene gethan, ja wie sie war, machte sie sich eben so zum Gewissen und zur Sünde, als daß sie war. Denn dieses Verbrechens war sie sich heimlich bewußt. So verzieh sie ihrer armen unschuldigen Tochter, fühlte unaussprechliche Liebe zu ihr, die heißeste Sehnsucht, sie und ihr Kind an ihr Herz zu drücken. Sie weinte; und zu betäubt von den schaurigen Gedanken, und zu bewegt von ihren Gefühlen, vermeinte sie sich in ihrem Bett, wie aus schweren Träumen aufzusetzen, richtete sich empor, schlug die Augen auf, trocknete ihre Thränen — und

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sahe die schwarze, weite, schaurige Kirche, staunte umher und fand sich allein. 
      Sie schloß die Augen. Sie wußte, wo sie war. Sie horchte ängstlich gespannt. Kein Tritt, kein Laut! Nur ihres Herzens Schläge, nur das dumpfe Brausen ihres wallenden Blutes vor den Ohren. 
      So saß sie lange.
      Dann schlug sie die Augen auf und erblickte tröstlich die kleine runde, rubinrotb glimmende Ampel vor dem Hochaltar, wie einen stillen zauberischen Stern. Sie stand auf, sie eilte nach der Thür, sie fand sie verschlossen. Sie entsetzte sich und stand rathlos. Die Uhr über ihr schlug langsam und lange, unendlich — sie schlug zwölf hallende Schläge; aber in ihrer, mit den letzten Schlägen immer schwereren Angst horchte sie noch nach dem zwölften Schlage wie bethört: ob es nicht vielleicht Ein Uhr schlage« ob das noch nicht entschieden sei, so lange die Uhr fortsause! Nein, es war Mitternacht. Sie eilte mit vor die Augen gehaltenen Händen, nur durch die Finger sehend, so nahe wie möglich zu der friedlichen Lampe, und sie schien ihr so zutraulich, so häuslich, daß es ihr unmöglich vorkam, sie brenne und leuchte Niemand, und bewache sich selbst allein. Ihr war, als müsse Iemand in ihrem lieblichen Dämmer umher wo schlafen. Ihre Augen suchten, und fanden in der That Männer und Frauen und Kinder theils stehend, theils hingekniet, die Hände auf der Brust oder vor ihr Antlitz in die Höhe gehalten und gefaltet — schweigend beten. Es waren die Leichensteine, ja sie stand auf einer Gruft. Sie trat hinweg, setzte sich, verhüllte sich dicht, betete auch und wünschte zu schlafen.
      Da geschah ein lauter Fall in ihrer Nähe. Es war eine

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Fahne, deren morscher Schaft seit langen Jahrhunderten manchen Tag und manche Nacht hier verstockend und zernagt gebrochen war. Sie gedachte mit Beben an Iduna's wahren Bater, und empfand die ganze Majestät des göttlichen Hauses, die Ehrwürdigkeit seines Alters, sein schweigendes Dafein, wie ein feierliches Leben, die Schönheit und Bestimmung seiner Hallen, seiner Altäre, Orgeln und Kanzeln, ja seiner hohen weiten Thören, worein der Mensch seinen ersten Weg getragen wird zur Weihe des Lebens, und zur Weihe des Grabes seinen letzten, wo die Gewaltigen hereinziehen zur Fahnenweihe, und wo sie nach dem Siege unter Trompeten- und Pauken-Schall hereinziehen, die gewonnenen Fahnen aufzuhängen, die dann vermodern, die Niemand mehr kennt, indeß die Hallen in aller Pracht bestehen, die Orgel mächtig tönt, wie am Tage ihrer Enthüllung, wo andere Prediger auf den Kanzeln erscheinen wie Geister, andere Menschen um die Säulen treten, und andere Sünder die Worte hören: „Meine Worte aber bleiben ewiglich.“ 
      Sie konnte kein Auge mehr zuthun; ihre Erlösung brachte der nächste Morgen gewiß, und Geräusch zu machen schien ihr so fruchtlos als widrig, des Gerüchtes, des Spottes wegen. So sahe sie, zwar höchst erregt, doch niedergeschlagen und mit erzwungenem Muth, nach und nach den lichten Schein des Mondes aus den großen und hohen Fenstern blaß und bleicher verschwinden, und nach und nach auf der andern Seite die Dämmerung des Tages anfliegen, die Morgenröthe die hellen Scheiben färben, und die blauen Schatten der hohen Säulen sich gegenüber hindehnen und hinlehnen an die flimmernde Wand, wie müde — müde der Zeit und ihrer trägen Verbannung in diese Räume, und doch morgenschön und frisch. Der Tempel war wieder da!

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wie auferstanden aus der Nacht, und das Gold und die Farben schimmerten wieder, losgerungen aus der bedrückenden Finsterniß, und blinkten lieblich, wie froh und frei. Und das Gestühl knisterte leis, und der feine Staubstrahl flimmerte in holder Unruh voll heimlichen Lebens. — 
      Da verbarg sich Egeria wieder, um nach geöffneten Thürm eine der Ersten zu scheinen, die zur Mette gekommen. So blieb sie, ihre Augen auf die Kanzel geheftet, von welcher der Geistliche zu ihr geredet, zu ihr allein, wie sie empfand, und von ihm allein wünschte sie Trost. — 
      Der Graf aber hatte die Nacht ruhig geschlafen. Auch Egeria's Kammerfrau, die mehrere Nächte vorher gewacht, hatte der Schlaf übermannt, indem sie wie gewöhnlich auf ihre Gebieterin gewartet. Ietzt am hellen Morgen erwachte sie, sah das Bett der Gräfin noch unberührt, erschrak, und eilte unangemeldet In das Zimmer des Grafen, der schon angekleidet war. Sie erzählte mit halben und ängstlichen Worten die Sache, sowohl für sich als ihre Gebieterin fürchtend. Der Graf überrafcht und besorgt stand einen Augenblick in stillen Gedanken; dann verbot er ihr ein Wort verlauten zu lassen, noch irgendwo anders hin nach der Gräfin zu schicken. Er habe sie zuletzt in der Kirche gesehen, dort sei sie bielleicht noch, und dorthin wolle er selbst gehen. Und unter den beklommenen Seufzern und zurückgehaltenen Klagen der Kammerfrau über das Schicksal ihrer Gräfin, ging der Graf mit hastigen Schritten hinüber zur Kirche. 
      In der Halle des unvollendeten Thurmes, welche gleichsam die Wohnung der Bettler ist, riß er in seiner Hast ein kleines Kind, ein Mädchen mit um, das ihm sein Händchen entgegenstreckte, ihn um einen einzigen Kreuzer anbettelte, und wie er gerade

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auf dasselbe losgehend seinen Weg verfolgen wollte, den es ihm vertreten, ganz unbesonnen und zudringlich nicht ein Schrittchen gewichen war, sondern ihn starr angesehen und immer das offene Handchen ihm hingehalten. Jetzt, auf dem steinernen Boden liegend, weinte das Kind. Er war höchst betroffen und gerührt. Er hob es auf, nahm es auf seinen Arm, liebkosete es, so dürftig, ja elend, es auch für den kalten Morgen angethan war, und suchte es zu trösten, indem er ihm ein Goldstück hinhielt. Das Mädchen langte nicht darnach. In der Meinung, es verstehe den Werth einer so kleinen, gewiß ihm fremden Münze noch nicht, hielt er ihm auch einen Theresien-Thaler vor. Da nahm ihm ein Weib von Mittlerm Alter beide Stücken Geld mit einem Griss aus den Fingern. Mein Kind ist ja blind! Sehen Sie denn nicht? sprach sie; komm zu mir, Therese, komm! 
      Aber das Kind schmiegte sich um den Hals des Grafen und wollte nicht zu ihr.
      Gehe zu deiner Mutter, mein Kind, sprach der Graf.
      Ach, das ist meine garstige Mutter! klagte die kleine Therese, die mir weißen Staub in die Augen gehaucht, daß ich meine hübsche Mutter gar nicht mehr sehe!
      Blind ist sie, weiter nichts? Du kleine Schlange! drohte sie ihr. Geben Sie mir mein Kind! Dabei faßte sie das Händchen des Mädchens, und hielt und drückte sie so zornig und derb, daß das Mädchen kläglich schrie.
      Der Graf stieß sie von dem Kinde, blickte sie jetzt schärfer an, und fand so wenig Ähnlichkeit zwischen einem solchen Weibe, einer so unnatürlichen Mutter und dem zarten weißen Kinde, wie zwischen Raben und junger Taube. Wie heißt denn deine hübsche Mutter? fragte er das Kind sanft; sage es mir, Therese! —

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Laut nicht! sprach das Mädchen, aber sie schlang die Aermchen um seinen Hals, und sagte ihm in's Ohr, wie die Sylben zuzählend: Iduna heißt sie.
      Das Weib wollte ihm das Kind entreißen, aber der Name Iduna befing ihn bis zum Erschrecken, die Vaterliebe erregte ihm so viel Zweifel, so viel Hoffnung, daß er glaubte, seiner Iduna Kind, seine kleine Enkeltochter in den Armen zuhalten, und er verging bald vor Schmerz, Zwei Namen trafen: Therese und Iduna. Das Aussehen des Kindes widerlegte seine Hoffnung und seine Furcht nicht, sondern bestätigte sie. Denn es ähnelte der Großmutter, seiner Gemahlin Egena. So stand er voll Wehmuth, von den Bettlern und andere Stehengebliebenen neugierig umringt, indeß das Kind sich fest an ihn hielt.
      Während dem war Egeria aus der Kirche getreten, in welcher sie unglücklicher Weise ihren Romeo getroffen, zwar jetzt einen reichen, angesehenen, verheiratheten, nicht mehr jungen Mann, aber ihr heut' unsäglich verhaßt und unwillkommen. Er begriss die Verwandlung, die störrische, ja verstockte Stimmung der Gräfin nicht; doch er fand, daß sie ungewöhnlich blaß aussah, zitterte, krank zu werden drohe. Aber nie war ihr nöthiger gewesen zu beten und die Frühmetten abzuwarten; sie kniete hin, so erschöpft sie war, ohne auf ihn zu achten, aber er stand, sie beängstigend, hinter ihr, wie ein böser Geist. Sie schlug dann mit schneidenden Worten seine Begleitung aus, eilte fort, und fand ihren Mann in der Halle.
      Daß er schon hier war, mußte ihr ein Beweis seiner Neigung, der Angst sein, welche er die Nacht über sie empfunden, wie sie glaubte. Aus tausend gemischten Gefühlen hätte sie sich gern in seine Arme geworfen, sich an seiner Brust ausgeweint;

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aber er stand höchst entrüstet, und doch mit feuchten Augen unter einer Schaar Bettler; er hielt ein armseliges, abgerissenes Bettelkind auf seinen Armen, er war im Zank mit einer Megäre, es war Auflauf — so schlug sie die Augen nieder, verhüllte sich, und schlich an ihm vorüber.
      Jenes Weib aber, eine Entdeckung fürchtend, hatte sich auch dem Gedränge entzogen und war verschwunden.
      Der Graf suchte sie ängstlich — sie war fort. Schwer fiel es ihm auf das Herz, daß er durch ihre Person des einzigen Mittels beraubt war, seine Tochter Iduna zu finden, wenn diese kleine Therese jene im Briefe erwähnte Theresia mit den schönen blauen Augen war. Und Ihrentwegen that es ihm bitterlich leid, daß er Iene so lang in Armuth gelassen.
      Nun trage mich geschwind fort, du Mann, zu meiner hübschen Mutter! sprach das Kind; ich gebe dir auch alle meine Kreuzer. Da, du Mann, hörst du wie viel! wie das Täschchen klimpert!
      Der Graf nahm es ihr ab.
      Nun komm' aber auch! schwatzte sie weiter. Hier sind die Leute alle schwarz, ganz schwarz! Bei uns, sollst Du einmal sehen, sind sie alle weiß, und Alles ist so bunt. Da wird Dir's gewiß gefallen. Meine Aeltern sind gar reich! Sie haben eine Sonne, die kann man gar nicht anfehen, so blitzt sie! und Abends einen Mond, und den ganzen Tag einen blauen Himmel, so blau wie Vergißmeinnicht! und Abends haben wir eine kleine Lampe! auch ein Fenster in der Stube, und vor dem Fenster eine rothe Rose! Komm nur dorthin, dort wirst Du selber ganz anders aussehen! bald wie mein Vater, der immer sitzt und schreibt, Rollen I und mir in die Wange zwickt!
      Sie langte hinaus. Aber sie wußte keinen Namen von

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Straße und Menschen. Der Graf stand rathlos, und es machte ihm bittern Schmerz, daß das arme blinde, geblendete Kind glaubte: zu Hause werde alles wieder sichtbar und farbig sein, oder sie sei in ein großes finsteres Haus gerathen, und bloß dort sei die Sonne und der Mond, wo sie gesehen. Das Kind freute sich wieder auf die hübsche Mutter, schlug in die Händchen und lächelte und fror.
      Da kam einer von des Grafen Bedienten, von der Kammerfrau geschickt, die ihn ersuchen ließ: sich ja gleich nach Hause zu bemühen, denn die Frau Gräfin sei gekommen.
      Dadurch im Herzen beruhigt, und vor der Hand entmüßigt, jedoch eingenommen für das arme Kind, dessen einzige Stütze er nun schien, wollte er es dem Diener geben, es in seine Wohnung zu Egeria zu tragen.
      Ein Tagewächter aber, welcher die entschlüpfte Frau wohl beobachtet, und sie jetzt herbeizog, änderte seinen Entschluß. Denn Jener hatte sie wohl oder übel vermocht, zu gestehen: aus welchem Hause das Kind sei, und wessen. — Siegmar's ist es, wiederholte sie vor dem Grafen; arme Leute, ärmer als ich, denen ich eine Wohlthat erzeigt, daß ich es ihnen abgenommen vom Tisch!
      Aber dem Kinde auch eine, ihm seinen blauen Himmel mit seinen blauen Augen zu rauben! schüchterte der Graf sie ein; — und meine hübsche Mutter! rief das Kind.
      Die Frau selbst schien gerührt, und machte die Augen vor dem Kinde zu, das sie ja doch nicht sehen konnte.
      Sie fuhren im nächsten Wagen nach der von dem Weibe bezeichneten abgelegenen Straße. Auf dem Wege dahin ward der Graf immer erbitterter gegen den Entführer oder VerHehler seiner Tochter, indem er dem Kinde gegenüber saß, und es beklagen mußte.

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Es schien ihm gewiß, daß dies Kind nicht ein solches Schicksal erduldet, daß seine Tochter nicht so in Armuth versunken, daß Egena und er nicht so viel Leid um sie ausstehen müssen; im Gegentheil, daß Aeltern und Kinder jedes selbst glücklicher gewesen und alle einander glücklicher gemacht hätten, wenn Iduna wohlverheirathet auf dem für sie schicklichen Pfade gewandelt wäre. Siegmar war der Name des ersten Liebhabers gewesen, der damals in jener Gränzstadt mit Iduna verschwunden war; aber nie hatte man sie bei ihm gesehen, weil, wie dem Grafen jetzt einfiel, jener wahrscheinlich in der Zeit ausgeforscht worden war, als Iduna auch ihn schon wieder treulos verlafsen. Und doch sollte sie jetzt wieder bei ihm sein! Endlich sollt' er den Elenden finden! Sein Iahre lang mit Müh' unterdrücktes Ehrgefühl follte nun frei gegen ihn ausbrechen, und desto heftiger, da es nur gegen ihn im Geheimen, vielleicht auch gegen ihn nur einmal im Leben geschehen konnte, wenn er keinen Widerstand, sondern Reue fand und Ruhe. Und er selbst kam seines eigenen Friedens wegen nur nothgedrungen zweimal auf ein Widerwärtiges zurück. Denn er hielt es für angemessen, daß der Mensch nicht das Böse durch Tage und Jahre ausspinne und verlängere, was in der Natur oft nur einen Augenblick lang wirklich geschah.
      Zu dem Hause gelangt, wollte er allein hinaufgehen. Das blinde Kind aber mußte er auf den Arm nehmen, es war nicht zu halten, rief schon hinauf und klatschte in die Hände. 
      Wohnt hier oben der Schauspieler Siegmar? fragte er im Hause ein altes gutes Mütterchen. 
      Der hat hier gewohnt; antwortete sie. 
      Also ist er ausgezogen? erkundigt' er sich.

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       Nein, das nicht; Herr Siegmar sind noch oben; sprach sie bekümmert zur Erde sehend.
      Der Graf nahm Verlegenheit an der armen Alten wahr, und sprach schon im Gehen: ich muß ihn sprechen.
      Mein Gott, das thut mir leid, sagte sie. Doch wenn sie ihn sehen müssen — ach! du armes gutes Kind! rief sie, die kleine Therese gewahrend. Bringen Sie es? Du lieber Himmel — doch es ist ja immer gut.
      Der Graf eilte die hölzerne Treppe hinauf. Das Kind war außer sich vor Freuden. Er hatte nur an ihr zu dämpfen und an sich selbst: daß es keine Freude sei, die er bringe, die ihn und die Kleine erwarte.
      Da die Stubenthür weit offen stand, ließ er das Kind vom Arm, um frei zu werden, und damit es allein ihm voraus hineintrete. Und so that es ganz glühend und rosig vor Hoffnung; es rief laut: Vater! — Mutter! — Ich bin's! Die kleine Theresia ist's, wenn ihr mich nicht seht! Vater, wo bist Du?
      Da Niemand antwortete, kein's ihr entgegenlief, alles still War, alles finster, wie sie sagte, fing sie sich an zu fürchten.
      Der Graf trat nun selbst hinein voll Zorn.
      Aber er blieb, an die Thür gelehnt, vor Neberrafchung stehen und faltete die Hände. Siegmar war gestorben. Er lag auf seinem Bett, und die Sonne, die tief in das Zimmer hereinschien, lag auf seinem Gesicht, das in Frieden lächelte, indeß er mit gefalteten Händen gelassen den Eintretenden zu erwarten schien. Nur daß er die Augen sanft geschlossen hielt, schien eine leise, leise Furcht zu zeigen, die aber verging in Schweigen, Milde und Freundlichkeit. Vor dem Fenster stand der Rosenstock vertrocknet; am Bett ein blauer Tisch mit wohl zusammengelegten Papieren;

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zur Seite die kleine Lampe und einige gelbe Rohrfedern; sonst nichts, selbst kein Medieinglas. Auch in dem ganzen Zimmerlein stand wenig umher von Bedeutung, als in der Mitte das blinde Kind. 
      Das gute Mütterchen kam langsam jetzt die Treppe herauf und hieß den Grafen willkommen. Ja, Herr Siegmar sind todt, sprach sie. Aber ihm ist wohl. Ich wollte sagen: Sie hätten sollen gestern kommen, aber da war' ihm ja gleich das Herz gebrochen. Thut mir nur leid, daß ich ihm nur wenig Güte habe thun können, denn selber die paar Kreuzer, das Sterbeglöckchen gestern Abend läuten zu lassen für ihn, hat mir der Nachbar geborgt.
      Der Graf war entwaffnet. Für den er gestern selbst mit gebetet, auf den konnte er heut' nicht zürnen. Er warden Menschen und menschlichen Dingen enthoben. Das Mütterchen setzte sich und nahm das Kind, das nach dem Vater fragte. Der Graf antwortete ihm: er ist todt, gute Therese; in der Ueberzeugung: selbst für Kinder ist das Beste die Wahrheit; sie verstehen sie nicht, oder sie beherrscht sie. Und so war es, Therese war ruhig, doch wollte sie wissen, was das sei, todt? und er erklärte ihr, daß Vater nicht mehr die liebe Sonne sehe, auch nicht die kleine Lampe. — Da bin ich wohl auch todt, sagte das Kind, denn ich sehe sie auch nicht, und bin doch wohl zu Hause? Ist der Vater auch zu Hause?
      Der gewiß! sprach das Mütterchen; er kann auch viel gesündigt haben, aber nicht schwer! und weil ihm viel vergeben war, liebte er viel, nämlich Gott, der es ihm vergeben, die gute Seele! Und wie hat er sein Weib geliebt, wie viel ihr vergeben, wie hätte sie ihn lieben sollen! wie viel Nächte hat er für sie gearbeitet! Wenn die kleine Lampe reden könnte! sie hat sein geduldig Gesicht gesehen. Ich sollte sie erben, sagte er auch.

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Nur ein Brief lag ihm sehr am Herzen, woran er noch zuletzt geschrieben; er betreffe seine Frau, sagt' er. Er selber bedürfte nichts mehr, Gott werde für Alles sorgen, auch für sein — nämlich Herrn Siegmar's Begräbniß. Und sie werden sehen, sprach sie zum Grafen mit getroster Stimme, Gott wird auch dafür sorgen, er wird, er wird, und soll es noch so wunderlich geschehen.
      Er hat schon — sprach der Graf vor sich hin, und fühlte sich selber betroffen. Er war so bewegt, daß er erst seine Tochter Iduna vermißte, als er den wohlversiegelten Brief von der Alten empfing, um ihr die Aufschrift zu lesen. Sie wollte nicht glauben, daß er an ihn selbst gerichtet sei, daß er der Graf sei, von dem so viel heimlich gesprochen worden, er, der so freundlich, so weichherzig aussehe, sei der harte Mann, der, wie Herr Siegmar gesagt, nur einmal habe zur Thüre hineinblicken dürfen, um alle den Jammer zu enden.
      Sehen Sie, sprach sie, kein Arzt ist in's Haus gekommen, und er ist doch auch gestorben; wir haben nichts bei ihm gefunden, und er wird, freilich schwer und nicht besonders angethan, doch auch in die liebe Erde kommen.
      Sie glaubte dem Grafen erst und gab ihm den Brief zur Eröffnung, als er ihr Geld zu dem Begräbniß des armen Mannes in die Hand gedrückt.
      O wie würde er sich erst bei Ihnen bedanken, sagte sie weinend, für eine solche Gutthat! Denn er war freilich die letzten Tage ganz erschöpft und schwach an Sinnen, aber Sie hätten nur sehen sollen, wie er sich für alles Gute auf Erden bedankt: bei seinen Augen, daß sie ihm so viel Schönes in der schönen Welt gezeigt; bei seinen Händen, daß sie so fleißig für die Seinen gearbeitet und geschrieben. Sehen Sie, der Mittelfinger ist noch

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schwarz von Dinte, aber wir haben ihm nicht wollen weh thun so zu reiben, daß er ohne Flecken im Himmel erscheint; ja bei der Sonne bedankte er sich, als sie gestern um diese Zeit wie jetzt auf seinem Bette lag, daß sie ihn besuche, ihm so oft das kleine Zimmer gewärmt; ja von demLämpchen nahm er gute Nacht, Aber lesen Sie nur den Brief, wer weiß, was er noch aufdem Herzen hat!
      Die Handschrift des Briefes zeigte dem Grafen unverkennbar, daß Siegmar auch jenen ersten Brief geschrieben, den Egeria vor einem Iahre erhalten. In demselben fand er fernere Nachricht von Iduna und ihm, der, wie er nun immer auch dalag, dennoch sein Schwiegersohn gewesen war. Er schrieb: Die Lage Iduna's, seit sie von dem Prinzen verlassen worden, ja ihr Leben und ihre Denkart hätten ihm herzlich leid gethan, da er glaube sich die Schuld davon beimessen zu müssen, indem er ihr zu dem ersten Schritte vom rechten Wege die Hand geboten. Ja ihre Untreue an ihm selbst hätte er mit Recht aus derselben Quelle hergeleitet. Vor allem aber sollte die kleine Theresia, obschon nicht sein eigenes, sondern des Prinzen Kind, wenn auch nur auf einen Pfad mit wenigen Blumen, doch auf den des innern reinen Glückes geführt werden, der auch dem Aermsten, und vielleicht besonders diesem zu wandeln gegeben sei. Er habe also, um ihr und Iduna zu helfen, sich zuerst helfen, feine Umstände verbessern wollen, und sei deßwegen nach der Hauptstadt gegangen, um auf einem größeren Theater größern Gehalt zu bekommen. Es sei ihm auch anfangs gelungen; er habe Iduna wieder zu sich genommen, sich — zum Schein — mit ihr ausgesöhnt, als habe er sich wirklich von ihr im Herzen beleidigt gefühlt, um sie nur wieder zu gewinnen, mit dem inneren Vorbehalte jedoch, nur wie ein Geschiedener mit ihr zu leben, in allem Andern aber ihr Alles zu sein.

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Er sei aber von der Anstrengung, von der innerlichen Spannung, dem Zwiespalt, dem Gram und der Reue krank geworden, seine jugendliche Gestalt sei verfallen, und er habe freilich Niemandem weniger ähnlich gesehen, als einem ersten Liebhaber. So vom Theater aufgegeben, und es aufgebend, hab' er sich und die Seinen dürftig und kümmerlich mit Ausschreiben der Rollen ernährt. Iduna's Betragen aber sei ohne menschliche Rücksicht, ohne billige Schonung gewesen. Uebrigens stolz und gebieterisch habe sie ihn kaum für ihren Diener angesehen. Kaum die Ausgabe für Kleidchen der Therese, wie sie die Mutter zu putzen gewünscht, hab' er erschwingen können. Er aber habe ihr mit Aufopferung seines Leibes gern zu vergelten gesucht, was er an ihrer Seele verbrochen, ja der Herr Graf und die Frau Gräfin dürften wohl glauben, daß er seine Strafe für sie durch sie selbst reichlich und gnüglich zurückgemessen bekommen, deswegen möchten sie ihm vergeben, und ihrer Tochter, wie er gethan. Er schreibe dieß Alles jedoch nur als fiehr gemilderte Einleitung und beruhigende Vorbereitung zu den ferneren Schicksalen, welche Therese, das unschuldige Kind, durch dasselbe die Mutter, und durch Beide ihn im dreifachen Maaße gleichsam für Alle getroffen. Die kleine Therese sei nämlich geraubt worden, darüber die Mutter in Melancholie versunken, weil — wie er glaube — es ihr erst recht dadurch fühlbar geworden, und ihm an Iduna sichtbar, was sie und er ja an ihrer Mutter, der Frau Gräfin Egeria, gethan. Er habe alles in seiner beschränkten Lage aufgeboten, das Kind auszuforschen; was er alle Wochen heimlich, sehr heimlich sich abgedarbt, habe er verwandt: durch Abkündigung von der Kanzel alle Sonntag und Feiertag Abend in der Stephanskirche, der Mutter die Tochter wiederzugeben, die ohne sie immer schwermüthiger,

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immer tobender gegen ihn selbst geworden, bis sie zuletzt, jetzt vor acht Tagen, unter tausend Thränen, die er vergossen, an einen Ort habe gebracht werden müssen — nur der nahe Tod, und die Pflicht und die Hoffnung, Iduna dadurch zu nützen und auf ihre Mutter zu wirken, könne ihn vermögen, das Wort ihren Aeltern hinzuschreiben — an einen Ort, welcher „der runde Thurm“*) heiße. —
      Dem Grafen entfiel das Blatt. Die gute Alte, welche wußte, was ihn erschreckt haben konnte, und in ihm Iduna's Vater an diesem Schreck erkennend, sagte, sich die Thränen trocknend: ja! daran ist er gestorben.
      Er sahe noch immer bestürzt und gedankenlos auf die kleine Therese.
Ja, fuhr das Mütterchen fort, es ist auch beinahe erschrecklich, daß das Kind nun wieder da ist, und die Mutter ist dort, und er ist todt.
      Das Kind aber, Sterben für ein bloßes Spiel, eine Verstellung haltend, schlich zum Bett, suchte nach des Vaters Hand, zupfte ihn und bat: lieber Vater, stehe nun wieder auf! du bist nun lange genug todt gewesen, sonst wein' ich; ich bin ja nun da, stehe doch auf, lieber Vater! — und da er nicht aufstand, weinte sie. Dann verlangte sie nach der Mutter und fragte, wo sie sei.
      Dießmal konnte der Graf Theresen die Wahrheit nicht sagen, sie lag ihm zu schwer auf dem Herzen. Der Brief trieb ihn fort. Hier hatt' er nun nichts mehr zu thun. Er drückte die müde Hand des Todten, den er nie lebendig gesehen, uur seine Wirkung auS der Ferne, wie des unsichtbaren Neumondes auf Sturm und Regen, empfunden.
———————————
*) Das Irrenhaus.

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Der Alten dankte er freundlich, nahm Theresen auf den Arm und ging.
      Soll ich wieder zur garstigen Mutter? fragte sie. Im Leben nicht wieder; sie geht nun einen andern Weg; wir gehen zur hübschen Mutter, tröstet' er sie.
      Er scheute sich vor dem Gange; es war ihm bitter, seine Tochter wieder zu sehen, und wo! und doch konnt' er es nicht unterlassen, schon um Egeria willen. Am runden Thurme mußte er lange warten, bis der aufsehende Arzt, der den Tag hatte, kam. Sein Gefühl niederzuhalten und das Herz nicht wach werden zu lassen, setzte er sich schweigend und einsam hin und betrachtete voll Geduld dag wie ein neues Geschenk vom Himmel empfangene Kind, welches der Großmutter Egeria so ähnlich sah, daß er in seiner erregten Phantasie Augenblicke lang glaubte, Egeria selbst sei wieder ein Kind geworden, und werde sich plötzlich in seine» Arme n wieder verwandeln, groß vor ihm dastehen und sehen; sehen, daß er es fei. Denn Therese fragte ihn in seinem Schweigen: wer er sei? warum er weine? und wo sie wären? Und so saß er vor dem gespenstischen Hause wie vor einem Geisterschlosse voll Wunder und Zaubereien, elend und selig, einem Tempel der Träume, einem Asyl der Natur, einem Heiligthum der Menschheit. Cr hielt die Wahnsinnigen nicht für so unglücklich, als den, der sie schaut, dem sie angehören; darum nahm er sich vor, seine Tochter aus ihrem eigenen Gefühl ihres Zustandes jetzt zu betrachten, nicht aus seinem, um ihren Anblick zu ertragen. Ja, er sahe zur Seite Gräber mit wahnsinnig Gestorbenen, und die winterliche Sonne beschien die grüngelben Hügel — und so empfand er eine schauerliche Freude, daß Iduna lebe, daß ihr noch Hülfe sei — „zum Gefühl ihrer Schuld“ sagt' er sich leis.

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       Der Arzt, mit wenigen Worten unterrichtet, führte ihn in den Garten. Der theilnehmende Mann hoffte von dem Erscheinen des Kindes freilich eine getheilte, vielleicht erschütternde,und darum nicht ganz ungünstige Wirkung auf Iduna, da er dessen Verlust für die Ursache ihrer Krankheit hielt, ohne ihre hohen Einbildungen unerwähnt zu lafsen, in welchen sie glaubte: das erste Weib von der Welt an Rang und Stande zu sein. Dies setze einen andern, verborgenen, aber gewiß vorhandenen Grund voraus. — 
      Er zeigte ihm nun Iduna. Sie nahm von dem Uebrigen um sich her keine Kenntniß. Eben befahl sie ihren Palast neu zu schmücken. Das Kind hörte ihre Stimme, es rief nach der Mutter; sie horchte . . . . und wunderlich bewegt schritt sie auf die Kleine zu, sie sahe sie an, wollte lächeln, wollte weinen, sich neigen, sie aufnehmen, aber sie nahm wieder ihre stolze Miene an, und wandte ihr den Rücken, vielleicht weil sie in Bettlerkleidern war. Das Kind hielt sich an ihre Kleider. Der Graf trat vor Iduna, wo sie ging; sie blieb stehen, sie sah ihn an, erröthete, neigte ihren Kopf auf die Brust und schlich von dannen.
      Der Graf wünschte die wiedergefundene Tochter seiner Egeria auf sein Schloß an der Donau zu nehmen. Auf die gehörigen Legitimationen, die ihm leicht sein würden zu erlangen, sagte ihm der Arzt zu, sie durch einen treuen Gehülfen in diesen Tagen dahin abzusenden. Die Armen müßten hier Zuflucht suchen; jeder reichen Familie sei es vergönnt, ihre Bedenklichen unter sich zu behalten.
      Der Graf übergab ihm zugleich das Kind, und der Arzt machte ihm gern die Hoffnung, daß des armen Mädchens Augen nicht unwiederherstellbar gelitten hätten.
      So war er doch einen Schmerz los. Denn er sollte so eben

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den neuen, fast noch größeren übernehmen, durch die Entdeckung der Begebenheit an seine Gemahlin Egena, durch den Anblick der Wirkung davon in ihr, wie er sich dieselbe mit reinem Gewissen dachte.
      Als er aber allein nach Hause gekehrt war, fand er erst, daß er vorher nicht umsonst zu seiner Egeria gerufen worden sei. Sie war krank; von dem Schrecken und der Kälte der Nacht, wie er wohl auch mit Grund annahm. Doch errieth er ihre wahre Krankheit nicht, selbst daraus nicht, daß sie schon mehrere Male nach dem jungen Geistlichen geschickt, der gestern Abend gepredigt. Ja er ging am andern Morgen selbst nach ihm, und erfuhr, daß er „aus unbekannten Gründen“ entfernt worden, aber zugleich auch seinen Namen und Geburtsort, woraus er sahe, daß er der Sohn seines eignen Gärtners auf seiner Herrschaft an der Donau war.
      Nach einigen Tagen erholte sich die Gräfin, aber die Winterfreuden waren ihr verleidet und verhaßt. Sie wünschte selbst auf das Land, auf das Schloß an der Donau zu gehen, und am meisten hatte sowohl zu ihrer Genesung, als zu ihrem Entschlusse die einfache Mittheilung des Grafen beigetragen, daß er ihre Tochter Iduna und auch die kleine Therese wiedergefunden, daß sie schon auf dem Schlosse eingetroffen sein würden. Von den übrigen Unständen hatte er keinen für ein Mittel zur Genesung angesehen; und ihr Entschluß kam ihm zu rafch, denn er glaubte den Winter über die Kinder ihr dort verborgen zu halten. Nun war nicht mehr auszuweichen. Er seufzte.
      Schon zuvor hatte sich Egeria in ihren stillen Betrachtungen am Tage und des Nachts gern damit beschwichtigt, daß ihr Kind, wenn auch noch so wahr, noch so sehr durch sie verwahrloset, doch nicht so ganz unglücklich geworden, wie sie ja selbst als Mutter durch ihr Leben, und die Befriedigung ihrer Neigungen auch so

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ganz und wirklich es noch nicht sei, wenn sie es nicht erst durch ihre Kinder werde und werden müsse. Ihre Sünde — nun wohl — solle nur ihre Sünde, solle dahin sein! Sie wollte sie tragen, sie fühlte sich Weib dazu. Durch ihres Gemahls Worte fühlte sie sich die beklemmende Last, welche der Geistliche ihr aufgewälzt, vom Herzen gehoben, und sie hoffte Herstellung, ja Ruhe und Frieden, und in diesen vielleicht auch dereinst oder bald noch Freude, Freude wie sie sonst in den lauten, rauschenden Kreisen nicht empfunden. „Häusliches Glück! Voilá mon pis-aller!“ rief sie aus. Ihr Herz schlug vor Sehnsucht nach der Umarmung der reuigen Tochter, sie konnte den Augenblick kaum erwarten, die holde kleine — Prinzessin — Theresia mit den schönen blauen Augen zu sehen, erwog, wie groß sie schon sein müsse, und kaufte ihr Kleidchen und andere Geschenke.
      So reisten sie denn nach dem Schlosse und kamen des Abends an, während ein leiser knisternder Schnee die Erde weiß bedeckte.
      Der Graf erkundigte sich heimlich sogleich, ob Niemand vor ihnen angekommen sei. Die Töchter waren da. Auch der junge Geistliche war bei seinem Vater. Er ließ ihn auf Morgen früh zu der Gräfin bestellen, die nach ihm begehrt.
      Sie war wohl, ja lebhaft angeregt; warum sollte ihr Gemahl ihr nicht selbst, nicht schonend und nach und nach im Voraus erzählen, was sie ja doch wissen mußte, gleich am anderen Tage erfahren, selbst sehen konnte, und plötzlich und machtvoll davon überrafcht! Die Nacht verdarb er ihr nicht; aber am Morgen begann er auf ihrem Zimmer von dem blinden Bettlerkind in der Halle gelassen zu erzählen. Er ließ ihr sich alles lebendig von selbst entwickeln, wie es ihm sich entwickelt, wie er es entdeckt. Denn ein Abbrechen, ein Aufhören ließ ihre Begierde durchaus nicht mehr zu.

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So ließ er sie denn den armen Schauspieler todt in seinem Zimmer finden, wie er ihn gefunden; das gute Mütterchen sprach aus ihm jedes Wort noch einmal; er gab ihr den Brief zu lesen, den er gelesen, er führte sie in Gedanken mit sich vor den runden Thurm, in den Garten.
      Er bemerkte nicht die ganzliche Verwandlung Egeria's. Ihr erblaßtes Antlitz, ihr allmälig stärkeres Beben, ihr Blick zum Himmel, und dann ihr Starren vor sich hin, der düstre verzagte Ausdruck ihrer wie entseelten Züge, das alles schien ihm nothwendige Folge seiner Worte, die einmal eintreten müsse, die vorüberwandeln werde, vergehen vordem Anblick ihrer Kinder, und sich auflösen in Mitleid undThränen, sich verklären zu Hülfe und Trost.
      Wir sind ja unschuldig, wenn auch unglücklich, liebes gutes Weibl sprach er nach langem Schweigen.
      Sie schwieg. Sie reichte ihm die Hand, küßte die seine und hielt sie an ihren Lippen. Er legte ihr den Beutel mit dem erbettelten Kupfergeld in den Schooß. Sie konnte nicht weinen.
      Da rauschte es auf dem Saal, an der Thür, sie wurde aufgethan. Da trat — in einem alten staubigen, purpurseidenen Hofkleide, das Egeria in ihre Garderobe als Trophäe aus unvergeßnen Tagen hinhängen lassen — jetzt ihre Tochter Iduna herein, das blinde Kind an der Hand. Sie blieb in der offenen Thüre stehen. Niemand sprach; alles war still; man konnte den Schnee an die Scheiben wehen hören. Endlich hafteten die Blicke an de» Blicken. Im Antlitz der Tochter stand ein bitteres Lächeln, indeß sie auf die Mutter sah. Dann erblickte sie eine marmorne lebensgroße Lieblingsbüste Egeria's, das getroffene Gleichbild ihres gekrönten Helden und Siegers, nahte dem schneeweißen, unbeweglichen Manne voll Ehrerbietung und stellte ihm ihr Kind vor.

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      Egeria stand auf. Das Geld fiel klirrend vor ihre Füße. Das Kind horchte.
      Sind Leute hier? fragte sie. —
      Reiche Leute, geizige Leute, antwortete Iduna. —
      Soll ich sie aber doch anbetteln, Mutter? fragte das Kind aus Gewohnheit wieder, und streckte in der Richtung nach Egeria, von wo sie weinen hörte, ihr Händchen aus. —
      Schäme dich! nein! du sollst nicht! sprach Iduna, und riß sie zurück; ich bin eines gesalbten Heroen Tochter, und du sollst mein Kind fein. Komme von hier!
      Kennst du mich nicht, o meine Tochter, meine Tochter! rief Egeria mit bebender Stimme. 
      Iduna trat vor sie hin, sahe sie an und sprach: O ja, ich kenne Dich wohl — Du bist Numa's Egeria, die ihm ihre Geheimnisse offenbart. Wer war doch Numa? weißt Du es nicht? Er muß doch nun todt sein, und Du lebst! Sonderbar, sehr sonderbar! — Sie bewegte verwundert das Haupt und sann dann nach. 
      Der Graf sah feuerroth zur Erde. Iduna sah ihn mitleidig und achselzuckend an. 
      Gewiß glaubte Egeria, ihre Tochter habe in der Welt von fremden Menschen, die sie nicht gekannt, und sich ohne Zurückhaltung frei geäußert, von ihrem Verhältniß gehört, und es komme in ihrer Verwirrung nun sonderbar mit dem Alterthume vermengt zum Vorschein, zur Sprache. Sie mußte in ihrer Meinung bestätigt werden, als Iduna plötzlich in Thränen ausbrach, dem Grafen um den Hals siel und schluchzte: o mein Vater! 
      Meine Tochter, meine Tochter! erwiederte er weich, und gab sich ihr hin. 
      Egeria, gebeugt in ihrem weiblichen Stolz, überwallt von

   37

aufquellendem Ehrgefühl, und gefoltert von Scham und von Angst, that einige Schritte jetzt hiehin, jetzt dahin; dann blieb sie mit starrenden schauenden Augen auf die Gruppe geheftet und mit ausgestreckter Hand im Zimmer stehen, während ihre tiefste Seele, mie ein fremder Geist, die Worte Iduna's leis in ihr nachsprach: Er muß todt sein — und du lebst!
      Das Kind sich verlassen fühlend rief: wo bin ich denn? faßte in Egeria's Kleider und fragte: bist Du es, meine hübsche Mutter? wird es denn hier auch nicht Tag? wenn die Lampe nur brennte! ich fürchte mich, es weint ja so! 
      Egeria sah von ihr ab. Ihr Mutterherz war gebrochen. Da erblickte sie den indeß still in der offenen Thür erschienenen Geistlichen, der hanend und ernst ihr entgegen sah. Er trat einige Schritte vor ihr zurück und sprach: „Ich komme auf Befehl des Herrn — ich bin der Geistliche — — “
      Diese Anrede, der Ton seiner Stimme mahnte, erschütterte sie. Die ganze Gewalt seiner Worte im Dom fiel wie vom Himmel ausgeschüttetes Feuer jetzt über sie nieder, machte es noch einmal brennend hell in ihr selbst, und hell um sie her, um Iduna, das Kind, und verzehrte dann ihre Gedanken. —
      Sie floh ans dem Zimmer.
     Es ward eine Todtenstille; eine furchtbare Pause trat ein, als wenn der Blitz in das Haus geschlagen, jeder betäubt steht in der Erwartung und Ueberzeugung, daß die Flamme plötzlich emporschlagen wird. Dem Grafen ward Angst um seine Gemahlin. Er eilte ihr nach, der Geistliche folgte. Das Portal stand offen. Frische, weite Tritte in den weichen Schnee leiteten sie zu dem nahen Strome. Egeria war nicht zu sehen. Aber ganz nahe am Ufer fanden sie die sich selbst Entronnene still am Boden ausgestreckt.

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Bloß mit dem Gesicht und den Armen lag sie im Wasser. Einer Eiche ausgewaschene Wurzeln hatten ihren Fuß gehemmt. So war sie gefallen, noch eh' sie sich stürzte. Der Strom rauschte majestätisch dahin, der Schnee zerschmolz auf seinen Wassern. —
      Sie war nicht wieder in's Leben zu bringen. — Niemand hatte die That gesehen. So hielt ihr der Prediger denn die Standrede. Der unterrichtete Wann mußte im Schlosse bleiben als Lehrer der kleinen Theresia, welcher bald die schönen blauen Augen wiedergegeben wurden. Der Gehülst stellte Zduna her, da der Anblick der todten Mutter ihr zuerst ihre Besinnung erweckt. Der Graf schrieb an den Prinzen und forderte ihn. Er erhielt von ihm zur Antwort, daß auch seine Gemahlin gestorben; und da er nun mit Bedauern wisse, von welchem Stande die schöne Iduna gewesen, so werde er selbst kommen, Verzeihung bei ihr und dem Vater zu bitten.
      Der Graf ließ das alles dahingestellt. Erst nur so viel ihm recht schien gerührt von den Ereignissen so lange Egeria lebte, schien er nun kalt, als er den wahren Zusammenhang durch den Inhalt der Predigt wußte.
      Er verbaute gleichsam seinen Schmerz und Unmuth in das prachtvolle marmorne Grabmal für seine Gemahlin. In die große hohe Schrift inwendig unter der Kuppel desselben im Kreise umher, legte er Trost, Mahnung, selbst eine leichte Rache an Egeria. Und wirklich, Iduna hatte etwas Geisterhaftes, Unbegreifliches in dem hinaus-schauenden Aug', dem enträthselnden Antlitz, wenn sie, das Kind auf dem Arm, in dem Grabmal stand, wo Egeria schlief, und die Worte der Umschrift las:

Kinder sind die Auferstandenen.