Der arme Dschem
Novelle von Leopold Schefer

bullet1Bewertung durch Zeitgenossen Schefers

 
Quellen   I   II   III   IV   V   VI   VII   bottom   

           I

    Von den zahlreichen Novellen Leopold Schefer's wird von Professor Dr. O.L.B. Wolff in das Lexicon der deutschen Dichter und Prosaisten ausgerechnet Leopold Schefer's Novelle — Der arme Dschem — aufgenommen.  ***************

         II

           In der Zeitschrift Euterpe  [Blätter für Gesseligkeit, Literatur und
           Kunst] 1838, No. 67. Seite 747 — erfolgt eine Wertung der
           Novelle von Leopold Schefer „Der arme Dschem“:



    *****************

         III


    Seite 1219
    Die „Helena“ enthält vier Novellen: „Liebeswerben", von Ludwig Tieck; „Sonnenflug“, von Bernd v. Guseck; „Der arme Dschem“, von Leopold Schefer, und „Niobe von San Bonifazio“, von Ludwig Storch.

    Es folgt: „Der arme Dschem“, historische Novelle von Leopold Schefer.
    Alle Dichtungen Schefer's ohne Ausnahme bezeichnet ein geheimnißvoller, eigenthümlicher, unerläßlicher Geisteszug ; ein Zug — wir wollen es kurz bezeichnen — des Wundersamen. Wundersam! diesen Namen muß man diesen Dichtungen beilegen; denn in ihnen allen haust für uns tief im Schrein ihres Herzens, in dem Mark und Kern ihres poetischen Wesens etwas Fernes und Fremdes, das aber zugleich voll Traulichkeit und Nähe ist; eine fremde Lotusblume der Dichtung. Wir wissen, die heimatlichen Gewässer tragen solche Blumen nicht; aber doch ruht in ihrem Anschauen solch ein süßer Heimatzauber, daß wir uns nicht sättigen können und an kein Widerstreben zu denken ist. Etwas Unsagbares bleibt in jeder Schefer'schen Dichtung tief unten sitzen und hausen, so viel man auch schon darüber geäußert haben mag. Überhaupt ist Schefer ein Dichter, über welchen man gar nicht den Drang fühlt, viel zu äußern, ein durchaus innerlicher Dichter. Als solcher zeigt er sich auch in der Geschichte: „Der arme Dschem“, in welcher wundersame Gestalten auf- und abschweben, wundersame Fäden sich auf- und abspinnen. So das Fräulein Philippine v. Sassenage, die eigentlich nichts als ein simples Klosterfräulein, aber zugleich deS armen Dschem Geliebte und Gattin ist, der seinerseits wiederum der Sohn des Sultan Mohammed ist, des schrecklichen Eroberers von Konstantinopel, und Bruder des herrschen« den Sultan Bajasid, und welcher über dem Bestreben, seinen Thron zu gewinnen, zu Grunde geht; ferner der arme Dschem selbst, der Sultansohn, der zugleich ein so milder Dichter und Saadi's Freund ist, und der das glückseligste Wesen wäre, wenn er nur ein Dichter wäre; alsdann der böse Rhodiserritter, Philippinens Bruder, der ihr immer finster und kalt in die Ohren raunt: „Gare ton honneur, gare, damoiselle de Sassenage“; dann die ränkevollen Borgias, Papst und Sohn des Papstes, und Mustapha, der Barbier, das Scheusal, der den armen Dschem geflissentlich schneidet und ihm dann mit Giftsalbe auf Cesare Borgia's Anstiften das geweihte Dichterhaupt salbt, daß der arme Dschem daran sterben muß mit all seiner Hoffnung und Dichtung; über dies Alles aber der eigenthümliche morgenländische Duft, der alle Schefer'schen Dichtungen durchwürzt und durchgeistet: es ist eine Freude, dies zu genießen; eine Freude, die man aber am wenigsten dem Leser vorrechnen kann.

         IV

    Liebender

    von Dschem (Cem)   übersetzt von Prof. Annemarie Schimmel
    http://www.eslam.de/manuskripte/gedichte/diverse/dschem_liebender.htm

    Mag auch durch deine Ziererei mein Lebensgarn zu Ende gehn,
    Hab ich von deinem langen Haar kein Haarbreit Gutes doch gesehn.
    Oh Götzenbild, weist auch ein Weg mich zu der wahren Liebe hin:
    Ein Heide wär ich, wollt ich mich von deiner irdischen Liebe drehn!
    Werf ich mich hin vor ihrem Haus, so tadle mich doch nicht Asket:
    Ein solcher Kniefall wiegt ja auf dem Beten, magst du lang auch stehn!
    Mag auch durch deine Ziererei mein Lebensgarn zu Ende gehn,
    Hab ich von deinem langen Haar kein Haarbreit Gutes doch gesehn.
    Oh Götzenbild, weist auch ein Weg mich zu der wahren Liebe hin:
    Ein Heide wär ich, wollt ich mich von deiner irdischen Liebe drehn!
    Werf ich mich hin vor ihrem Haus, so tadle mich doch nicht Asket:
    Ein solcher Kniefall wiegt ja auf dem Beten, magst du lang auch stehn!
    Seit dich, oh Herz, der Laute gleich, die Zeit gekniffen hat ins Ohr
    Dass Glut vom höchsten Himmel fällt, ist durch dein brennend Lied geschehn
    Durch Flehen hast du nichts erlangt; so geh nun Herz, sei leicht und frei -
    Mit leichtem Herzen geht ja stets der Freund vorbei an deinem Flehn
    Der Kerze Zunge hängten sie am Markte allen sichtbar auf,
    Sie ließ von dem Geheimnis dein ein wenig ja das Volk erspähn.
    Was für ein Liebender bist du! Nicht eine von den Lieblichen
    Der Stadt kann deinem Auge ja, dem Liebchen - haschenden, entgehn!

    Seit dich, oh Herz, der Laute gleich, die Zeit gekniffen hat ins Ohr
    Dass Glut vom höchsten Himmel fällt, ist durch dein brennend Lied geschehn
    Durch Flehen hast du nichts erlangt; so geh nun Herz, sei leicht und frei -
    Mit leichtem Herzen geht ja stets der Freund vorbei an deinem Flehn
    Der Kerze Zunge hängten sie am Markte allen sichtbar auf,
    Sie ließ von dem Geheimnis dein ein wenig ja das Volk erspähn.
    Was für ein Liebender bist du! Nicht eine von den Lieblichen
    Der Stadt kann deinem Auge ja, dem Liebchen - haschenden, entgehn!


         V


    Seiten 785 - 786:
    Leopold Schefer hat sich seit einiger Zeit in das Studium der orientalischen Geschichte vertieft, und wir sehn hier, wie in der Novelle „der arme Dschem“, welche die Helena enthält, die ersten Früchte davon, denn „Die Eroberung von Constantinopel“, sein zweibändiger Roman, ist noch nicht erschienen. Die Novelle in der Urania schildert das Schicksal des Bore, Dede Sultan genannt, welcher im J. 1420 mit seiner Lehre von der Gemeinschaft des Eigentbums einen Yolksaufstand erregte. Er hauste mit seinen Anhängern in Jonien auf dem Berg Stylarios, wurde hier von dem Großvesir Bajasid Pascha mit 180,000 Mann belagert, gefangen genommen, und gekreuzigt. Schefer hat nun dieses Ereigniß mit sichtbarer Bezugnahme auf moderne Lebenselemente, den St. Simonismus u. A. dargestellt, und zwar so schön, so edel u. großartig, als es nur möglich war. Böre und die Seinen sind zu wahrhaft tragischen Gestalten geworden. Aber Schefers Manier, welche sich in die Psychologie gleichsam einwühlt, erscheint für die einfache Natur der Orientalen doch zu manierirt, und das Mißverhältniß der Reflexion u. der Situation, woran Schefers Novellen durchweg leiden, tritt hier zu grell hervor. Im armen Dschem, (dies ist der Bruder des Sultan Bajasid, der, nach langer Gefangenschaft in Frankreich, in Rom vom Papst Alexander VI. vergiftet wurde) tritt dies noch schärfer hervor. Dennoch aber zählen wir auch diese Produktionen zu den besten unsrer Novellenpoesie, weil sie dem vollen Reichthum der dichtenden Phantasie entsprossen sind.       E.M. ***************

         VI



    ***************

         VII

    Frankfurter Ober-Post-Amts-Zeitung von Oberpostamt (Frankfurt, Main)
    Frankfurt, 14. Oktober.
    Im Artikel "Mahmud und Mehemed." (Dritter Artikel) heißt es:
    Die Anfänge der diplomatischen Verbindungen der Pforte mit den christlichen Mächten betrachtend, dürfen wir die mit untergegangenen Staaten, obschon sie die ältesten, als unserm Ziel zu fern liegend, unberührt lassen. Ehe noch die Osmanen ihr Lager in Europa aufgeschlagen, standen sie in Verhältnissen mit Byzanz, ehe sie Constantinopel zum Sieg ihres Reichs gewonnen, empfingen ihre Sultane Botschaft von Venedig und Genua. Von den fünf großen Mächten, die jetzt die Geschicke der politischen Welt lenken, ist Rußland zuerst, dann, fast gleichzeitig, Frankreich und Oeftreich, England sechzig Jahre später, und Preußen zuletzt, diplomatisch vertraut geworden mit dem Diwan. Aelter als die älteste dieser Relationen waren die mit Neapel, Polen, Ungarn. Nur ein einziger Papst, Alerander Borgia, stand, wegen der Auslieferung Dschem's, in Gesandtenverkehr mit der Pforte. Es gibt viel zu denken, wenn man die zwei Epochen neben einander rückt, — die Zeit Alexander's VI., der seinen Ceremonienmeister Bocciardo in demselben Jahr, wo Columbus America entdeckte, nach Constantinopel schickte, mit Sultan Bajesid II. zu unterhandeln um Dschem's, eines Bruders Gewahrsam gegen jährliche vierzigtauend, oder Ermordung um dreihunderttausend Ducaten ein für allemal, — und die Zeit Gregor's XVI, der, mit Preußen auf gespanntem Fuß, Mahmud's Botschafter, Redschid Pascha, wohlwollend empfängt und reich beschenkt entläßt. Die romanhafte und doch wahre Geschichte des unglücklichen Dschem, der am 24. Februar 1495 zu Neapel den Geist aufgab, hat Leopold Schefer in der   Helena  für 1839 zu einer historischen Novelle umgedichtet; es ist daher nicht nöthig, daß wir sie erzählen. Dschem starb vergiftet. Seine letzte Kraft hatte er zusammengenommen, Verse niederzuschreiben, worin er seinen Bruder um ein Grab im Vaterlande bat; er blieb mit dem Antlitz über dem Blatte liegen; — seines Lebens Sonne ging unter; seine Seele war in der Heimath. Sechs Wochen vor seinem Tode hatte er zu Rom, als Gefangener Borgia's, eine Unterredung mit König Carl Vlll. von Frankreich, der damals auf dem Feldzug war, der ihm so übel bekam. Carl nahm ihn mit; es war aber dafür gesorgt, daß er ihn nur zu begraben hatte; er ließ ihn zu Gaeta beisetzen, hoch auf dem Berge über der Festung. Bajesid aber, den todten Bruder nicht mehr fürchtend, war bedacht, seinen letzten Willen zu ehren. Ein osmanischer Gesandter kam zum König Friedrich von Aragonien, den Leichnam zu holen; er ward von Gaeta nach Kallipolis, von da nach Brusa geführt, und dort am Grabmahl Sultan Murad's II. zur Ruhe bestattet. Sechsunddreißig Jahre alt geworden, hat er dreizehn davon in Gefangenschaft verbracht auf Rhodos, zu Nizza, Chambery, in festen Burgen der Johanniter, zuletzt in Rom. — Unter der Regierung eben des Bajesid's, der mit dem Papst verhandeln ließ, berührten sich zum erstenmal, im Jahr 1492, das osmanische Reich und das russische, in großer, doch freundlicher, Entfernung. . . . . . 

         VII

    ***************

     
    Quellen   I   II   III   IV   V   VI   VII   Return to top of page