1 |
Motto: Die Welt ist eine große
Erbschaftsmasse.

In der
Abendstunde des achten Decembers ging Graf Albert mit seiner Gemahlin
Egeria nach der Stephanskirche in Wien. Das Wetter war überaus mild für
das Alter des Jahres; eine große, weiße und leichte Wolkenkuppel, hell wie
aus erleuchtetem Alabaster, war über die Erde wie eine Rotunde gewölbt,
und aus dieser selbst schien überall zugleich und gleichfarbig der
gedämpfte Tag hernieder zu dämmern, nicht von dem Monde, dessen Scheibe
nur manchmal blaßgelb durchschimmerte, wodurch er nur seine Stelle am
Himmel verrieth. Der Thurm und die Kirche warfen keinen Schatten; die
Gebilde daran, selbst die lebendigen Gestalten aus dem Platze, waren dem
Auge nicht recht verloren, nicht recht vorhanden. Der Mensch weiß dann
nicht, wo er selbst hingerathe, ob der helle Tag, die funkelnde Nacht,
oder die schweigende Dämmerung des düstern unheimlichen Abends das wahre
Licht für die Erde sei, oder welches das schönste für ihn? Und wie die
Natur alsdann z» träumen scheint, träumt auch er in eigenbefangener
wundersam angeregter Seele. Der Graf
lächelte stillentzückt vor sich hin, zwar wohlwissend, daß die Natur nicht
des Menschen wegen ihre Wunder begehe, und doch sicher und selig im
Herzen, daß es dem Sterblichen vergönnt sei,
 |
2 |
sie zu schauen, mit Aug' und Gefühl sie auf ihrem Wege zu
begleiten, Theil an ihr zu nehmen, und daß er werth sei, von ihr getragen
und beseligt zu werden. Er hatte das Glück, lebendige Neigung für die
schönen Künste, besonders für die Baukunst zu nähren, als die Kunst,
welche dem Vornehmsten und Reichsten am nächsten steht; er verwandte Zeit,
Einkünfte, Gedanken fast einzig daran, und wie man mit Unrecht diejenigen
zerstreut nennt, die nach Außen gleichgültig, ihre Kraft im Innern
gesammelt auf einen Gegenstand richten, so hieß und war es auch er. Da er
aber sogar über sein Hauswesen, selbst über seine Gemahlin nicht in Klarem
war, oder nicht sein wollte, so nannten ihn seine verdrießlichen Freunde
in ihrem Kreise statt Graf Albert oft nur ein wenig anders. Doch verdiente
der kluge und redliche Mann das
nicht. Die Gräfin lächelte auch;
aber sie freute sich auf die Feste des Winters, ja auf den Winter selbst,
als auf die trüben Tage, die Gesellschaften bloß bei Licht, um in der
Flucht der Rosen von ihren Wangen noch eine Wintersaison oder Kampagne der
Damen für jung und blühend zu gelten, denn schön in den Formen und schlank
war sie noch. Sie freute sich des Neides der Andern, selbst einer gewissen
ungewissen Meinung von ihr, die nach und nach über sie durchgedrungen war;
und dieß, weil die Jahre anfingen sie zu drängen, und dieser Meinung wegen
also ein unerfahrener schöner junger Mann nicht so unglaublich-langes,
unausstehlich-langweiliges Bedenken trug, sich ihr zu nähern, wenn sein
Herz noch von Ehrfurcht und bloßer Ehrerbietung vor ihr, wie vor jeder
feinen Dame war, als sei sie wirklich, was sie scheint, ein Engel. Darüber
nun lächelte sie. Desto fremder und
unerwarteter überraschte sie die wie vom
 |
3 |
Himmel herniederrufende Stimme des Sterbeglöckckens, das
für ein paar Kreuzer jedem Sterbenden vom Dome geläutet wird, damit die es
hören ein Vaterunser für den so eben von der Erde Scheidenden beten. Und
wie die Uebrigen auf dem Platze, welche durch den magischen Hall
getroffen, in vorwärts geneigter Stellung, ihre Häupter entblößt, die
Hände gefaltet und betend, plötzlich wie versteinert umherstanden, so
mußte auch sie für einen Sterbenden beten, obgleich der Tag abgethan
schien, und der Himmel so lieblich aussah, daß kein Mensch ihm ein solches
Absordern einer Seele von der lieblichen Erde mehr zugetraut
hätte. Sie seufzte wider Willen, ja
unwillig; zog ihren Gemahl in die Kirche, und sie besprengte ihn mit dem
eingetauchten Mittelfinger vom Daumen hinweg mit Weihwasser. Er errieth
sehr wohl, daß sie sich damit gemeint.
Es war die Zeit der Abendpredigt. Ein Geistlicher stand auf der Kanzel
unfern der großen Orgel. Er hatte zwei Lichter neben sich brennen, und nur
unterhalb der Kanzel, vor ihm, und rings um den hohen mächtigen Pfeiler
her, stand eine Schaar armen Volkes ihn anzuhören. Die übrige Kirche war
dunkel und leer. Die Armen wollten feine tröstlichen Worte, die ihnen
durch seinen Mund von ihrem himmlischen Vater gesagt würden, als reiche,
wenn auch wehmüthige Entschädigung für die Entbehrungen des Tages mit in
ihre Wohnungen nehmen, als ein Mittel zu einem ruhigen Schlaf, als eine
Abwehr der Sorgen im Traume, ja mancher vielleicht als Himmelsspeise für
seine Kinder statt irdischen Brotes. Der
katholische Geistliche hatte schon begonnen. Der Graf und die Gräfin
traten leise näher, von dem sanften Hall der schönen Stimme, wie von
Wellen, in seinen Kreis gezogen.
 |
4 |
Nun konnte sie ihn sehen; er war jung, aber blaß, in
seinem weißen Gewande stand er wie ein Engel vor ihr, über ihr, und das
Gold funkelte, wie er im Glanze der Kerzen sich regte, auf seiner Brust.
Sie hörte: — „und da also ganz mit
Recht Kirchenbann darauf steht, von der heut' gefeierten Empfängniß Maria
an geheiligter Stätte zu sprechen, so laßt uns daher
lieber etwas betrachten, was dabei nicht vorhanden war,
nämlich die Erbsünde. Lernt, ja lernt endlich einmal, warum Ihr,
untadelich und löblich, bis zur Anbetung selbst, die heilige Mutter des
Menschensohnes verehrt — weil sie seine Mutter, die
reine war. Der Hauptgrund der Reinheit Maria's von
Erbsünde war: Gott hat ihr den heiligen Geist zu einem heiligen Leben
gegeben, weil sie den Erlöser gebären sollte. Da der Sohn also fehllos sein sollte, so mußte durchaus es auch die
Mutter sein. Denn Sohn und Mutter sind ein Leib und
eine Seele, eine, in der entscheidenden heimlichen heiligen Zeit, wie Erde
und Aehre Mutter und Sohn. Erbsünde aber ist die erbende, die geerbte
Sünde; doch wessen? — der Aeltern, und nur insofern
diese Menschen sind, Sünde des Menschengeschlechts überhaupt. Wie die
Aeltern dachten, empfanden, hofften, wünschten, so, ja
das selbst werden und müssen die Kinder sein. Denn was sind Kinder?
eines jeden Einzelnen Kinder? Sind sie Steine aus dem Monde gefallen?
kleine Gebilde aus Marmor des Bildhauers, aus fremdartigem, ganz anderem
Stoff, als er? und sind diese todten Gebilde nicht schon seinem Geiste,
seinen Gedanken ähnlich, sind wie jene waren? sind jene
selbst nun sichtbar geworden, und schon Leben und Geist verrathend. Der Saame, den
der Säemann aus seiner Hand in die mütterliche Erde säet, der geht auf, kein anderer. Sie bringt ihm hundertfältig
wieder, was er ernten wollte; sie ist geschickt und bereit
 |
5 |
jeden zu tragen, empfängt ihn still, und giebt ihn still
zurück, für Waizen: Waizen, für Unkraut: Unkraut. Die Nelke bringt Saamen
der Nelke, als welche sie ihr süßes Leben lang geduftet; die Distel,
Saamen der Distel; die schöne Mandelkrähe bringtIunge, die ihr gleichen
bis auf die kleinste himmelblaue Feder, den zartesten Rosenstreif. Alles
Junge erbt seiner Aeltern Sein. Das Lamm und der Tiger; Gemüth und Kleid,
Stimme und Trieb. Aber das Menschenkind erbt auch die
Seele, wie es Angesicht erbt, weil seine Aeltern ein menschliches Angesicht trugen. Kinder sind die fortgesetzten
Aeltern, wie ihr Blut, so ihr Leib. Und so vererbt auch
der Mensch seine Seele. Und nicht sie allein, nicht so
allein, daß der Mensch unsterblich wird in seinen Kindern, wie der
Olivenbaum durch seine Sprossen, sondern er säet auch das in das Reich der
Geister, was in seiner Seele gereift, was Gedanke,
Vorsatz, Wille, Gefühl in ihm war, sein Leben lang, bis er es zauberisch
verjüngt für die folgende Welt. Darum wird das Menschengeschlecht immer
weiser und besser geboren, und so immerfort, immer
vollkommener; darum können es keine Zwing- und Bannherren auf seine
Stelle, noch in ewige Nacht bannen, wenn sie nicht die stille Tugend, den
reinen Willen, de n schaffenden Geist bannen können. Darum wird das Kind böser Aeltern, böser Mütter — ihr wißt
nun, was ein Kind ist — mit bösen Neigungen, gleichsam
mit Angewohnheit der Sünde geboren, woraus es nur der Wille Gottes, d. h.
göttlicher Wille, der in die Seele aufgenommene Wille dessen erlöst, der
alle Welt dadurch erlöst, den jetzt bald wieder die Engel von Nachtgewölk
lobsingen, den die Hirten verkündigen, dem die Weifen aus Morgenland ihre
Gaben auf dem Schooße der Mutter weihen. Denn das Kind ist heilig! heilig
geboren!
 |
6 |
So verehrt denn Maria, weil sie rein, keusch, heilig
lebte und fühlte und athmete, wie die Nelke, wie die
Lilie rein und füß ihr Leben lang geduftet; verehrt sie so innig, so
herzig ihr wollt, nie verehrt ihr Sie genug. Denn kein anderes Weib konnte
diesen Sohn gebären, sonst hätte sie
ihn geboren, sonst hieße nun diese Maria — aber Sie ist
es ja, Sie ist das Weib: unsre gebenedeite Mutter des
Herrn. Maria ist Maria, schon lange und nun auf immerdar, und Kind und
Kindeskind sollen sie selig preisen. Aber nun hört mich wohl: Iede göttliche Gabe ist Allen gegeben, ja je
beseligender sie ist, je allgemeiner; jede Eigenschaft, jedes Gesetz der
Natur gilt ewig, gilt Allen, alfo auch jetzt, auch Euch. Nichts war
einzig, so wunderbar es scheint, so herrlich es ist. Auch Eure Kinder
können rein und frei geboren werden, wenn Ihr rein und frei lebet und
denkt. So lebt nur selbst auch rein und heilig, und so denkt und so
empfindet Alles immer, auch das Böse, auch den Tod. Ihr wißt: was Ihr säet
wird aufgehen, was Ihr denkt und fühlt wird leben, sichtbar, leibhaftig,
menschlich, wiedererzeugend, ewig, und so endlich göttlich. Himmlische
Aussicht! Fruchtbare Kraft des Guten! Segensreiche
Fülle des Schönen! Aber auch fluchwürdige Saat des Bösen! Furchtbare Wirkung des Lasterhaften auch nur in Gedanken; ja
gerade in Gedanken, der regsamen, wimmelnden, ewigen Saat; alles was
wahrhaft lebt, ist nur Gedanke. — Darüber denkt nach. Ich warne Euch! Ich
ermahne Euch! Wählt! oder habt Ihr gewählt, denkt über Euch nach, über
euer Leben, eure Gedanken und — eure Kinder, und ihre Thaten, ihr Wesen und ihr Beginnen.
Vergleicht Euch und Sie! Prüft in Eurem Herzen, ob meine Worte Wahrheit
sind, da könnt Ihr es wissen. Wißt es denn! Freuet Euch
oder schaudert! ich lass' Euch Zeit.“ —
 |
7 |
Der Prediger hielt
inne, die gewöhnliche Pause zu machen, in welcher die Abkündigungen und
Bekanntmachungen geschehen, was am Tage verloren worden ist, oder was
sonst Iemand unter das Volk zu bringen wünscht, von dem Manche nur darauf
warten und hören. Er putzte seine Lichter, um die geschriebenen Blätter
besser lesen zu können, die er ordnete, indeß er sich zugleich erholte.
Denn er hatte begeistert und feurig gesprochen. Es war des jungen Mannes
erste Predigt; und wie so viele Laien der römischen Kirche rein
evangelisch leben und glauben, eben so giebt es viele vortreffliche Redner
und Prediger jetzt überall unter ihnen, die Sinn und Geist in die alten
Lehrsätze ihrer Kirche zu bringen suchen. Auch der junge Mann hatte sich
wenigstens darum Mühe gegeben, einem todten, vom Satan im Paradiese
stammenden Satz eine menschliche, fruchtbringende Seite abzugewinnen, und
er lächelte sehr. Die Gräfin, von dem
Sinne der Worte, wie von dem Feuer des Vortrags heftig erhitzt und
getroffen, hatte sich in einen entfernten Beichtstuhl zurückgezogen. Der
Graf hatte bald nicht mehr auf die Predigt gehört, sondern die Säulen und
Gewölbe betrachtet, erfüllt von ihrer Macht und zauberischen Erscheinung
in der schauerlich-düsteren Höhe und Weite. In der Pause nun wollte er
wieder zu seiner Gemahlin treten, und da er sie an dem Orte nicht fand,
vermuthete er, sie sei die wenigen Schritte hinüber nach ihrer Wohnung
allein gegangen, und vielleicht schon in die Gesellschaft gefahren. So
ging er nach Hause. Die Gräfin aber, in
ihrem Gittersitze verborgen, athmete kaum. — Wenn es wahr ist, was er
sagte, sprach sie bei sich, wenn es wahr wäre, wahr würde! Wäre es nicht
so treu und schön? — so erschreckend! — Nein, es ist nicht, es kann ja
nicht sein!
 |
8 |
Der junge Mensch ist ein Schwänner, ein Träumer! Und doch
glüh' ich und beb' ich. Was bedeutet es mir denn? fragte sie sich selbst.
Und nun durchlief sie in Gedanken ihre Gedanken, ihr Leben. Aber sie
glaubte nur roth zu werden, wollte sich über ihr Erröthen schämen und
blickte sich schüchtern um, als ob Jemand wissen und sehen könne, was sie
empfinde. — Da nahm der Prediger wieder
das Wort, und er las eine Bitte an alle Aeltern, alle Mütter, im Namen
einer Mutter ab, die ihre Tochter vermißte. Ihr armer Pflegevater
versprach dem Wiederbringer zur Belohnung alle Wochen 48 Kreuzer, so
langeerlebe. Mehr hörte Egeira nicht;
sie verhüllte sich und legte sich mit dem Gesicht in ihr Tuch. Jetzt war sie sich klar! jetzt verstand sie den Eingang der
Predigt. Denn auch sie hatte ihre verwahrlosete Tochter verloren. Sie
imrkte nicht mehr, was um sie vorging, was die Stimme des strafenden
Engels, wie er ihr erschienen, nun weiter sprach; nicht wie die Armen dem
Herabgestiegenen Gewand und Hände küßten; wie das Volk sich verlief; wie
oft die Uhr schlug; sie hörte sogar nicht den alten Saeristan umhergehen,
welcher die einzelnen Menschen, die hie und da noch knieten, höflich
einladete aufzustehen und sich für heute zu entfernen; ja sie hörte nicht
die Kirche verschließen. Sie war außer sich, das heißt,
sie war mit ihren Gedanken bei sich selbst wieder in
ihren verflossenen Iahren, außer sich, wie sie jetzt reglos dafaß in dem
Gitterstuhl, nur Nacht und Einsamkeit um sich
her. Sie wandelte in den Tagen des ersten
Jahres ihrer Ehe. Unter jenem blauen lockenden Himmel, der jetzt über ihr
längst mit seinen Wolken, seinen Sonnen hinweggezogen war, stand sie
wieder als junges, rafches, üppiges Weib. Der Myrtenkranz, über dem
Brautbett aufgehangen, schimmerte ihr wieder frisch,
 |
9 |
ja die Rosen dufteten ihr noch einmal herauf, die ihren
Schmuck nun längst verstreut. Sie selbst empfand wieder lebhaft, was sie
da empfunden, auch die Menschen jener Tage begegneten ihr wieder so, als
ob sie mit einem Licht durch eine lange Gemäldegallerie gehe, und nur das
hellere Antlitz der Bilder ihr flüchtig aufblinke, oder Engelsköpfe aus
Gewölk und Duft und Glanz; und jedes lächelte sie an, wie sie so schön
sei! Und sie selbst nahm auch jetzt wieder jene stolze, die Bewunderung
der Männer übersehende Miene an, indeß das Weib ihr Entzücken darüber kaum
unterdrücken kann, ihre Augen die Glut der entflammten Seele gleichsam zu
verschütten drohen, und die Lippen es zu verrathen: wie belegt, wie
geneigt jedem Huldigenden, wie beglückt sie fei! aber die Wange glüht nur,
die Lippe zuckt; und wie der Welt — die sie so reizt, welche sie so
gereizt — entfliehen wollend, schreitet sie vorüber mit hastigem
Schritt. So fühlte sie
sich. Der durch den Prediger in sie
geworfene lebendige Gedanke aber suchte aus ihrem ganzen Bewußtsein nur
jene Gefühle und Gegenstände auf, oder scheuchte sie wie flüchtige Rehe
hervor, welche er bedurfte, sich vollständig auszubilden, um als ein
Ganzes, als Gestalt, ja als ein Gespenst vor ihre Seele zu treten, und er
führte sie mit voraussehender Kraft heimlich dahin, wohin er zuletzt sie
haben wollte. Der Mann, welchen er ihr
alfo vorführte, war nicht ihr Gemahl, sondern ein junger Schauspieler, der
sich in kleinen Briefen an sie damals nur „der arme
Claudius“ nannte, und jetzt unter anderem Namen ein berühmter
Schauspieler war. Wenn er auch nicht von Gestalt so angenehm gewesen,
nicht einen so schönen schwarzen Lockenkopf gehabt, so hätte er ihr doch
gefallen.
 |
10 |
Ja, er hätte dazu gar kein lebendiger Mensch sein dürfen;
denn wo sie ihn zum ersten Male sah, war er nicht er
selbst, sondern bedeutete einen herrlichen,
liebeseligen und beseligenden jungen Mann, einen feurigen Italiener, einen
unglücklich begrabenen, wiedererstandenen Todten — denn sie hatte sich im
Theater in ihn als Romeo verliebt. Darauf hatte sie
zufällig ihn in weiter keiner Rolle gesehn, er hatte sein schönes Bild
durch kein anderes gemeines wieder in ihr zerstört, und den Eindruck
desselben bis zur Gleichgültigkeit aufgehoben, wie allen geschieht, die
einen Schauspieler oft sehen, und dadurch bald den bloßen Schauspieler in
ihm erblicken. Sie aber hatte seine Gestalt mit der
Kraft der Phantasie eines jungen Weibes, rasch und gewaltsam wie Iulie
selbst, festgehalten, Er war ihr Romeo, den kaum ein weibliches Wesen so
Zärtliches klagen hören, so Entzückendes beginnen sehen kann, ohne zu
wünschen so geliebt zu sein, wie Romeo liebt — Julie zu sein, oder nur
Romeo wo zu begegnen, und still wie ein Bild, „das sich nicht regt, auch
wenn es zugesteht“ seinen ersten Kuß zu
dulden! So war die Gräfin denn wirklich
erschrocken vor ihm, als Claudius einst in die Gesellschaft trat. Ja daß
er in anderem Anzüge kam, war ihm vortheilhaft, denn er schien sich verkleidet zu haben, vielleicht nur ihrentwegen, die ihn
einzig erwünschte. Denn sie hatte oft die Unmöglichkeit wehmüthig
empfunden als eine Sterbliche, welche die äußere wehende wirkliche Luft
athmet, die sie umgrünende Erde betritt, in das völlig abgeschlossene
Gebiet der Kunst, ja nur in den Kreis des Dargestellten von irgend einem
Künstler zu treten, auch wenn der Künstler selbst das Dargestellte ist,
oder es bedeutet wie der Schauspieler. Die Bühne stand vor ihr offen, sie
konnte selbst in dem Garten, dem Kloster,
 |
11 |
den Hallen des Stückes wandeln, aber sie doch nicht! denn
sie lebte, sie war, in einer neuen gegenwärtigen Welt,
und jene Bäume, jene Mauern stellten nur ein Vergangnes vor! Ach, und sie
waren doch da! doch sichtbar! Nie konnte sie ein Wort, weder Iulie noch
Romeo sagen; ihnen auch nur einen Finger reichen, den tödtlichsten Irrthum
lösen — eine unsichtbare Kluft war zwischen ihnen befestigt, und sie
konnte Iene nur wandeln und lieben sehn, wie in einer andern, schönern
Welt, in ihrem eigenen himmlischen
Reiche. Wenn aber ein Bild, so lange
noch ein Gewand von ihm schimmert, in seinen Rahmen gebannt ist, und ein
Marmorbild nie einen Fuß, nur einen Finger bewegen kann, so gleicht der
Schauspieler, der Todtes durch Leben darstellt, den alten Göttern der
Teutonen, die im Himmel, um die unendliche müßige Seligkeit los zu werden,
Schlachten lieferten, und nach denselben wohlbehalten wiederaufstanden und
sich zu ihrem Methhorn setzten. Ia, wie eine Amphibie der Natur und der
Kunst schleicht er sich aus dem Zauberreich in die irdische S«ne und, wie
ein Schimmer der Schminke auf seiner Wange, bleibt ein Schein, oft eine
Glorie aus jenem um ihn stehn, und gewinnnt ihm die
Herzen. Mit diesen beschönigenden
Glossen suchte Gräfin Egeria die kurze und einfache Geschichte der
Verirrung mit dem jungen Manne, deren sie sich jetzt erinnern mußte,
während desselben bei sich zu entschuldigen. Sie hätte ihn jetzt vergessen
gehabt, wenn nicht Alles das, was uns nicht ganz zur Vollendung gekommen,
nicht zur Befriedigung gelungen, uns nicht zeitlebens das Herz beschwerte,
und ein Sehnen nachließe, das uns oft. zu seufzen nöthigt; indeß alles
Erreichte uns vom Herzen abfällt, uns nicht mehr reizend, nicht mehr
begehrt, sich wie ein dürres Blatt vom Baume unter
 |
12 |
das abgefallene herbstliche Laub mischt, und wie von
Winden zerstreut von uns schwebt. Um desto deutlicher war ihr jetzt das
Bewußtsein: wie gern sie sich Jenem ganz ergeben hätte!
Denn kein inneres Gefühl hatte sie davon abgehalten, im Gegentheil manche
Betrachtung sie dazu aufgefordert. Ihrem Manne nämlich hatte sie, wenn
nicht mit Abneigung, doch ohne Neigung, ihre Hand geben müssen, weil ihre
Stiefmutter sie aus dem Haufe los zu sein gewünscht. Das Bild einer
vollkommenen Ehe, welches ihr, wie jedem unverdorbenen Mädchen,
vorgeschwebt, hatte sie sich aus Mann und Weib zusammengesetzt; beide
jung, schön, gesund, reich, in aller Fülle der Kraft, mit aller Anmuth und
Macht derLiebe sich begehrend, fassend und haltend, und also sich selbst genug, wenn es sein müßte in einer öden Welt, geschweige in einer vollen, für sie immer reichern und seligern durch
herrliche Kinder! ihr Leben und Glück! — Dagegen hatte ihr die Stiefmutter
vorgestellt: daß die glücklichste Frau die sei, welche der Mann liebe, der
ihr zu gefallen lebe. Und sie, Egeria, liebe ihren Bräutigam nicht, aber
er sie! Was könne sie weiter wünschen, verstehe sie anders recht ihren
Vortheil. Denn die Welt, besonders die vornehme, suche wahrhaftig auch
jenes, gleichsam mafsive, aus einem Ganzen bestehende, Glück in der Ehe;
aber es gebe noch keine vollkommene, und sehr natürlich, weil es keine an
Leib und Seele vollkommene Jungfrauen und Jünglinge — und überhaupt nur
eine sehr unvollkommene Welt nebenher gebe. Aber dieses dabei zum Glück!
Denn da Jeder, dem die Liebe nicht das Vollkommene, so
wohl indeß, so wie für immer erscheine und sei, nunmehr sein Glück
vollzählig zu machen, Supplemente und Surrogate jeder Art zu dem einen, einfachen Leben suchen müsse und suche, so finde sie
jeder. — So getröstet, ja verlockt,
 |
13 |
hatte sie den Grafen Albert geheirathet, so Liebe für
Claudius gefaßt. Aus dieser Liebe hatte
sie plötzlich die Eitelkeit gerissen. Ein berühmter Held war mit der Armee
gekommen, welche das erste Mal ihr Vaterland überzog. Daß er ein Feind
war, der Verderben und Elend brachte, daß er einen berühmten Namen hatte
durch den Tod, ja die Schmach dieler tapferen Männer ihres Volkes, selbst
Einiger ihrer Familie, wozu ihr gefangener Gemahl gehörte, das alles
bedachte sie nicht. Denn es war von ihm, als er noch fern war, so viel
Großes und Ruhmvolles gethan und gesprochen worden, daß er, bei feinen
ungewöhnlichen gewohnten Vorzügen, sich mit dem Gewitterschein der
Furchtbarkeit umgab, als er nahe kam, als er über den Häuptern wandelte.
Aber selten fürchtet ein Weib einen Mann. Was ihn
furchtbar macht, das macht ihn den Männern gefürchtet — dem Weibe macht es
ihn groß und reizend. Ihr gegenüber ist er nur immer ein Mann, wenn er
kein Barbar ist. Sie weiß, der Krieg gilt nicht ihr, nicht ihrer
Schönheit, ihrer Gunst. Oder vielmehr sie weiß, sie sieht, daß diese immer
gelten, beim Freunde und beim Feinde noch mehr — wenn sie baar von
Vaterlandsliebe das sehen kann. Und der weibliche Geist, über den
schwersten Verhältnissen leicht sich oben erhaltend, späht bei den
Leichtergesinnten selbst in der allgemeinen Gefahr nach
der durch dieselben noch süßeren eigenen Lust nach
gewaltiger Spannung und Erregung. Das Weib zittert und bebt dann und —
liebt, und am unwiderstehlichsten, leidenschaftlichsten, schwächsten den Mann, vor dem Alle zittern, und sie selbst am
meisten, wenn er sie umfaßt. Dann denkt sie und fühlt sie, sie ist ein
Weib. — So verlebte Egeria die genügevollsten
Augenblicke, wenn sie an des Helden Arm
 |
14 |
durch die Säle voll reizender, kostbar geschmückter Damen
schritt, wenn aus einer sonderbaren Eigenschaft ihr die Edelste selbst das
beneidete oder doch nicht gönnte, was sie im Grunde der Seele verschmähte.
Und noch jetzt klang ihr jener halblaute Nachruf dieses oder jenes
Schmeichlers in die Ohren: Numa und Egeria! oder: Egeria und
Numa! Das dachte sie jetzt nicht
freudig. Denn der ordnende Geist brachte jenes Leben nun mit dem Folgenden
in Verbindung. Egeria hatte darauf eine
Tochter geboren und Iduna genannt. In ihrem vierzehnten Jahre erschien
diese nun schon als ausgebildetes Mädchen, nur noch zu schlank, zu
schwankend. Sie erröthete faft unaufhörlich bei der leisesten Andeutung;
sie trug die Augen niedergeschlagen, aber ihre verstohlenen Blicke
funkelten von Feuer und Glut, die stärker waren als ihr Stolz. Egeria
seufzte, wenn sie sie sah, denn sie gewahrte ihr eigenes Bild aus den
ähnlichen Tagen ihrer Jugend, nur mit dem Anflug noch
kühnerer Richtung, entschiedneren Wollens. Sie wünschte, daß der Himmel
ihr ein gnädiges Schicksal geben möge zu solchem schwellendenHerzen,
solcher Schwäche aus Stärke der Leidenschaft! Mehr konnte sie bei aller
Bemühung nicht, ja sie wollte es kaum. Denn Iduna widerstand allem aus
angebornem Charakter, was nicht von ihr selbst angeregt und gebilligt war,
und Egeria hatte, ihrer stolzen, die Mutter an den verführerischenHelden
erinnernden Gesichtszüge wegen, eine gewisse Scheu vor Iduna, wie vor
einem höhern Wesen. Auf einer
Reise nach Italien verweilten sie längere Zeit in einer Gränzstadt. Dort
verschwand ihnen Iduna. Vielleicht mit einem Schauspieler, dem ersten Liebhaber vom Theater — vermutheten
sie nur damals. Aus Schonung für sich, ihr Haus
 |
15 |
und selbst ihre Tochter, bezähmten sie den Schreck der
ersten Entdeckung. Nur im Geheimsten ließen sie durch den Getreusten ihrer
Leute Nachforschungen anstellen, die selbst noch vergeblich geblieben
waren, als sie nach Iahr und Tag sich auf der Heimreise befanden. So gaben
sie zum Voraus Nachricht in die Heimath: Räuber hätten sich ihrer Tochter
bemächtigt, und seien mit ihr in die Gebirge von Fondi geflohen. Viele
glaubten das, keiner wußte von Fremden es besser, denn die Tochter fehlte,
die Aeltern weinten. Vor einem Jahre
erst hatte Egeria einen Brief von unbekannter Hand erhalten, der ihre
erste Vermuthung bestätigte: sie habe sich einem Schauspieler selbst in
die Arme geworfen, der von ihrer Ankunft, ihrem Bleiben überrascht
gewesen, aber zu schwach, ein so schönes, so liebenswürdiges Mädchen
zurückzuweisen, und dann von selbst genöthigt zu schweigen. Aber
hinzugefügt war, daß sie, obgleich mit ihm verheirathet, einem jungen
italienischen Prinzen in der Armee nicht habe widerstehen wollen. So sei
sie zu jenem übergegangen. Als der Prinz sich aber vermählt, und in sein
schönes Vaterland gezogen, habe er sie aufgegeben, und sie und ein Kind,
die kleine Tochter Theresia, befänden sich in der bedauernswürdigsten
Lage. Die kleine Theresia sei ein gar zu liebes Kind, und wenn nur ihre
schönen blauen Augen die Großmutter um ein Kleidchen anflehten, würde sie
eS ihr unmöglich abzuschlagen vermögen! Der Weg, den die gebetene
Unterstützung aber nehmen müsse, war vorgeschlagen, und
so geschickt gelegt, daß einer Entdeckung gewiß dadurch vorgebeugt werden
sollte. Denn Iduna wisse nichts von dem Briefe, und sie wolle lieber ganz
verderben, als Vater und Mutter mehr unter die Augen treten.
 |
16 |
Die Handschrift des Briefes war männlich, die Worte aber
waren herzbewegend, doch schüchtern, ja
verzagt. Der Vater, zu sehr beleidigt,
hatte darauf gedrungen, Iduna solle wiederkehren. Egeria zwar, die nicht
ganz seltene Furcht einer eitlen Mutter unterdrückend, daß ihre blühende
erwachsene Tochter sie alt erscheinen lasse und überglänze, hatte ihre
Iduna doch lieber in der Ferne unterstützen, erretten wollen; denn die
schlimmste Mutter wünscht sich noch eine gute Tochter, ja vielleicht diese
am meisten. Und sie plötzlich „als junge Wittwe mit einer kleinen Erbin“
auftreten zu lassen, war ihr auf jene erste verbreitete Kunde von
derselben zu bedenklich erschienen. So waren die Gatten entzweit, Egeria
hatte dießmal ihren Willen nicht durchgesetzt, kein Brief war mehr
gekommen. So war es geblieben. — Egeria
stellte jetzt in der Kirche wie zur Beichte sitzend, ihr eigenes voriges
Leben und ihre Gedanken mit dem Beginnen ihrer Tochter
zusammen, und von dem Lichte der Worte des Predigers beleuchtet, erschien
ihr die Tochter als ihre eigenen vermenschlichten Gedanken jenes Iahres;
und Iduna's Theresia war ihre Iduna, als das
grauenvoll-lebendige Bild aus ihrem Herzen wie aus einer Lamers obgours.
Sie fuhr zusammen; sie maaß sich selbst bei, was Iene gethan, ja wie sie
war, machte sie sich eben so zum Gewissen und zur Sünde, als daß sie war.
Denn dieses Verbrechens war sie sich heimlich bewußt. So verzieh sie ihrer
armen unschuldigen Tochter, fühlte unaussprechliche Liebe zu ihr, die
heißeste Sehnsucht, sie und ihr Kind an ihr Herz zu drücken. Sie weinte;
und zu betäubt von den schaurigen Gedanken, und zu bewegt von ihren
Gefühlen, vermeinte sie sich in ihrem Bett, wie aus schweren Träumen
aufzusetzen, richtete sich empor, schlug die Augen auf, trocknete ihre
Thränen — und
 |
17 |
sahe die schwarze, weite, schaurige Kirche, staunte umher
und fand sich allein. Sie schloß
die Augen. Sie wußte, wo sie war. Sie horchte ängstlich gespannt. Kein
Tritt, kein Laut! Nur ihres Herzens Schläge, nur das dumpfe Brausen ihres
wallenden Blutes vor den Ohren. So
saß sie lange. Dann schlug sie die Augen
auf und erblickte tröstlich die kleine runde, rubinrotb glimmende Ampel
vor dem Hochaltar, wie einen stillen zauberischen Stern. Sie stand auf,
sie eilte nach der Thür, sie fand sie verschlossen. Sie entsetzte sich und
stand rathlos. Die Uhr über ihr schlug langsam und lange, unendlich — sie
schlug zwölf hallende Schläge; aber in ihrer, mit den letzten Schlägen
immer schwereren Angst horchte sie noch nach dem zwölften Schlage wie
bethört: ob es nicht vielleicht Ein Uhr schlage« ob das noch nicht
entschieden sei, so lange die Uhr fortsause! Nein, es war Mitternacht. Sie
eilte mit vor die Augen gehaltenen Händen, nur durch die Finger sehend, so
nahe wie möglich zu der friedlichen Lampe, und sie schien ihr so
zutraulich, so häuslich, daß es ihr unmöglich vorkam, sie brenne und
leuchte Niemand, und bewache sich selbst allein. Ihr war, als müsse Iemand
in ihrem lieblichen Dämmer umher wo schlafen. Ihre Augen suchten, und
fanden in der That Männer und Frauen und Kinder theils stehend, theils
hingekniet, die Hände auf der Brust oder vor ihr Antlitz in die Höhe
gehalten und gefaltet — schweigend beten. Es waren die Leichensteine, ja
sie stand auf einer Gruft. Sie trat hinweg, setzte sich, verhüllte sich
dicht, betete auch und wünschte zu
schlafen. Da geschah ein lauter Fall in
ihrer Nähe. Es war eine
 |
18 |
Fahne, deren morscher Schaft seit langen Jahrhunderten
manchen Tag und manche Nacht hier verstockend und zernagt gebrochen war.
Sie gedachte mit Beben an Iduna's wahren Bater, und empfand die ganze
Majestät des göttlichen Hauses, die Ehrwürdigkeit seines Alters, sein
schweigendes Dafein, wie ein feierliches Leben, die Schönheit und
Bestimmung seiner Hallen, seiner Altäre, Orgeln und Kanzeln, ja seiner
hohen weiten Thören, worein der Mensch seinen ersten Weg getragen wird zur
Weihe des Lebens, und zur Weihe des Grabes seinen letzten, wo die
Gewaltigen hereinziehen zur Fahnenweihe, und wo sie nach dem Siege unter
Trompeten- und Pauken-Schall hereinziehen, die gewonnenen Fahnen
aufzuhängen, die dann vermodern, die Niemand mehr kennt, indeß die Hallen
in aller Pracht bestehen, die Orgel mächtig tönt, wie am Tage ihrer
Enthüllung, wo andere Prediger auf den Kanzeln erscheinen wie Geister,
andere Menschen um die Säulen treten, und andere Sünder die Worte hören:
„Meine Worte aber bleiben
ewiglich.“ Sie konnte kein Auge
mehr zuthun; ihre Erlösung brachte der nächste Morgen gewiß, und Geräusch
zu machen schien ihr so fruchtlos als widrig, des Gerüchtes, des Spottes
wegen. So sahe sie, zwar höchst erregt, doch niedergeschlagen und mit
erzwungenem Muth, nach und nach den lichten Schein des Mondes aus den
großen und hohen Fenstern blaß und bleicher verschwinden, und nach und
nach auf der andern Seite die Dämmerung des Tages anfliegen, die
Morgenröthe die hellen Scheiben färben, und die blauen Schatten der hohen
Säulen sich gegenüber hindehnen und hinlehnen an die flimmernde Wand, wie
müde — müde der Zeit und ihrer trägen Verbannung in diese Räume, und doch
morgenschön und frisch. Der Tempel war wieder da!
 |
19 |
wie auferstanden aus der Nacht, und das Gold und die
Farben schimmerten wieder, losgerungen aus der bedrückenden Finsterniß,
und blinkten lieblich, wie froh und frei. Und das Gestühl knisterte leis,
und der feine Staubstrahl flimmerte in holder Unruh voll heimlichen
Lebens. — Da verbarg sich Egeria
wieder, um nach geöffneten Thürm eine der Ersten zu scheinen, die zur
Mette gekommen. So blieb sie, ihre Augen auf die Kanzel geheftet, von
welcher der Geistliche zu ihr geredet, zu ihr allein, wie sie empfand, und
von ihm allein wünschte sie Trost.
— Der Graf aber hatte die Nacht
ruhig geschlafen. Auch Egeria's Kammerfrau, die mehrere Nächte vorher
gewacht, hatte der Schlaf übermannt, indem sie wie gewöhnlich auf ihre
Gebieterin gewartet. Ietzt am hellen Morgen erwachte sie, sah das Bett der
Gräfin noch unberührt, erschrak, und eilte unangemeldet In das Zimmer des
Grafen, der schon angekleidet war. Sie erzählte mit halben und ängstlichen
Worten die Sache, sowohl für sich als ihre Gebieterin fürchtend. Der Graf
überrafcht und besorgt stand einen Augenblick in stillen Gedanken; dann
verbot er ihr ein Wort verlauten zu lassen, noch irgendwo anders hin nach
der Gräfin zu schicken. Er habe sie zuletzt in der Kirche gesehen, dort
sei sie bielleicht noch, und dorthin wolle er selbst gehen. Und unter den
beklommenen Seufzern und zurückgehaltenen Klagen der Kammerfrau über das
Schicksal ihrer Gräfin, ging der Graf mit hastigen Schritten hinüber zur
Kirche. In der Halle des
unvollendeten Thurmes, welche gleichsam die Wohnung der Bettler ist, riß
er in seiner Hast ein kleines Kind, ein Mädchen mit um, das ihm sein
Händchen entgegenstreckte, ihn um einen einzigen Kreuzer anbettelte, und
wie er gerade
 |
20 |
auf dasselbe losgehend seinen Weg verfolgen wollte, den
es ihm vertreten, ganz unbesonnen und zudringlich nicht ein Schrittchen
gewichen war, sondern ihn starr angesehen und immer das offene Handchen
ihm hingehalten. Jetzt, auf dem steinernen Boden liegend, weinte das Kind.
Er war höchst betroffen und gerührt. Er hob es auf, nahm es auf seinen
Arm, liebkosete es, so dürftig, ja elend, es auch für den kalten Morgen
angethan war, und suchte es zu trösten, indem er ihm ein Goldstück
hinhielt. Das Mädchen langte nicht darnach. In der Meinung, es verstehe
den Werth einer so kleinen, gewiß ihm fremden Münze noch nicht, hielt er
ihm auch einen Theresien-Thaler vor. Da nahm ihm ein Weib von Mittlerm
Alter beide Stücken Geld mit einem Griss aus den Fingern. Mein Kind ist ja
blind! Sehen Sie denn nicht? sprach sie; komm zu mir, Therese,
komm! Aber das Kind schmiegte sich
um den Hals des Grafen und wollte nicht zu
ihr. Gehe zu deiner Mutter, mein Kind,
sprach der Graf. Ach, das ist meine
garstige Mutter! klagte die kleine Therese, die mir
weißen Staub in die Augen gehaucht, daß ich meine hübsche Mutter gar nicht mehr
sehe! Blind ist sie, weiter nichts? Du
kleine Schlange! drohte sie ihr. Geben Sie mir mein Kind! Dabei faßte sie
das Händchen des Mädchens, und hielt und drückte sie so zornig und derb,
daß das Mädchen kläglich schrie. Der
Graf stieß sie von dem Kinde, blickte sie jetzt schärfer an, und fand so
wenig Ähnlichkeit zwischen einem solchen Weibe, einer so unnatürlichen
Mutter und dem zarten weißen Kinde, wie zwischen Raben und junger Taube.
Wie heißt denn deine hübsche Mutter? fragte er das Kind
sanft; sage es mir, Therese! —
 |
21 |
Laut nicht! sprach das Mädchen, aber sie schlang die
Aermchen um seinen Hals, und sagte ihm in's Ohr, wie die Sylben zuzählend:
Iduna heißt sie. Das Weib wollte ihm das
Kind entreißen, aber der Name Iduna befing ihn bis zum Erschrecken, die
Vaterliebe erregte ihm so viel Zweifel, so viel Hoffnung, daß er glaubte,
seiner Iduna Kind, seine kleine Enkeltochter in den
Armen zuhalten, und er verging bald vor Schmerz, Zwei Namen trafen:
Therese und Iduna. Das Aussehen des Kindes widerlegte seine Hoffnung und
seine Furcht nicht, sondern bestätigte sie. Denn es ähnelte der
Großmutter, seiner Gemahlin Egena. So stand er voll Wehmuth, von den
Bettlern und andere Stehengebliebenen neugierig umringt, indeß das Kind
sich fest an ihn hielt. Während dem war
Egeria aus der Kirche getreten, in welcher sie unglücklicher Weise ihren
Romeo getroffen, zwar jetzt einen reichen, angesehenen,
verheiratheten, nicht mehr jungen Mann, aber ihr heut' unsäglich verhaßt
und unwillkommen. Er begriss die Verwandlung, die störrische, ja
verstockte Stimmung der Gräfin nicht; doch er fand, daß sie ungewöhnlich
blaß aussah, zitterte, krank zu werden drohe. Aber nie war ihr nöthiger
gewesen zu beten und die Frühmetten abzuwarten; sie kniete hin, so
erschöpft sie war, ohne auf ihn zu achten, aber er stand, sie
beängstigend, hinter ihr, wie ein böser Geist. Sie schlug dann mit
schneidenden Worten seine Begleitung aus, eilte fort, und fand ihren Mann
in der Halle. Daß er schon hier war,
mußte ihr ein Beweis seiner Neigung, der Angst sein, welche er die Nacht
über sie empfunden, wie sie glaubte. Aus tausend gemischten Gefühlen hätte
sie sich gern in seine Arme geworfen, sich an seiner Brust
ausgeweint;
 |
22 |
aber er stand höchst entrüstet, und doch mit feuchten
Augen unter einer Schaar Bettler; er hielt ein armseliges, abgerissenes
Bettelkind auf seinen Armen, er war im Zank mit einer Megäre, es war
Auflauf — so schlug sie die Augen nieder, verhüllte sich, und schlich an
ihm vorüber. Jenes Weib aber, eine
Entdeckung fürchtend, hatte sich auch dem Gedränge entzogen und war
verschwunden. Der Graf suchte sie
ängstlich — sie war fort. Schwer fiel es ihm auf das Herz, daß er durch
ihre Person des einzigen Mittels beraubt war, seine Tochter Iduna zu
finden, wenn diese kleine Therese jene im Briefe erwähnte Theresia mit den
schönen blauen Augen war. Und Ihrentwegen that es ihm bitterlich leid, daß
er Iene so lang in Armuth gelassen. Nun
trage mich geschwind fort, du Mann, zu meiner hübschen Mutter! sprach das
Kind; ich gebe dir auch alle meine Kreuzer. Da, du Mann, hörst du wie
viel! wie das Täschchen klimpert! Der
Graf nahm es ihr ab. Nun komm' aber
auch! schwatzte sie weiter. Hier sind die Leute alle schwarz, ganz
schwarz! Bei uns, sollst Du einmal sehen, sind sie alle weiß, und Alles
ist so bunt. Da wird Dir's gewiß gefallen. Meine Aeltern sind gar reich!
Sie haben eine Sonne, die kann man gar nicht anfehen, so blitzt sie! und
Abends einen Mond, und den ganzen Tag einen blauen Himmel, so blau wie
Vergißmeinnicht! und Abends haben wir eine kleine Lampe! auch ein Fenster
in der Stube, und vor dem Fenster eine rothe Rose! Komm nur dorthin, dort
wirst Du selber ganz anders aussehen! bald wie mein Vater, der immer sitzt
und schreibt, Rollen I und mir in die Wange
zwickt! Sie langte hinaus. Aber sie
wußte keinen Namen von
 |
23 |
Straße und Menschen. Der Graf stand rathlos, und es
machte ihm bittern Schmerz, daß das arme blinde, geblendete Kind glaubte:
zu Hause werde alles wieder sichtbar und farbig sein, oder sie sei in ein
großes finsteres Haus gerathen, und bloß dort sei die Sonne und der Mond,
wo sie gesehen. Das Kind freute sich wieder auf die
hübsche Mutter, schlug in die Händchen und lächelte und
fror. Da kam einer von des Grafen
Bedienten, von der Kammerfrau geschickt, die ihn ersuchen ließ: sich ja
gleich nach Hause zu bemühen, denn die Frau Gräfin sei
gekommen. Dadurch im Herzen beruhigt,
und vor der Hand entmüßigt, jedoch eingenommen für das arme Kind, dessen
einzige Stütze er nun schien, wollte er es dem Diener geben, es in seine
Wohnung zu Egeria zu tragen. Ein
Tagewächter aber, welcher die entschlüpfte Frau wohl beobachtet, und sie
jetzt herbeizog, änderte seinen Entschluß. Denn Jener hatte sie wohl oder
übel vermocht, zu gestehen: aus welchem Hause das Kind sei, und wessen. —
Siegmar's ist es, wiederholte sie vor dem Grafen; arme Leute, ärmer als
ich, denen ich eine Wohlthat erzeigt, daß ich es ihnen abgenommen vom
Tisch! Aber dem Kinde auch eine, ihm
seinen blauen Himmel mit seinen blauen Augen zu rauben! schüchterte der
Graf sie ein; — und meine hübsche Mutter! rief das
Kind. Die Frau selbst schien gerührt,
und machte die Augen vor dem Kinde zu, das sie ja doch nicht sehen
konnte. Sie fuhren im nächsten Wagen
nach der von dem Weibe bezeichneten abgelegenen Straße. Auf dem Wege dahin
ward der Graf immer erbitterter gegen den Entführer oder VerHehler seiner
Tochter, indem er dem Kinde gegenüber saß, und es beklagen mußte.
 |
24 |
Es schien ihm gewiß, daß dies Kind nicht ein solches
Schicksal erduldet, daß seine Tochter nicht so in Armuth versunken, daß
Egena und er nicht so viel Leid um sie ausstehen müssen; im Gegentheil,
daß Aeltern und Kinder jedes selbst glücklicher gewesen und alle einander
glücklicher gemacht hätten, wenn Iduna wohlverheirathet auf dem für sie
schicklichen Pfade gewandelt wäre. Siegmar war der Name
des ersten Liebhabers gewesen, der damals in jener Gränzstadt mit Iduna
verschwunden war; aber nie hatte man sie bei ihm gesehen, weil, wie dem
Grafen jetzt einfiel, jener wahrscheinlich in der Zeit ausgeforscht worden
war, als Iduna auch ihn schon wieder treulos verlafsen. Und doch sollte
sie jetzt wieder bei ihm sein! Endlich sollt' er den Elenden finden! Sein
Iahre lang mit Müh' unterdrücktes Ehrgefühl follte nun frei gegen ihn
ausbrechen, und desto heftiger, da es nur gegen ihn im
Geheimen, vielleicht auch gegen ihn nur einmal
im Leben geschehen konnte, wenn er keinen Widerstand, sondern Reue fand
und Ruhe. Und er selbst kam seines eigenen Friedens wegen nur
nothgedrungen zweimal auf ein Widerwärtiges zurück.
Denn er hielt es für angemessen, daß der Mensch nicht das Böse durch Tage
und Jahre ausspinne und verlängere, was in der Natur oft nur einen
Augenblick lang wirklich geschah. Zu dem
Hause gelangt, wollte er allein hinaufgehen. Das blinde Kind aber mußte er
auf den Arm nehmen, es war nicht zu halten, rief schon hinauf und
klatschte in die Hände. Wohnt hier
oben der Schauspieler Siegmar? fragte er im Hause ein altes gutes
Mütterchen. Der hat hier gewohnt;
antwortete sie. Also ist er
ausgezogen? erkundigt' er sich.
 |
25 |
Nein, das nicht;
Herr Siegmar sind noch oben; sprach sie bekümmert zur Erde
sehend. Der Graf nahm Verlegenheit an
der armen Alten wahr, und sprach schon im Gehen: ich muß ihn
sprechen. Mein Gott, das thut mir leid,
sagte sie. Doch wenn sie ihn sehen müssen — ach! du armes gutes Kind! rief
sie, die kleine Therese gewahrend. Bringen Sie es? Du lieber Himmel — doch
es ist ja immer gut. Der Graf eilte die
hölzerne Treppe hinauf. Das Kind war außer sich vor Freuden. Er hatte nur
an ihr zu dämpfen und an sich selbst: daß es keine Freude sei, die er
bringe, die ihn und die Kleine erwarte.
Da die Stubenthür weit offen stand, ließ er das Kind vom Arm, um frei zu
werden, und damit es allein ihm voraus hineintrete. Und so that es ganz
glühend und rosig vor Hoffnung; es rief laut: Vater! — Mutter! — Ich
bin's! Die kleine Theresia ist's, wenn ihr mich nicht seht! Vater, wo bist
Du? Da Niemand antwortete, kein's ihr
entgegenlief, alles still War, alles finster, wie sie sagte, fing sie sich
an zu fürchten. Der Graf trat nun selbst
hinein voll Zorn. Aber er blieb, an die
Thür gelehnt, vor Neberrafchung stehen und faltete die Hände. Siegmar war
gestorben. Er lag auf seinem Bett, und die Sonne, die tief in das Zimmer
hereinschien, lag auf seinem Gesicht, das in Frieden lächelte, indeß er
mit gefalteten Händen gelassen den Eintretenden zu erwarten schien. Nur
daß er die Augen sanft geschlossen hielt, schien eine leise, leise Furcht
zu zeigen, die aber verging in Schweigen, Milde und Freundlichkeit. Vor
dem Fenster stand der Rosenstock vertrocknet; am Bett ein blauer Tisch mit
wohl zusammengelegten Papieren;
 |
26 |
zur Seite die kleine Lampe und einige gelbe Rohrfedern;
sonst nichts, selbst kein Medieinglas. Auch in dem ganzen Zimmerlein stand
wenig umher von Bedeutung, als in der Mitte das blinde
Kind. Das gute Mütterchen kam
langsam jetzt die Treppe herauf und hieß den Grafen willkommen. Ja, Herr
Siegmar sind todt, sprach sie. Aber ihm ist wohl. Ich wollte sagen: Sie
hätten sollen gestern kommen, aber da war' ihm ja gleich das Herz
gebrochen. Thut mir nur leid, daß ich ihm nur wenig Güte habe thun können,
denn selber die paar Kreuzer, das Sterbeglöckchen gestern Abend läuten zu
lassen für ihn, hat mir der Nachbar
geborgt. Der Graf war entwaffnet. Für
den er gestern selbst mit gebetet, auf den konnte er
heut' nicht zürnen. Er warden Menschen und menschlichen Dingen enthoben.
Das Mütterchen setzte sich und nahm das Kind, das nach dem Vater fragte.
Der Graf antwortete ihm: er ist todt, gute Therese; in der Ueberzeugung:
selbst für Kinder ist das Beste die Wahrheit; sie verstehen sie nicht,
oder sie beherrscht sie. Und so war es, Therese war ruhig, doch wollte sie
wissen, was das sei, todt? und er erklärte ihr, daß Vater nicht mehr die
liebe Sonne sehe, auch nicht die kleine Lampe. — Da bin ich wohl auch
todt, sagte das Kind, denn ich sehe sie auch nicht, und bin doch wohl zu
Hause? Ist der Vater auch zu Hause? Der
gewiß! sprach das Mütterchen; er kann auch viel
gesündigt haben, aber nicht schwer! und weil ihm viel vergeben war, liebte
er viel, nämlich Gott, der es ihm vergeben, die gute
Seele! Und wie hat er sein Weib geliebt, wie viel ihr
vergeben, wie hätte sie ihn lieben sollen! wie viel Nächte hat er für sie
gearbeitet! Wenn die kleine Lampe reden könnte! sie hat sein geduldig
Gesicht gesehen. Ich sollte sie erben, sagte er auch.
 |
27 |
Nur ein Brief lag ihm sehr am Herzen, woran er noch
zuletzt geschrieben; er betreffe seine Frau, sagt' er. Er selber bedürfte
nichts mehr, Gott werde für Alles sorgen, auch für sein — nämlich Herrn
Siegmar's Begräbniß. Und sie werden sehen, sprach sie zum Grafen mit
getroster Stimme, Gott wird auch dafür sorgen, er wird, er wird, und soll
es noch so wunderlich geschehen. Er hat
schon — sprach der Graf vor sich hin, und fühlte sich selber betroffen. Er
war so bewegt, daß er erst seine Tochter Iduna vermißte, als er den
wohlversiegelten Brief von der Alten empfing, um ihr die Aufschrift zu
lesen. Sie wollte nicht glauben, daß er an ihn selbst gerichtet sei, daß
er der Graf sei, von dem so viel heimlich gesprochen worden, er, der so
freundlich, so weichherzig aussehe, sei der harte Mann, der, wie Herr
Siegmar gesagt, nur einmal habe zur Thüre hineinblicken dürfen, um alle
den Jammer zu enden. Sehen Sie, sprach
sie, kein Arzt ist in's Haus gekommen, und er ist doch auch gestorben; wir
haben nichts bei ihm gefunden, und er wird, freilich schwer und nicht
besonders angethan, doch auch in die liebe Erde
kommen. Sie glaubte dem Grafen erst und
gab ihm den Brief zur Eröffnung, als er ihr Geld zu dem Begräbniß des
armen Mannes in die Hand gedrückt. O wie
würde er sich erst bei Ihnen bedanken, sagte sie weinend, für eine solche
Gutthat! Denn er war freilich die letzten Tage ganz erschöpft und schwach
an Sinnen, aber Sie hätten nur sehen sollen, wie er sich für alles Gute
auf Erden bedankt: bei seinen Augen, daß sie ihm so viel Schönes in der
schönen Welt gezeigt; bei seinen Händen, daß sie so fleißig für die Seinen
gearbeitet und geschrieben. Sehen Sie, der Mittelfinger ist noch
 |
28 |
schwarz von Dinte, aber wir haben ihm nicht wollen weh
thun so zu reiben, daß er ohne Flecken im Himmel erscheint; ja bei der
Sonne bedankte er sich, als sie gestern um diese Zeit wie jetzt auf seinem
Bette lag, daß sie ihn besuche, ihm so oft das kleine Zimmer gewärmt; ja
von demLämpchen nahm er gute Nacht, Aber lesen Sie nur den Brief, wer
weiß, was er noch aufdem Herzen hat! Die
Handschrift des Briefes zeigte dem Grafen unverkennbar, daß Siegmar auch
jenen ersten Brief geschrieben, den Egeria vor einem Iahre erhalten. In
demselben fand er fernere Nachricht von Iduna und ihm, der, wie er nun
immer auch dalag, dennoch sein Schwiegersohn gewesen war. Er schrieb: Die
Lage Iduna's, seit sie von dem Prinzen verlassen worden, ja ihr Leben und
ihre Denkart hätten ihm herzlich leid gethan, da er glaube sich die Schuld davon beimessen zu müssen, indem er ihr zu
dem ersten Schritte vom rechten Wege die Hand geboten. Ja ihre Untreue an
ihm selbst hätte er mit Recht aus derselben Quelle hergeleitet. Vor allem
aber sollte die kleine Theresia, obschon nicht sein eigenes, sondern des
Prinzen Kind, wenn auch nur auf einen Pfad mit wenigen Blumen, doch auf
den des innern reinen Glückes geführt werden, der auch dem Aermsten, und
vielleicht besonders diesem zu wandeln gegeben sei. Er habe also, um ihr
und Iduna zu helfen, sich zuerst helfen, feine Umstände verbessern wollen,
und sei deßwegen nach der Hauptstadt gegangen, um auf einem größeren
Theater größern Gehalt zu bekommen. Es sei ihm auch anfangs gelungen; er
habe Iduna wieder zu sich genommen, sich — zum Schein — mit ihr
ausgesöhnt, als habe er sich wirklich von ihr im Herzen beleidigt gefühlt,
um sie nur wieder zu gewinnen, mit dem inneren Vorbehalte jedoch, nur wie
ein Geschiedener mit ihr zu leben, in allem Andern aber ihr Alles zu
sein.
 |
29 |
Er sei aber von der Anstrengung, von der innerlichen
Spannung, dem Zwiespalt, dem Gram und der Reue krank geworden, seine
jugendliche Gestalt sei verfallen, und er habe freilich Niemandem weniger
ähnlich gesehen, als einem ersten Liebhaber. So vom Theater aufgegeben,
und es aufgebend, hab' er sich und die Seinen dürftig und kümmerlich mit
Ausschreiben der Rollen ernährt. Iduna's Betragen aber sei ohne
menschliche Rücksicht, ohne billige Schonung gewesen. Uebrigens stolz und
gebieterisch habe sie ihn kaum für ihren Diener angesehen. Kaum die
Ausgabe für Kleidchen der Therese, wie sie die Mutter zu putzen gewünscht,
hab' er erschwingen können. Er aber habe ihr mit Aufopferung seines Leibes
gern zu vergelten gesucht, was er an ihrer Seele verbrochen, ja der Herr
Graf und die Frau Gräfin dürften wohl glauben, daß er seine Strafe für sie
durch sie selbst reichlich und gnüglich zurückgemessen bekommen, deswegen
möchten sie ihm vergeben, und ihrer Tochter, wie er gethan. Er schreibe
dieß Alles jedoch nur als fiehr gemilderte Einleitung und beruhigende
Vorbereitung zu den ferneren Schicksalen, welche Therese, das unschuldige
Kind, durch dasselbe die Mutter, und durch Beide ihn im dreifachen Maaße
gleichsam für Alle getroffen. Die kleine Therese sei nämlich geraubt
worden, darüber die Mutter in Melancholie versunken, weil — wie er glaube
— es ihr erst recht dadurch fühlbar geworden, und ihm an Iduna sichtbar,
was sie und er ja an ihrer Mutter, der Frau Gräfin Egeria, gethan. Er habe
alles in seiner beschränkten Lage aufgeboten, das Kind auszuforschen; was
er alle Wochen heimlich, sehr heimlich sich abgedarbt, habe er verwandt:
durch Abkündigung von der Kanzel alle Sonntag und Feiertag Abend in der
Stephanskirche, der Mutter die Tochter wiederzugeben, die ohne sie immer
schwermüthiger,
 |
30 |
immer tobender gegen ihn selbst geworden, bis sie
zuletzt, jetzt vor acht Tagen, unter tausend Thränen, die er vergossen, an
einen Ort habe gebracht werden müssen — nur der nahe Tod, und die Pflicht
und die Hoffnung, Iduna dadurch zu nützen und auf ihre Mutter zu wirken,
könne ihn vermögen, das Wort ihren Aeltern hinzuschreiben — an einen Ort,
welcher „der runde Thurm“*) heiße.
— Dem Grafen entfiel das Blatt. Die gute
Alte, welche wußte, was ihn erschreckt haben konnte, und in ihm Iduna's
Vater an diesem Schreck erkennend, sagte, sich die Thränen trocknend: ja!
daran ist er
gestorben. Er sahe noch immer bestürzt
und gedankenlos auf die kleine Therese. Ja, fuhr das Mütterchen fort,
es ist auch beinahe erschrecklich, daß das Kind nun wieder da ist, und die
Mutter ist dort, und er ist todt. Das
Kind aber, Sterben für ein bloßes Spiel, eine Verstellung haltend, schlich
zum Bett, suchte nach des Vaters Hand, zupfte ihn und bat: lieber Vater,
stehe nun wieder auf! du bist nun lange genug todt gewesen, sonst wein'
ich; ich bin ja nun da, stehe doch auf, lieber Vater! — und da er nicht
aufstand, weinte sie. Dann verlangte sie nach der Mutter und fragte, wo
sie sei. Dießmal konnte der Graf
Theresen die Wahrheit nicht sagen, sie lag ihm zu schwer auf dem Herzen.
Der Brief trieb ihn fort. Hier hatt' er nun nichts mehr zu thun. Er
drückte die müde Hand des Todten, den er nie lebendig gesehen, uur seine
Wirkung auS der Ferne, wie des unsichtbaren Neumondes auf Sturm und Regen,
empfunden. ——————————— *) Das
Irrenhaus.
 |
31 |
Der Alten dankte er freundlich, nahm Theresen auf den Arm
und ging. Soll ich wieder zur garstigen
Mutter? fragte sie. Im Leben nicht wieder; sie geht nun einen andern Weg;
wir gehen zur hübschen Mutter, tröstet' er
sie. Er scheute sich vor dem Gange; es
war ihm bitter, seine Tochter wieder zu sehen, und wo! und doch konnt' er
es nicht unterlassen, schon um Egeria willen. Am runden Thurme mußte er
lange warten, bis der aufsehende Arzt, der den Tag hatte, kam. Sein Gefühl
niederzuhalten und das Herz nicht wach werden zu lassen, setzte er sich
schweigend und einsam hin und betrachtete voll Geduld dag wie ein neues
Geschenk vom Himmel empfangene Kind, welches der Großmutter Egeria so
ähnlich sah, daß er in seiner erregten Phantasie Augenblicke lang glaubte,
Egeria selbst sei wieder ein Kind geworden, und werde sich plötzlich in
seine» Arme n wieder verwandeln, groß vor ihm dastehen und sehen; sehen,
daß er es fei. Denn Therese fragte ihn in seinem Schweigen: wer er sei?
warum er weine? und wo sie wären? Und so saß er vor dem gespenstischen
Hause wie vor einem Geisterschlosse voll Wunder und Zaubereien, elend und
selig, einem Tempel der Träume, einem Asyl der Natur, einem Heiligthum der
Menschheit. Cr hielt die Wahnsinnigen nicht für so unglücklich, als den,
der sie schaut, dem sie angehören; darum nahm er sich vor, seine Tochter
aus ihrem eigenen Gefühl ihres Zustandes jetzt zu betrachten, nicht aus
seinem, um ihren Anblick zu ertragen. Ja, er sahe zur Seite Gräber mit
wahnsinnig Gestorbenen, und die winterliche Sonne beschien die grüngelben
Hügel — und so empfand er eine schauerliche Freude, daß Iduna lebe, daß ihr noch Hülfe sei — „zum Gefühl ihrer Schuld“
sagt' er sich leis.
 |
32 |
Der Arzt, mit
wenigen Worten unterrichtet, führte ihn in den Garten. Der theilnehmende
Mann hoffte von dem Erscheinen des Kindes freilich eine getheilte,
vielleicht erschütternde,und darum nicht ganz ungünstige Wirkung auf
Iduna, da er dessen Verlust für die Ursache ihrer Krankheit hielt, ohne
ihre hohen Einbildungen unerwähnt zu lafsen, in welchen sie glaubte: das
erste Weib von der Welt an Rang und Stande zu sein. Dies setze einen
andern, verborgenen, aber gewiß vorhandenen Grund voraus.
— Er zeigte ihm nun Iduna. Sie
nahm von dem Uebrigen um sich her keine Kenntniß. Eben befahl sie ihren
Palast neu zu schmücken. Das Kind hörte ihre Stimme, es rief nach der
Mutter; sie horchte . . . . und wunderlich bewegt schritt sie auf die
Kleine zu, sie sahe sie an, wollte lächeln, wollte weinen, sich neigen,
sie aufnehmen, aber sie nahm wieder ihre stolze Miene an, und wandte ihr
den Rücken, vielleicht weil sie in Bettlerkleidern war. Das Kind hielt
sich an ihre Kleider. Der Graf trat vor Iduna, wo sie ging; sie blieb
stehen, sie sah ihn an, erröthete, neigte ihren Kopf auf die Brust und
schlich von dannen. Der Graf wünschte
die wiedergefundene Tochter seiner Egeria auf sein Schloß an der Donau zu
nehmen. Auf die gehörigen Legitimationen, die ihm leicht sein würden zu
erlangen, sagte ihm der Arzt zu, sie durch einen treuen Gehülfen in diesen
Tagen dahin abzusenden. Die Armen müßten hier Zuflucht suchen; jeder
reichen Familie sei es vergönnt, ihre Bedenklichen unter sich zu
behalten. Der Graf übergab ihm zugleich
das Kind, und der Arzt machte ihm gern die Hoffnung, daß des armen
Mädchens Augen nicht unwiederherstellbar gelitten
hätten. So war er doch einen Schmerz
los. Denn er sollte so eben
 |
33 |
den neuen, fast noch größeren übernehmen, durch die
Entdeckung der Begebenheit an seine Gemahlin Egena, durch den Anblick der
Wirkung davon in ihr, wie er sich dieselbe mit reinem Gewissen
dachte. Als er aber allein nach Hause
gekehrt war, fand er erst, daß er vorher nicht umsonst zu seiner Egeria
gerufen worden sei. Sie war krank; von dem Schrecken und der Kälte der
Nacht, wie er wohl auch mit Grund annahm. Doch errieth er ihre wahre
Krankheit nicht, selbst daraus nicht, daß sie schon mehrere Male nach dem
jungen Geistlichen geschickt, der gestern Abend gepredigt. Ja er ging am
andern Morgen selbst nach ihm, und erfuhr, daß er „aus unbekannten
Gründen“ entfernt worden, aber zugleich auch seinen Namen und Geburtsort,
woraus er sahe, daß er der Sohn seines eignen Gärtners auf seiner
Herrschaft an der Donau war. Nach
einigen Tagen erholte sich die Gräfin, aber die Winterfreuden waren ihr
verleidet und verhaßt. Sie wünschte selbst auf das Land, auf das Schloß an
der Donau zu gehen, und am meisten hatte sowohl zu ihrer Genesung, als zu
ihrem Entschlusse die einfache Mittheilung des Grafen beigetragen, daß er
ihre Tochter Iduna und auch die kleine Therese wiedergefunden, daß sie
schon auf dem Schlosse eingetroffen sein würden. Von den übrigen Unständen
hatte er keinen für ein Mittel zur Genesung angesehen; und ihr Entschluß
kam ihm zu rafch, denn er glaubte den Winter über die Kinder ihr dort
verborgen zu halten. Nun war nicht mehr auszuweichen. Er
seufzte. Schon zuvor hatte sich Egeria
in ihren stillen Betrachtungen am Tage und des Nachts gern damit
beschwichtigt, daß ihr Kind, wenn auch noch so wahr, noch so sehr durch
sie verwahrloset, doch nicht so ganz unglücklich geworden, wie sie ja
selbst als Mutter durch ihr Leben, und die Befriedigung ihrer Neigungen
auch so
 |
34 |
ganz und wirklich es noch nicht sei, wenn sie es nicht
erst durch ihre Kinder werde und werden müsse. Ihre Sünde — nun wohl —
solle nur ihre Sünde, solle dahin sein! Sie wollte sie
tragen, sie fühlte sich Weib dazu. Durch ihres Gemahls Worte fühlte sie
sich die beklemmende Last, welche der Geistliche ihr aufgewälzt, vom
Herzen gehoben, und sie hoffte Herstellung, ja Ruhe und Frieden, und in
diesen vielleicht auch dereinst oder bald noch Freude, Freude wie sie
sonst in den lauten, rauschenden Kreisen nicht empfunden. „Häusliches
Glück! Voilá mon pis-aller!“ rief sie aus. Ihr Herz
schlug vor Sehnsucht nach der Umarmung der reuigen Tochter, sie konnte den
Augenblick kaum erwarten, die holde kleine — Prinzessin — Theresia mit den
schönen blauen Augen zu sehen, erwog, wie groß sie schon sein müsse, und
kaufte ihr Kleidchen und andere
Geschenke. So reisten sie denn nach dem
Schlosse und kamen des Abends an, während ein leiser knisternder Schnee
die Erde weiß bedeckte. Der Graf
erkundigte sich heimlich sogleich, ob Niemand vor ihnen angekommen sei.
Die Töchter waren da. Auch der junge Geistliche war bei seinem Vater. Er
ließ ihn auf Morgen früh zu der Gräfin bestellen, die nach ihm
begehrt. Sie war wohl, ja lebhaft
angeregt; warum sollte ihr Gemahl ihr nicht selbst, nicht schonend und
nach und nach im Voraus erzählen, was sie ja doch wissen mußte, gleich am
anderen Tage erfahren, selbst sehen konnte, und plötzlich und machtvoll
davon überrafcht! Die Nacht verdarb er ihr nicht; aber am Morgen begann er
auf ihrem Zimmer von dem blinden Bettlerkind in der Halle gelassen zu
erzählen. Er ließ ihr sich alles lebendig von selbst entwickeln, wie es
ihm sich entwickelt, wie er es entdeckt. Denn ein Abbrechen, ein Aufhören
ließ ihre Begierde durchaus nicht mehr zu.
 |
35 |
So ließ er sie denn den armen Schauspieler todt in seinem
Zimmer finden, wie er ihn gefunden; das gute Mütterchen sprach aus ihm
jedes Wort noch einmal; er gab ihr den Brief zu lesen, den er gelesen, er
führte sie in Gedanken mit sich vor den runden Thurm, in den
Garten. Er bemerkte nicht die
ganzliche Verwandlung Egeria's. Ihr erblaßtes Antlitz, ihr allmälig
stärkeres Beben, ihr Blick zum Himmel, und dann ihr Starren vor sich hin,
der düstre verzagte Ausdruck ihrer wie entseelten Züge, das alles schien
ihm nothwendige Folge seiner Worte, die einmal eintreten müsse, die
vorüberwandeln werde, vergehen vordem Anblick ihrer Kinder, und sich
auflösen in Mitleid undThränen, sich verklären zu Hülfe und
Trost. Wir sind ja
unschuldig, wenn auch unglücklich, liebes gutes Weibl sprach er nach
langem Schweigen. Sie schwieg. Sie
reichte ihm die Hand, küßte die seine und hielt sie an ihren Lippen. Er
legte ihr den Beutel mit dem erbettelten Kupfergeld in den Schooß. Sie
konnte nicht weinen. Da rauschte es auf
dem Saal, an der Thür, sie wurde aufgethan. Da trat — in einem alten
staubigen, purpurseidenen Hofkleide, das Egeria in ihre Garderobe als
Trophäe aus unvergeßnen Tagen hinhängen lassen — jetzt ihre Tochter Iduna
herein, das blinde Kind an der Hand. Sie blieb in der offenen Thüre
stehen. Niemand sprach; alles war still; man konnte den Schnee an die
Scheiben wehen hören. Endlich hafteten die Blicke an de» Blicken. Im
Antlitz der Tochter stand ein bitteres Lächeln, indeß sie auf die Mutter
sah. Dann erblickte sie eine marmorne lebensgroße Lieblingsbüste Egeria's,
das getroffene Gleichbild ihres gekrönten Helden und Siegers, nahte dem
schneeweißen, unbeweglichen Manne voll Ehrerbietung und stellte ihm ihr
Kind vor.
 |
36 |
Egeria stand auf. Das Geld
fiel klirrend vor ihre Füße. Das Kind
horchte. Sind Leute hier? fragte sie.
— Reiche Leute, geizige Leute,
antwortete Iduna. — Soll ich sie aber
doch anbetteln, Mutter? fragte das Kind aus Gewohnheit wieder, und
streckte in der Richtung nach Egeria, von wo sie weinen hörte, ihr
Händchen aus. — Schäme dich! nein! du
sollst nicht! sprach Iduna, und riß sie zurück; ich bin eines gesalbten
Heroen Tochter, und du sollst mein Kind fein. Komme von
hier! Kennst du mich nicht, o meine
Tochter, meine Tochter! rief Egeria mit bebender
Stimme. Iduna trat vor sie hin,
sahe sie an und sprach: O ja, ich kenne Dich wohl — Du bist Numa's Egeria,
die ihm ihre Geheimnisse offenbart. Wer war doch Numa? weißt Du es nicht?
Er muß doch nun todt sein, und Du lebst! Sonderbar, sehr sonderbar! — Sie
bewegte verwundert das Haupt und sann dann
nach. Der Graf sah feuerroth zur
Erde. Iduna sah ihn mitleidig und achselzuckend
an. Gewiß glaubte Egeria, ihre
Tochter habe in der Welt von fremden Menschen, die sie nicht gekannt, und
sich ohne Zurückhaltung frei geäußert, von ihrem Verhältniß gehört, und es
komme in ihrer Verwirrung nun sonderbar mit dem Alterthume vermengt zum
Vorschein, zur Sprache. Sie mußte in ihrer Meinung bestätigt werden, als
Iduna plötzlich in Thränen ausbrach, dem Grafen um den Hals siel und
schluchzte: o mein Vater! Meine
Tochter, meine Tochter! erwiederte er weich, und gab sich ihr
hin. Egeria, gebeugt in ihrem
weiblichen Stolz, überwallt von
 |
37 |
aufquellendem Ehrgefühl, und gefoltert von Scham und von
Angst, that einige Schritte jetzt hiehin, jetzt dahin; dann blieb sie mit
starrenden schauenden Augen auf die Gruppe geheftet und mit ausgestreckter
Hand im Zimmer stehen, während ihre tiefste Seele, mie ein fremder Geist,
die Worte Iduna's leis in ihr nachsprach: Er muß todt sein — und du
lebst! Das Kind sich verlassen fühlend
rief: wo bin ich denn? faßte in Egeria's Kleider und fragte: bist Du es,
meine hübsche Mutter? wird es denn hier auch nicht Tag? wenn die Lampe nur
brennte! ich fürchte mich, es weint ja
so! Egeria sah von ihr ab. Ihr
Mutterherz war gebrochen. Da erblickte sie den indeß still in der offenen
Thür erschienenen Geistlichen, der hanend und ernst ihr entgegen sah. Er
trat einige Schritte vor ihr zurück und sprach: „Ich komme auf Befehl des
Herrn — ich bin der Geistliche — —
“ Diese Anrede, der Ton seiner
Stimme mahnte, erschütterte sie. Die ganze Gewalt seiner Worte im Dom fiel
wie vom Himmel ausgeschüttetes Feuer jetzt über sie nieder, machte es noch
einmal brennend hell in ihr selbst, und hell um sie her, um Iduna, das
Kind, und verzehrte dann ihre Gedanken.
— Sie floh ans dem
Zimmer. Es ward eine Todtenstille; eine
furchtbare Pause trat ein, als wenn der Blitz in das Haus geschlagen,
jeder betäubt steht in der Erwartung und Ueberzeugung, daß die Flamme
plötzlich emporschlagen wird. Dem Grafen ward Angst um seine Gemahlin. Er
eilte ihr nach, der Geistliche folgte. Das Portal stand offen. Frische,
weite Tritte in den weichen Schnee leiteten sie zu dem nahen Strome.
Egeria war nicht zu sehen. Aber ganz nahe am Ufer fanden sie die sich
selbst Entronnene still am Boden ausgestreckt.
 |
38 |
Bloß mit dem Gesicht und den Armen lag sie im Wasser.
Einer Eiche ausgewaschene Wurzeln hatten ihren Fuß gehemmt. So war sie
gefallen, noch eh' sie sich stürzte. Der Strom rauschte majestätisch
dahin, der Schnee zerschmolz auf seinen Wassern.
— Sie war nicht wieder in's Leben zu
bringen. — Niemand hatte die That gesehen. So hielt ihr der Prediger denn
die Standrede. Der unterrichtete Wann mußte im Schlosse bleiben als
Lehrer der kleinen Theresia, welcher bald die schönen blauen Augen
wiedergegeben wurden. Der Gehülst stellte Zduna her, da der Anblick der
todten Mutter ihr zuerst ihre Besinnung erweckt. Der Graf schrieb an den
Prinzen und forderte ihn. Er erhielt von ihm zur Antwort, daß auch seine
Gemahlin gestorben; und da er nun mit Bedauern wisse, von welchem Stande
die schöne Iduna gewesen, so werde er selbst kommen, Verzeihung bei ihr
und dem Vater zu bitten. Der Graf ließ
das alles dahingestellt. Erst nur so viel ihm recht schien gerührt von den
Ereignissen so lange Egeria lebte, schien er nun kalt, als er den wahren
Zusammenhang durch den Inhalt der Predigt
wußte. Er verbaute gleichsam seinen
Schmerz und Unmuth in das prachtvolle marmorne Grabmal für seine Gemahlin.
In die große hohe Schrift inwendig unter der Kuppel desselben im Kreise
umher, legte er Trost, Mahnung, selbst eine leichte Rache an Egeria. Und
wirklich, Iduna hatte etwas Geisterhaftes, Unbegreifliches in dem
hinaus-schauenden Aug', dem enträthselnden Antlitz, wenn sie, das Kind auf
dem Arm, in dem Grabmal stand, wo Egeria schlief, und die Worte der
Umschrift las:
Kinder sind die Auferstandenen.
|