Der arme Dschem
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Mustapha der Barbier

 
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— Ein wunderbarer Mann, ein göttlicher Mann, wer sein Vaterland liebt! Aber wie liebt ein Jeder sein Vaterland am sichersten? — Durch ein reines sittliches Leben! Die Vaterlandsliebe ist jedoch etwa nicht nur der Lebensbalsam der Völker, sie ist das Palladium auch der Fürsten. Denn das armselige Volk eines verkümmerten Bienenstockes wird auf einen Andern gejagt, nimmt seine Stimme an und der Weisel kommt um. Darum, wer auch sein Vaterland viel geliebt hat, dem wird viel vergeben,“ —

Aus der „Eroberung von Konstantinopel“
von Leopold Schefer.

      Unsere arme Freundin hatte kaum ihre Papiere und Geschenke dem treuen Mauren zu sichrer Bestellung in die Hände gegeben, als ein Gesurr und Gesumm sich erhob, wie Waldrauschen. Es wuchs, es schwoll, aber es ward dadurch nur dumpfer, besorglicher. Einzelne lautere Stimmen durchriefen es hörbar zwar, aber nicht verständlich. Nun kam das dumpfe Getrampel vieler laufenden Menschen Männer, Weiber und Kinder dazu, der Hufschlag von Pferden, das Rollen von Wagen. Das Herz der unkundigen Hörer war beklemmt, sie standen, hielten den Athem an,

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sahen sich in die Augen, gaben sich leise Zeichen mit den erhobenen Fingein, wann auf dem Sprunge mit fortzueilen; denn unverkennbar war etwas Wichtiges vor. etwas Großes, etwas sehr mächtiges Neues. Aber nichts Schreckliches. Die Stimme des aufgestandenen Volkes war heiter, nur hastig. Einige Vorübereilende trugen zwar erschrockene Gesichter und schrieen: „Die Türken sind da! Die Türken! Die Türken! Sie sind gleich da!“ — Andere fragten lächerlicherweise: „Dieselben Türken, die wir an der Stadtmauer bei der Peterskirche in Stücken gehauen?+++ldquo; — „Kinder, seid nicht Narren!“ — rief ein großer dicker lachender Mann, der sich an den Weg gestellt hatte — „der Sultan ist da! der Sultan selber, und hält seinen Einzug in Galla! in Fiocchi! in Frieden und Freuden!“ Dasselbe schrie er immerfort wie ein Ausrufer, zur Beruhigung, oder zur Eil; denn wie ein Wegweiser hielt er seinen Arm immer ausgestreckt, und deutete stromabwärts nach Abend. 
      Dagegen kam Einer, der aus Eil mit der Rechten in den linken Aermel seines Rockes gefahren war. und unterwegs die Flittige des Rockes über die Achsel geworfen und einen Pantoffel verloren hatte, und schrie: „Nein! sie bringen den Sultan gefangen! Sie bringen den gefangenen Sultan!“ den gefangenen Sultan!“ wiederholte sich Philippine von Sassenage, erschrak und furchte und ahnte, und faßte doch nicht die Möglichkeit und die Wahrheit, als ein Freund des schreienden Wegweisers zu ihm trat und ihn bat: „Komm mit, über die Tiber! Hier geht ja der Zug nicht vorbei!“

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       „Wie so?“ fragte der gutmüthige Wegweiser. 
      „Sieh. Du weißt doch, unser heiliger Vater der Papst, der achte Unschuldige oder Unschädliche — Innocenz — hat doch einen Sohn! Nun gut! Und dieser Sohn ist der Graf Cibo, der Frau und Kinder hat, so daß der heilige Vater auch Großvater ist und Schwiegervater und eine Schwiegertochter und Enkel hat. Nun gut! Der Sohn des Papstes hat ein Schloß! Nun gut! und auf dem Schlosse des Cibo war der gefangene Sultan, den die Rhodiser Ritter dem Papste verkauft haben; nun gut! und von dem Schlosse bringen sie ihn heut, und so eben hier in die Stadt, in den Vatican, und recht mit Fleiß soll er ganz Rom zur Schau durchziehen, denn ohne Gepränge ist nichts bei uns! Nun gut! Und nun nehmen wir einen Kahn und fahren hinüber an die Straße, wo sie kommen! Komm, Dicker!“
      Während dieser Worte und seines Stillstandes hatte er sich seinen Rock ordentlich angezogen, warf aber den andern Pantoffel noch auch in die Tiber, denn er sah ein paar Schuhe dastehen, die er unbedenklich mitgehen hieß und rasch anzog. Ein Matrose hatte sie da nicht geachtet, weil sie inwendig voll Pech waren. 
      „Nun gut!“ sprach jetzt der dicke Mann, „komm' hinüber! Es ist ja richtig! Jetzt besinne ich mich. Macrino! Du wohnst ja in Einem Palaste mit dem türkischen Gesandten, dem Kämmerer des Sultan Bajesid! Nur etwas hoch über ihm in den Dachkammern. Rom wimmelt einmal von Gesandten, als wären hier alle Reiche

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der Herrlichkeit zu holen, und die ewige Seligkeit dazu. Narren müssen sein! Wovon lebten wir sonst?
      Macrino del Castagno aber versetzte: „Ich habe schon manches schöne Stück Geld von dem Gesandten, dem türkischen Rindvieh Mustapha verdient, besonders durch seinen Barbier, der auch Mustapha heißt, und sich nur hat zum Türken machen lassen, um den Türken Eins zu versetzen, und seinem Volke, den Griechen, zu helfen. Das ist ein Kerl! der Mustapha! Klug wie der Teufel! Ich bin überzeugt: er barbierte allen Türken den Kopf weg, wenn es ihm jemand bezahlte, denn umsonst thut er nichts; was er von selber will, das müssen ihm Andere noch tüchtig bezahlen! So wird man reich!“
      So sprach Macrino vertraulich zu seinem dicken Freunde, ohne zu ahnen, daß er selber bald würde auf der Folter sterben, weil er den Papst sowohl als den Prinzen Dschem vergiften wollen — um reich zu werden. Beide Freunde gingen an das Ufer, um in dem Kahne an das jenseitige Ufer der Tiber, an die Straße zu fahren.
      Das arme Weib des armen Dschem stand in höchster Bestürzung, die einen freudigen Kern hatte, denn ihr Gemahl war doch aus den Händen der unversöhnlichen Türkenfeinde erlöst; er befand sich ja nun in den Händen des aller-allerchristlichsten Potentaten auf Erden, in den Händen des Vaters der Christenheit, der ein Herz für alle Leiden aller Menschen haben sollte! Sie weinte vor stillem Entzücken leis, ohne zu ahnen, daß, ihr Dschem nun erst ganz verloren, verrathen, verkauft und ermordet

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wäre — obgleich sie jeetztzt noch tausend Kummer befiel vor der unsicheren Zukunft und wie alle ihre Noth noch sich lösen werde? Denn enden müsse sie nun, und bald, durch die Heimhülfe des heiligen Vaters! — Schon bei dem ersten Auflauf des Volkes hatten sich ihre Begleiterinnen in das nur wenige Schritte entlegene Kloster zurückgezogen, aus Scheu vor den Menschen, wie vor Gespenstern am Tage, und aus gebotenem Anstand; so neugierig nach aller Welt die Mädchen eben im Kloster sind, und ohne redselige, aller Geschichten volle alte Weiber vergingen, wenn sie die Welt nicht noch hörten mit tauben Ohren, und sähen mit blinden Augen, und empfänden mit todtem, schlafendem, träumendem Herzen. Die andern Schwester-Novizen hatten ihr ängstlich gewinkt: zu kommen! und mit erhobenen Händen nach dem Thurme des Klosters gedeutet, um ihr auszudrücken, daß sie da hinauf gehen würden, um alles recht herrlich zu sehen. Aber da drängte sich grade ein Knäuel Menschen zwischen sie und riß nicht ab — und sie hatte grade das Wort des Macrino verstanden von dem gefangenen Sultan, und war auf der Stelle versteinert, und plötzlich felsenfest entschlossen, nicht wieder in das Kloster zu kehren, und sollte es ihr das Leben kosten, das es ihr ja doch in den öden Mauern kostete. Darauf hatte sie unbemerkt auch von dem weitern Worte Macrino's Kunde, noch nähere, sichere Kunde gehört: „der gefangene Sultan war ihr armer Dschem!“ Sie hatte zwar vorhin alle ihre Kostbarkeiten, in dem goldenen mit Edelsteinen ausgelegten Kästchen, mit aus dem Kloster genommen, um sie durch den treuen

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Mauren ihrer Freundin zur Aufbewahrung, auf ungewisse Hoffnung in der Zukunft hin, zu schicken, wenn ihr auch im Kloster die schönen langen Haare abgeschnitten würden, die ihr Dschem so bezaubernd fand, und sie im Sarge lebendig der Welt Valet sagen müßte mit dem Munde, Aber selber das Todtenhemd würde ihr ja doch nur über die liebende, treu fortliebende, junge, bebende, schmachtende Brust geworfen! — Sie war in ihrem Auftrage an den Mauren noch nicht zu Ende gewesen, das Volk hatte sie unterbrochen, und jetzt wußte sie mit Befriedigung, daß sie ihre Schätze noch hatte, die ihr die größten Dienste leisten konnten und sollten! Glücklicherweise hatte sich der Maure in ihrer Nähe gehalten, und wie durch Eingebung, nahm sie mit herzgewinnendem Lächeln, wie zum Scherz, ihm seinen großen weiten braunen See-Mantel ab, was der Freund, befangen von ihren geisterhaft gebietenden, wollenden Augen, ohne sich zu regen, geschehen ließ; sie warf sich ihn um; sie verhüllte den Kopf sorgfältig in die Kapuze; und als die beiden Männer in den Kahn traten, der eben abstoßen wollte, trat sie scheinbar beherzt mit hinein und setzte sich sogleich, das Gesicht des übrigens verhüllten Hauptes noch dazu abkehrend, als ob sie dir Männer gekannt hätten, oder erkennen möchten. Sie sahen aber weiter nichts von ihr, aber das sahen sie auch, daß sie zum Erstaunen schön sei, und stießen sich einander mit den Ellenbogen an. 
      Da kam jedoch der Zug richtig.
      Wie klopfte ihr Herz! wie glänzten ihre Augen! wie belebt war ihr ganzes Wesen! Das Gefühl aller der

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schweren Sorge um den Mann, den sie so liebte, der sie so liebte, der ihr so lange fern, so lange einsam gewesen, von allen Gefahren umgeben, ja bedroht, von allen Entbehrungen gepeinigt — das alles zog aus ihr fort, denn die Freude des Wiedersehns überwältigte sie und hob sie empor. Ihr geschärfter Blick spähte allein nach ihrem Gemahl! Sie sahe die vordersten Retter nur wie bunte leere Bilder vorüberschweben, hörte die Tritte der Pferde, sie hörte die Worte des Macrino nur wie im Traume, als er mit halber Stimme, und doch hastig zu seinem dicken Freunde sprach: „Sieh, steh! das ist das Gefolge des Sultans, das den Zug eröffnet! Ah, ah! nun kommen die Wachen und Pferde unsers unschuldigen Vater Papstes, und seine auserlesenen schönen jungen Edel-Pagen! Nun das Gefolge des römischen Adels! — Alle Tausend! nun gar die Eminenzen, die Herren Cardinäle, die Bienenbrut des neuen Papstes, welcher Jelle die rothen Bienen nun werden die Haube auffetzen, daß ein Weisel ausläuft, ein weiser! Aber Respect! Nun kommt unser römischer Adel, alles, was man sehen kann! Heut zu Tage! Aber sieh, sieh! der Rhodiser Ritter im Mantel, worauf das ganze Leiden Jesu gestickt ist, das ist der Bruder des Ordensmeisters d' Aubusson, der Visconte de Monteil — wahrhaftig, der Ordensmeister war schon unter den Cardinälen — der, der sich grade jetzt umsteht! er hat den rothen Cardinalshut und Mantel für den Sultan eingehandelt! Und der da neben dem Rhodiser Ritter reitet, ist der Graf Franceseo Cibo, der Sohn des Papstes! Ei ganz gehorsamster Diener, Herr Groß-Ceremonienmeister Bocciardo!

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— er besucht mich manchmal, weil ich eine schöne Frau habe, der Lump! Solche Sticheleien bezahle ich — Macrino — mit der Cortellata! Aber nun siehe, da! jetzt! da kommt der Sultan um die Ecke! Das ist er! Der! —“
      Er schwieg jetzt; denn die wahrhaft herrliche Erscheinung Dschems, in von Pracht und Schmuck funkelnden türkischen Kleidern, auf seinem mit reichstem Geschmeide behangenen Schlachtrosse machten ihn stumm. Der Weg führt dicht am Strom dahin, und der Zug bewegte sich dicht vor ihren Augen vorüber. Sie sahen nur Ihn, und auch Dschem sah zufällig nach der Tiber und in den Kahn. Denn es erscholl bis zu ihm ein erstickter Ausruf seiner schönen Geliebten; sie war vor heißem Verlangen nach ihm aufgestanden, und vor Erschütterung hingesunken Der arme Dschem hielt sogar einen Augenblick sein Pferd an, blitzte mit seinen Augen hin; glaubte aber seinen Augen nicht, begriff nicht die Möglichkeit, daß er seine arme entrinne Geliebte hier wiedergesehn senkte sein Antlitz, ja er schloß seine Augen wehmüthig — so zog er vorüber, gedrängt von dem folgenden Zuge, dem Prior von Auvergne und der Schaar der französischen Ritter, die der edle König von Frankreich ausdrücklich dem Prinzen zu seiner Hut und Leibwache mit nach Rom gegeben hatte. Als auch noch der oberste Kämmerling des Papstes, der Einholer des Sultans, die Prälaten und Cardinäle vorüber gezogen waren, und als letztes Paar der Cardinal Alexander Borgia und Cardinal Julian, die beiden künftig nächst folgenden Päpste. die, als die bittersten

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Feinde, vor dem Volke hier öffentlich in größter Freundlichkeit neben einander ritten; als Niemand mehr folgte, und diese wunderbare Erscheinung auch wieder vorüber war, da sprang der behende Christoph Macrino del Castagno aus dem Kahne ans Ufer, half seinem dicken Freunde herüber, und beide eilten an dem schönen warmen Märztage auf einem näheren Wege durch Seitengäßchen und Gänge durch Häuser und Kirchen dem Zuge voraus, um den schönen Sultan noch einmal zu sehen. 
      Sein Weib aber blieb vor Bestürzung der Freude noch sitzen, die Hände vor ihrer Brust gefaltet, und starrte mit vergehenden Augen in den öde gewordenen Raum. So will eine schöne Mandelkrähe heim in ihr Nest auf den Baum fliegen; sie kommt — aber der Baum ist indessen gefällt! er liegt am Boden; und sie schwebt ängstlich in der leeren Luft, an der Stelle, wo seine Krone geprangt und gesäuselt! Aber ihr Geist war indeß thälig gewesen, wie im Traum, Entzücken durchfuhr sie plötzlich, daß sie in dieser Verwirrung so wunderbar frei geworden. Nun galt es nur fliehen und tief sich verbergen, und alles ihr Glück war wieder möglich, denn Er lebte! Er war da! Sie hatte ihn wiedergesehn! O wie war er noch schön! erst wie schön in seiner lächelnden Wehmuth! Sie mußte, sie mußte ihm nach! Denn auf Erden als Weib war sie fein. Im Himmel dereinst wollte sie allen Engeln gehören, wenn Er nicht auch dort wäre! — Sie gab dem Schiffer ein reichliches Fährgeld, damit er sie bis an die Engelsbrücke fahre. Sie hatte vom Klosterthurme Rom überschaut und wußte: bis dahin war weit! und die

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verbergende, schützende, rettende Nacht war nahe! So fuhr sie auf der Tiber am Tempel der Vesta vorüber; am Capitol; dann unter der Brücke der Tiberinsel hindurch; dann an den Gärten vorüber, worinnen die Mandelbäume blühten, als ständen in rosige Schleier gekleidete Erdgeister da, und winkten ihr mit den wehenden, säuselnd gehobenen Rosenarmen! Das war nicht Rom, wo sie war, das war ein himmlischer Ort! eine Stadt aus der Sonne! oder dem großen, schönen Abendstern! Der Strom, der sie zauberisch trug auf gewiegelten, sanftgerötheten Wolken, der floß in das Paradies! Und jetzt sah sie die Engelsburg mit dem Engel darüber, und eine Brücke mit zwölf weiß schimmernden Engeln! Da, auf dem Grünen, beiden Orangenbäumen stieg sie aus, stieg auf den freien Raum, da die Schaar des Volkes noch nicht bis hierher gedrungen war. Und als der Zug über die Brücke kam, sahe sie von der Porta San Angelo her einen vornehmen Türken' mit seinem Gefolge ihrem Dschem entgegenreiten. 
       Dschem hielt. 
      Der vornehme Türke, ein schöner arabischer Greis, mit weißem Barte, der Gesandte des Sultans von Aegypten, stieg von seinem Pferde, warf sich vor ihrem Dschem nieder, küßte dreimal die Erde, küßte dreimal den Huf seines Rosses, stand dann auf und schloß sich, auf Dschems Befehl, dem Zuge nach dem nun nahen Vatikan an. Das Volk strömte nach. Sie aber ging wieder unter die dichten Orangenbäume und saß und träumte, bis der völlige Abend und die Dämmerung Sicherheit versprach. 
      „Was in aller Welt kann ich thun? Denn in diesen Abend,

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in diesen Mantel hat mich die Gewalt der Menschen, meines Bruders, ach, und mein Herz gebracht. Halte auch fest nun, mein Herz! an Dir und an Ihm! Weiter weiß ich keinen Rath! Aus allen Nöthen führt Ein Weg — auch aus dieser Noth! Und auch darin um kommen, ist ein Weg, der Weg hinaus, aus aller Noth! Ein Glück wird er geben, das höchste! oder eine Ruhe! eine unstörbar feste. Ach, ob nur die Todten noch die Lebendigen lieben? Lieben doch selber die Lebendigen noch die Todten. Aber hinweg, ihr letzten Gedanken! ihr äußersten Gefühle! Noch kommen viele vorher! Aber die Liebe ist eine geduldige Weberin! Sie wirkt das gleiche Gespinnst rasch; das verwonene ordnet sie, das zerreißende knüpft sie — Alles mit derselben fleißigen Hand! Alles unter demselben treuen Blick! mit derselben über alles Menschendenken glücklichen Seele!“ 
      So sprach die Einsame, Verlassene, glückliche geliebte Liebende, erhob sich, blickte sich um, und konnte nicht widerstehn nach dem Palast des Vatican zu gehen; denn die vielen hellen Lichter in den Gemächern lockten und zogen sie hin, wie die Sterne den Schiffer in seine Heimath. Und in jenen Zimmern, dort in Jenem, wo Er war, da war sie zu Hause! Sein seidenes Bett, sein Herz war ihre einzige Heimath auf der ganzen Erde.
       So kam sie in die Halle; so durch den gewundenen Weg in den obern Hof des Vaticans; so in den Garten. Niemand hielt sie auf. Niemand bemerkte sie nur; so war alles in jener allergrößten Unordnung, aus welcher eine Ordnung hervorgehen soll. Da rief eine Stimme,

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und eine andere antwortete, während dessen schon ein Vierter einem Dritten antwortete, und ein Fünfter dem Sechsten befahl und Bescheid gab: Wohin die Pferde kommen sollteni Wohin die Gepäcke! Die Leute! Was der Koch kochen sollte! Wo der Koch sei? Wo die Küche? Wo das Wasser zu holen? Wer es holen sollte? und so tausenderlei. 
      Im Garten war ihr wohl. Hier konnte sie, wenn es Noth that, die Nacht zubringen in einem der schönen Pavillons, oder nur in einer der grünen Lauben, worin ja auch freie Vögel wohnten. Es schien ihr ein Meisterstück, sich, die aus dem Kloster Entflohene, unter die Augen des Papstes zu retten, wie eine verfolgte Fliege sich am sichersten auf dem Rücken ihres Feindes verbirgt und ausruht, während er nach ihr umherschlägt. Aus einem dichten, weiß und zart blühenden, zart wie Weinblöthe duftenden Mirtengebüsch konnte sie grade die am hellsten erleuchteten Fenster des Palastes sehen, und das Licht und die Schatten thaten ihr unbeschreiblich wohl.
Zu ihrer wehmüthigen Erinnerung und sehnsüchtigem Reize ging der Mond auf — — Hier nun ging ihr der Mond auf, und Dschems Bitte fiel ihr schwer auf das Herz: „Wenn der Mond aufgeht — gehe Du mir auf.“ — Sie versank in ihr damaliges, in ihr altes Glück.
       Sie wußte nicht, wie lange sie so gesessen und sanft geweint — als sie Tritte hörte deutlich und deutlicher, Tritte eines Nahenden! Sie schärfte ihren Blick; das Herz schlug ihr; sie horchte, sie lauschte. Es kam auf die Gebüsche zu, die sie verbargen! Es war ein Mann!

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Ach, es war ein Morgenländer! ein Türke! — kleiner jedoch als Dschem, doch auch prächtig geschmückt — aber er wankte in seinem Gange — aber er war nicht berauscht — denn er weinte bitterlich hinter seinen Händen, die er vor die Augen hielt und kaum den Weg sehen mochte, oder dem es gleichgültig war, wohin er komme! So kam er, so blieb er an dem Feigenbaume stehen, der nahe vor ihr seine starken Aeste ausbreitete. Er ergriff einen Ast desselben, hielt ihn nieder, und aus höchster Bedrängniß quollen kurze Worte aus dem Koran aus Gebeten oder rührende Verse aus Dichtern über seine Lippen. Sie erkannte den Untröstlichen an seiner schönen Stimme — es war Haider! Haider, der Dichter und Siegelbewahrer Dschems, und zu seinem künftigen Großvezier bestimmt; so wie alle seine ihm treugebliebenen oder noch bei ihm gelassenen wenigen Freunde zu hohen Würden des Reiches bestimmt waren, der treue Chatibsade Nassuh, der ehrsüchtige Sinanbeg, der Kämmerer Dschems, und der sanfte Ajasbeg und Dschelalbeg. sein Kämmerer, auch. Denn sie, die vornehmsten Männer der Heimath. mußten dem Gefangenen jetzt in der Fremde die Dienste erweisen, deren er jetzt bedurfte, du ihm nur zu leisten waren, und welche Dschem einst ihnen reichlich und tausendfältig zu lohnen, mit Herz und Wort bereit war. Sie hatte im Auge sie alle wiedergesehen, all, erkannt, wie sie sich jetzt erinnerte, Ihre Augen bewachten jetzt Haider ängstlich, denn er betete nun, lang auf den Boden gestreckt. So lag er. Dann sprang er auf, wie ein Hirsch sich aufschnellt, wand die lange, seidne, gestickte

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Binde seines Turbans vom Haupte, hielt sie sich hin, starrte sie an, schüttelte sie mit verzweifelter Bewegung, knüpfte das eine Ende derselben, so hoch er reichen konnte, an einen starken Ast des Feigenbaumes, wälzte ein Bruchstück eines Marmorbildes unter den Ast, stellte sich auf den Marmor, wand das untere Ende der Turbanbinde um seinen nackten Hals, knüpfte den Knoten fest, sprach noch einmal: „Dschem! Dschem! Ich bin unschuldig! Unschuldig ist auch Saadi gestorben — Alle, die Dich lieben, kommen elend um, und die Dir am treusten waren — am ersten! Verrath wird immer verrathen — auch ich werde unschuldig im Grabe liegen, denn, auch nur schuldig scheinend, kann ich nicht leben. Gott! und es ist auch schrecklich, was sie gethan durch meine Schuld. — Gott ist barmherzig! Es ist nur Ein Gott, und Mahomet ist sein Prophet!“ So sprechend stieß er den Marmorstein mit dem Fuße weg, und schwebte. Der Ast aber beugte sich dann von der Schwere seines Leibes, oder knickte gar noch zu rechter Zeit, und so stand der um den Tod getäuschte Dichter Haider, der Liebling des armen Dschem, mit seinen beiden Füßen auf festem Boden. 
      Die Verborgene war schon indessen genaht, überrascht wie sie war, stand plötzlich vor Haider, und rief ihn an mit seinem Namen, und rührte ihn an. Er erschrak und wollte entrinnen. Aber das Band hielt ihn fest und riß ihn zurück auf seine Stelle. Er wollte auf die Kniee fallen; die Sultanin hielt ihn schwebend in ihren Armen. Er stand auf. Er verbarg sein Gesicht mit beiden Händen und weinte nun erst recht heftig erschüttert.

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        Jetzt sprach sie zu ihm, nannte ihn bei seinem Namen, tröstete ihn und sprach ihm Muth zu, während sie ihn löste; und er schlug die Augen auf; die Stimme des Weibes schien ihm bekannt — er erkannte sie und erschrak vor Freuden, neues Leben durchzog ihn, und der Gedanke ermannte sein treues Freundesherz: welche Freude sein Gebieter nun haben würde! welche Freude Er ihm machen könne mit der wiedergefundenen tiefbeklagten Gemahlin. Wo sie gewesen, wie es ihr ergangen, erfuhr er in wenigen Worten von ihr. Was aber ihm geschehen sei, klagte er ihr, als er sich noch mehr erholt hatte. Er sprach: „In Rhodus noch, besucht mich der schlaue Großmeister, der falsche! Denn er sieht bei mir das große Jaspissiegel mit goldenem Heft. Es ist ihm neu. — Ich drücke es ihm gefällig ab. Er versucht mehrmal; jedesmal auf ein anderes Seidenpapier zu Briefen — und wie ich jetzt sehe, hat er die Blätter mit den hingespielten Siegeln, die ich nicht beachtet, als unter keiner Schrift, unter keiner Urkunde er hat sie betrügerisch mitgenommen, und in Dschems Namen nun nach und nach Dinge geschrieben, die den armen Gefangenen so lange im Kerker erhalten — an die Könige hat also Dschem, ohn' es zu wissen, geschriebene Er sei nicht gefangen gehalten von den Rhodisern, er harre aus Klugheit, bis sie sich zu einem Kreuzzuge gegen die Osmanen vereint! . . . . an seine Mutter nach Aegypten hat also Dschem geschrieben, daß sie ihm viele Beutel mit Goldstücken sende zur Ausrüstung von Schiffen. Die Mutter hat ihre auf die Noth gesparten Schätze zu Golde gemacht und es dem Sohne mit Freuden geschickt,

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sein Weib, seine Hebetulla, hat ihre Kleinode zu Golde gemacht, und es dem Manne mit Freuden geschickt, selbst sein Knabe, der Oghuschan, hat die erhaltenen Geschenke und seinen mit Diamanten besetzten Säbel und die werthvollen Kinderwaffen dazu gegeben, und das Gold dem Vater geschickt — der Vater aber, der es behalten hat, ist der hochchristliche Großmeister der christlichen Ritter von Rhodus gewesen! — Das ist heut an den Tag gekommen, als der alte ehrwürdige Jusuf, der Gesandte des Sultans Kitbai dem Dschem endlich ächte Briefe von seiner Mutter gebracht, worin von dem Golde geschrieben stand, und ein solcher falscher Brief, angeblich von Dschem geschrieben, und mit dem Siegel, das Ich bewahre, gesiegelt, lag in der Mutter Briefe! — Nun war Ich, Ich ein erkaufter Verräther! Ich ein Verräther! da doch der Prophet gesagt: „Den Unglücklichen sollst Du nicht verrathen! noch den Glücklichen! noch irgend eine Schandthat! Edle Werke aber halte nicht geheim, sei der verkündigende Engel jedes guten Menschenwerkes!“ Und Ich ein Verräther! Und o Gram! o bitterster Vorwurf — der sanfte! Die edle Vergebung! Denn der edle Dschem sahe aus Schaam mich nicht an, er stand ruhig ergeben, auch in dieses Geschick. Er wollte seufzen, aber aus Schonung für mich, preßte er seine Lippen nur leise zusammen. Auch lächelte er nicht — aber ohne daß er es wußte, rannen ihm zwei Thränen aus den sanftbedeckten Augen, Und ach, ich war Schuld, ich war Schuld, daß die Bösewichter so lange meinen Herrn, meinen Freund, meinen Wohlthäter gefangen zu halten vermocht.

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O Frankenland! O Christen! O Ritter! O leichtgläubige Herrn der Christenheil! Darum kam ich hierher — — — meine Last abzuwerfen, die unausstehliche Pein! — Du hast mich errettet! Wir sind errettet! Denn nun sind wir in die heilige Hand des höchsten, des einzigen Mufti der Christen gekommen. Der, der wird doch barmherzig sein, und an dem Sohne, an Dschem, nicht rächen des Vaters, Mahomet's, unchristliches Verbrechern: Constantinopel zu erobern! Ach, der alte enthauptete Großwesir Chalil hat es dem Mahomet schon gesagt: Constantinopels Fall wird sein Unglück sein, oder seiner Kinder, aller seiner Kinder, des Volks der Osmanen! Jetzt aber bin ich glücklich, Dir helfen zu kennen — wir gehen zu Jusuf, in die sichere Wohnung des Gesandten des Sullaus Kitbai! Für heut weiß ich nur diesen Rath. Und bis Morgen langt ein guter Rath, wie das Sprüchwort sagt.“ 
      Der arglose Dichter Haider, der das Reichssiegel so kinderhaft bewahrt hatte, bat die Sultanin, bis zu dem Springbrunnen heimlich vorauszugehen, während er im Vatican sich einen Pagen rufe, der sie beide nach dem Palast des Gesandten Jusuf führe. 
      Das geschahe. Und auf dem Wege dahin erfuhr sie. wie ihr Dschem erlöst worden sei aus der Hand der Ritter — durch Verkauf an den Papst, für einen rothen Hut an den Großmeister, und viele Erlassungen von Bußen an die Ritter und unmöglich gewordenen Pflichten an den Orden. Der edle König von Frankreich hatte sie erlöst, weil er durch den jungen schönen Herzog gewußt:  Dschem sei gefangen.

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Aber als sich nun der Papst und der König von Neapel um den Besitz des Prinzen gestritten, da sei Krieg zwischen ihnen entstanden; und so habe die Erlösung so lange noch bis zu dem Frieden gedauert — im Ganzen nun schon 10 Jahr, denn der arme Dschem sei mit Kummer und Noth schon 32 Jahr geworden — blos, damit die Ritter so lange so vieles Bewahrgeld erhielten. Nun sei es verloren für sie. und auch das durch Betrug Erschlichene würden sie wieder herausgeben müssen — aber wer giebt die Jahre wieder? Wer giebt dem Erlösten, dem Freien, seine in der Gefangenschaft verlorene Freiheit wieder, daß er sein Leben, statt des Trittes in den Kerker, nun anders lebe! 
      Sie gelangten vor die Porta San Angelo nach der Gegend des schönen Monte Mario zu, in die allein stehende, mit Garten und Mauer umgebene herrliche Villa des ägyptischen alten weisen Arabers Jusuf. Der Page ward beschenkt und zurückgeschickt, Haider führte die Gemahlin seines Herrn in den Nonnenkleidern, wie in Trauerkleidern, zu ihm ein. Sie blieb stehen. Haider sagte die nöthigen Worte dem redlichen Manne, ohne Groll gegen ihn, der an seinem Leiden ja ganz unschuldig gewesen, nur ein Bote, ein hülfreicher Mann. 
      Da änderte sich plötzlich ihr Schicksal. Der alte Mann siel auf ein Knie vor ihr nieder und nannte sie Gebieterin, mächtige Frau, Sultanin Walide, und bat sie mit Eifer um ihre Gunst. Verschleiert, wie sie war, mußte sie den Ehrenplatz auf dem prachtvollen Divan einnehmen, während er ehrerbietig fern von ihr stehen blieb. Es fiel ihm ein,

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und er sagte ihr froh, daß er ihr reiche Geschenke von der Mutter des Dschem aus Aegypten mitbringe, welcher er seine Vermählung geschrieben und sie um ihren Segen gebeten. Er setzte leiser hinzu, daß er ihr auch kostbare Kleider und Schleier und Tücher bringe von der armen Sultanin Hebetulla, welcher er auf dem Sterbebette verprechen müssen, ihres Gemahles nun einziges Weib, seine einzige Freude und Trösterin in der falschen Fremde, zu grüßen und sie zu bitten, ihren Dschem auch nun doppelt zu lieben, für sich und für sie, „Denn,“ sprach er fast mit Thränen, „das arme, gepeinigte Weib des armen Dschem ist gestorben! sie ist begraben, und Dschem wird sie nicht wiedersehen; denn ihr Leid war zu groß! zu schwer! zu lange schwer! Selbst ein Kameel wird alle Abend abgeladen; aber mit der Nacht kam erst recht ihr Leid zu ihr, wie der Alp, sie zu drücken. Und mit dem gegenwärtigen Manne sind die Weiber nicht immer zufrieden; nicht alles thut er ihnen recht, oft nur weniges; und was die Frau ihn auch sieht leiden, das ist ja vor Augen, sie sieht es, sie weiß, wie sie helfen kann und so hilft sie, und in der Hülfe, der Sorge erleichtert sich ihr das Herz! Aber selbst eine gute alte betagte Frau, deren alter Mann in die Fremde gereiset ist, vergeht fast vor Anhänglichkeit, wenn er in gefahrvollen Ländern so lange weilt, Ist der Mann jünger als sie, dann kommt noch kindische Mutterliebe zu ihrem gerechten und lobenswerthen Kummer! Ist die Frau aber jung und schön und geliebt, und der Mann jung und schön und geliebt — und gefangen, gefangen in der Fremde und von Gefahren bedroht,

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die so arg und so vielfach und so zahlreich sind, wie seine vielen mächtigen schlechten Feinde — dann muß das arme junge Weib vor den Schreckbildern allen vergehen, verschmachten, zerfließen in Thränen, und das Herz muß Staub werden im Grabe! Denn, wenn sie es auch nicht weiß, nicht ahnet, nicht denkt, nicht über die Lippe bringt, so fordert ihre Seele, ja selber ihr Leib doch das menschliche Leben, die Erfüllung der schönen Jahre; die Berechtigung zum Leben schweiget nie, nie ganz; sie stimmt, sie verstimmt die Seele, sie verstimmt, sie verglimmt den Leib, sie schimmert doch sichtbar durch als ihre Bläffe, als ihr sehnender Blick; sie redet selber durch ihr heimliches Schweigen — bis sie sich zu Tode schweigt. O ihr Franken! ihr Christen! wenn ihr sie gesehen hättet! So mordet man mittelbar durch schlechte Thaten bis in die heimlichste Ferne! Und nun bewundere den Muth und die innere Kraft einer Mutter — der Mutter Dschems! Sie selber liegt an schwerer Krankheit schon lange darnieder, — Da stirbt Hebetulla, sein Weib — siehe, da steht sie auf. gefaßt, schwach an Leibe, an der Seele stark, und spricht: „„Nun muß ich gesund sein! Nun muß ich leben für seine Tochter, und für den Sohn, Einen Abwesenden in der Fremde zu kränken, ist die äußerste Härte! Das fühlen ja wir! — Wir müssen ihm Freude machen, den Muth erhalten, und darum selbst Muth haben, so schwer es uns wird.“ “ — Und so ward sie gesund.“ 
      Da sprach unsre Freundin zu dem guten Alten: „Du hast ein freundliches Wort gesagt, und ich dächte, uns eine Lehre gegeben: Verschweige dem armen Dschem den Tod seiner Frau!

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der lieben Hebetulla, die mir unbekannterweise gestorben ist. Dann lebt sie ihm fort! Und er bleibt heiterer als wohl sonst. O, ich liebe sie so! Ich liebe Alle, die Ihn lieben! Seinetwegen; ach. weil Ich ihn liebe! Daß noch Eine, noch Zwei, noch Viele den Mann auch lieben, mit uns ihn lieben, ja so sehr wie wir, das, fühle ich heut, das ist ja kein Grund zur Eifersucht. Verzeihe der Abendländerin dies Wort!“ 
      Aber sie schwieg und frug sich selbst: „Doch ist ***das* kein Grund zur Eifersucht, daß der Geliebte noch eine Andere liebt als uns, so liebt, wie uns? Und können die Männer, oder nur die Morgenländer, anders lieben als die Frauen? Heißer, stärker? — Lieben sie zwar immer mit derselben einen Gluth des Herzens, aber nur jetzt Abends Diese? dann Morgens Jene? weil, so viel ein Mann dort auch Frauen hat, und Vier sind genug, doch jede in besonderer Wohnung lebt, und weil er nur jekt Diese, dann Iene sieht mit ihren Kindern, und alle seine Frauen nie zusammen, wenn auch die Kinder, Ist das Herz, ist die Liebe eine Fackel, mit welcher man auch sich ein Marmorbild nach dem andern beleuchtet, und von deren Glanze ein jedes schöne Gebild ganz belle wird? Oder ist die Eifersucht der Morgenländerinnen ganz eine andere, und überhaupt nur auf das Lieben, das dem Manne Liebsein und Liebbleiben gerichtet? Das weiß Gott!“ — Sie dachte wider Willen einen Augenblick an das strenge Wort ihres bösen Bruders, der ihr gesagt: die Frau hat keinen wahren Mann, der noch eine zweite Frau hat. Aber ihr Herz strafte wieder das Wort Lüge,

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denn nun wollte sie ja mit aufrichtigster Gesinnung, daß ihr einziger Mann, der arme Dschem, seine andere Frau behalten, sie als eine Lebendige fortlieben, sich nach ihr sehnen sollte, da sie ihm verschweigen wollte „sie ist gestorben.“ — 
      Sie hatte nicht gemerkt, daß der alte Jusuf sich indessen leise entfernt hatte. Da sahe sie ihn, mit den Geschenken von Hebetulla an sie, wiederkommen. Er legte sie vor ihr nieder. Sie hob sie in die Höhe, sie bewunderte die saubere, fast unnachahmliche Stickerei der Gewande und Tücher immer aufs Neue, und immer wieder den Sinn der Gaben: die Liebe des Weibes zu ihr, dem Weibe ihres Gemahls, Und sie seufzete und bedeckte sich die Augen mit einer Hand. Und was ihr die Welt noch seliger machte, und die Liebe noch süßer und süß geheimnißvoll, das waren nun gar die Geschenke von Dschems junger Tochter! von der schönen Mirimah; und sie wußte nicht, was sagen, wie sich bedanken für solches Vertrauens angethane Ehre; wie hoch und wie herrlich die Tochter sie durch dieselben gestellt, wirklich aus Herzensgrunde gestellt, nicht das zweite Weib ihres Vaters sich nur so vorgestellt! 
      Sie belachte wieder den Bruder, jetzt noch viel edler und liebender, zumeist aber doch aus Verdruß über ihn. — 
      „Es giebt zwar viele Gründe,“ sprach der würdige Greis, „warum ich so weit hierher gereiset bin. Wir Aegypter sind Feinde der Türken, die uns zu verschlingen drohen; darum brauchen wir Feinde der Türken,

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die immer bereiten Christen, als Bundesgenossen; und sie wollen besonders jetzt dem Sultan Dschem helfen. Aber vorzüglich komme ich im Namen meines Sultan und Effendum Kitbai, um für ihn um das liebe Kind, die liebe, noch herzlich junge Tochter Dschems anzuhalten. Der Sultan will sie zum Weibe; diese Bitte sollen die stummen Gaben desselben an Dich als Fürbittenn ausdrücken. Hier sind sie nun! Und hier bist Du nun! Aber so hart würde ich nicht sein dem Sultan Dschem den Tod seines Weibes zu verschweigen! Hat sie sich nicht mehr durch alle ihr Leid verdient, als daß Er doch ihre Liebe — also ihren Tod erfahre? Sei nicht grausam! Gönne ihr das!“ 
      Er bat so weich, er weinte; sie mußte weinen, und sprach dann leise: ,,So gehe zu unserem Dschem, und sage ihm: Ich lebe! Ich bin da! Mich verlangt nach ihm! Gicb ihm nur diesen Ring!“ 
      Der Greis lächelte. Aber er schickte sich an, auf der Stelle ihren Befehl zu vollziehen. „Ich weiß schon, wie es kommen wird!“ sprach er, und bat sie, in seinem Harem sich ankleiden zu lassen. Denn eben als ein ehrlicher Mann hatte er ohne denselben so lange nicht in der lieblosen Fremde sein mögen; und so weise er war, war er ein Rechtgläubiger geblieben, und hatte nach dem Verlust seiner früheren Weiber durch die Pest sich, vor nicht langer Zeit, wie der alte König David, noch ein junges Weib genommen, ohne als ein rechter Mensch von der Würde des Alters durchdrungen zu werden, und ohne dem heiligen Gesetz der Natur und dem Verlaufe des menschlichen Lebens nachzugeben, und nun blos als Vater

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für seine Kinder dazusein, und nun andern jungen gleichaltrigen Männern das junge Geschlecht der schönen Jungfrauen zu überlassen, damit Beide gleich glücklich würden, Beide das Leben von der schönen Jugend begönnen, und Beide wandelnd und Beide verwandelt zum gnügevollen, ruhigen Alter hinanlebten. Er jedoch hatte an die Welt die menschliche Entschuldigung für die Entziehung eines reizenden Geschöpfes — welches nun seinen wahren Herrn und wahrhaft beglückten Besitzer nicht fand — daß ihm der Tod den Naturverlauf seines Lebens gestört hatte, und die Entschuldigung durch die Sitte seines Volkes, ja durch sein geheiligtes Gesetz, so daß seine Seele vollkommen ruhig und froh war.
       Unsere Freundin bewunderte das. Sie mußte die eben mitgetheilten Gedanken empsinden, als sie vom Anblick des guten Alten weg, das reizende junge Wesen, die gleichfalls Rechtgläubige, die frohe Schöne sah, zu der er sie in den Harem eingeführt hatte, Sie mußte aus Bedürfniß die empfangenen lieblich-duftenden, prächtigen Kleider anziehen, und nach der Entpuppung aus der scheinbaren Nonne eine scheinbare Sultanin sein. Denn der Mensch kann auch ein Schein sein, und die ganze Seele nur eine Hoffnung, Und sie war die süßeste Gestalt der Hoffnung, 
      Aber sie blieb nur die Hoffnung. Denn zwar hatte der dienstfertige Gesandte noch jetzt zu Nacht oen Gang in den Vatican gemacht, um im tiefsten Vertrauen die freudige Botschaft zu bringen: Wer da sei; dann auch den betrübten Haider mit seinem Herrn zu versöhnen, dem,

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durch die Wegnahme des stillen Zornes, oder nur der Betretenheit und der Wehmuth, selbst ein großer Dienst geschah. Er konnte mit Recht zu Haiders Reinigung anführen, daß der Großmeister auch Dschems ächte Briefe bestellen zu lassen doch nicht erlaubt haben würde, und daß seine Gefangenschaft, ohne Siegel und Haider in der Welt, doch um keinen Tag kürzer gedauert, Haider wollte nur also wieder zu dem Gebieter treten, daß Iener ihm nicht einmal die Hand zur Versöhnung oder gar zur Vergebung reiche, sondern daß Beide nur ganz so wieder beisammen waren, als sei Nichts vorgefallen. Er wollte nicht an seine Unbesonnenheit erinnert sein, ja selber sich nicht an den Gang zum Feigenbaume erinnern; darum hatte er mit Willen die kostbare Kopfbinde am Aste hängen gelassen. 
      Dschem aber hatte geschlafen, noch müde von der langen stürmischen Seereise auf der Galeere des Ordens, von Marseille nach Civita Veeehia; müde von dem so lange ungewohnten Ritt, selbst müde von Freude und müde von Hoffnung, Die sorgfältigen, mit eigenem Berstande gehorsamen und treuen französischen Ritter, unter denen sick auch der Chevalier Armand befand, hatten den Prinzen auch selber vor dem Freunde, vor Jusuf, beschützt und gesagt: Man möge ihm doch seine Ruhe gönnen! 
      Jusuf war also unverrichteter Sache wieder zu Hause gekommen. Die arme Freundin mußte also ihre Sultaninkleider ausziehen und auf ihr einsames Lager gehen. Das gewöhnlich nur von Sterbenden oder Todten gesagte,

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ihr zur Befriedigung mitgetheilte Wort: „Man möge ihm doch seine Ruhe gönnen!“ war ihrem mit Recht ängstlichen und besorgten Herzen schwer aufgefallen. Sie war darüber erschrocken. Sie hatte recht geahnt, wenn auch ihre, sogar mit Gedanken alle Gefahr vom Geliebten abwendende Liebe nicht meinte, daß der arme Dschem, nach nicht eben mehr langer Frist, vergiftet in italienischer Erde seine Ruhe sinden sollte. 
      Haider war über Nacht krank geworden von seiner Angst und Qual. Daher beeilte Jusuf vom andern Morgen an ihren Gang zu Dschem, Zwar hatte der Sohn des Papstes, Graf Cibo, ihm zu verstehen gegebene wenn er seiner Sitte gemäß etwa aus schönen albanischen oder sabinischen Mädchen einen kleinen Harem anlegen wolle, so möge er sich keinen Zwang anthun; denn seinen Vater kümmre nur die Kirche, nicht die da hineingehen, oder gar, die nicht hineingehen, ja nicht hinein gehören; und Jusuf dachte, um desto eher würde man dem Prinzen seine Sitte oder Sitten durch die gnädigen willigen Finger sehen, und er könne wohl Ein Weib, ein türkisch gekleidetes Weib in den Vatican einführen. Aber das Weib war des Sultans Weib, und tausend Gründe riethen ihm nur zum Geheimniß. Seine Gefahr verdoppele sich durch sie, durch ihre; und ihre Gefahr durch ihn, durch seine. — Ein Edelpage des Papstes hatte sich immer ihm sehr gefällig bewiesen, ihm manchen Vortheil verschafft, und um sich dafür bei ihm zu bedanken, hatte er ihm prächtige Pagenkleider machen lassen, jede Tasche voll Goldstücke gefüllt und sie in seinem Hause unter seinen

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Augen darein zu vernähen befohlen. Das rothe Baret lag auf dem grünseidenen goldgestickten Mantel, der die andern weißatlaßnen buntgeschlitzten Kleider bedeckte. In diesen männlichen Kleidern wollte er seine Beschützte ihrem Gemahl zuführen. Er sandte sie ihr auf das Zimmer; der gute Rath wurde genehmigt, das wenige geändert; und um die gesetzte Stunde trat ein bildschöner Jüngling, hocherröthet zu ihm ein, der sich verschämt in den Mantel wickelte, der die halben Schenkel bedeckte. So gingen sie denn, großgünstig und liebenswürdig. Aber vergebens. — Dschem war im höchsten Staat zur großen Audienz bei dem Papst. 
      Wie es ihr Schicksal nachher erwies, hätte sie bleiben, seine, obwohl späte Rückkehr erwarten sollen. Aber sie konnte vor Schaan? in den Kleidern nicht dauern. Ihr ward in der Leere des großen, zum Eintritt dienenden Saales immer voller, aus Sehnsucht immer bänger — und sie fing an zu weinen! — Als sie am Strande von Italien, ihrem Kerker, endlich einmal ihrem Bruder Roland zu Füßen gefallen war, da hatte der Griesgram, der leibliche und geistige Hagestolz, beschämt über ihre vermeinte Erniedrigung, und erzürnt über ihr Weinen, als doch nur wegen eines Mannes, ihr die herzzerschneidendsten Worte gesagt. Und Er, und Ieder, der nie die Bezauberung des Liebens und die Seligkeit des Geliebtseins empfunden, und nichts von der Berechtigung und dem Berufe des Weibes zur Liebe und zu Thränen geahnt, wenn er sie jetzt hier wiederum so weinen gesehen — er hätte sagen müssen: „O himmlische Lächerlichkeit der Liebe!

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Lächerlich in ihrem kindischen Bangen, lächerlich und albern in ihrem unbegreiflichen Trotz nach zwei ganz besonderen Augen, grade nach diesem Haar dieser Stirn, dieser Nase, diesen Lippen! in ihrem Bestehen darauf, in ihrem unverbrüchlich närrischen Harren, grade von diesen Armen umfangen zu sein! Lächerliche, eitle, überhebende, ja verächtliche Blindheit, kein anderes Schöne der Schönheit-vollen Welt nur zu sehen, geschweige alle ihre Schake für ihren Schatz zu nehmen! Eigenes, wahnsinniges Wesen! Und doch so Schweigen gebietend! So unantastbar, unberührbar — wie heilig? — wie beneidenswerth? —Was, o was fesselt Dich so? und fesselt auch mich so. Dich nur doch anzuschauen? O himmlische Lächerlichkeit der Liebe! Mich hat Gott bewahrt!“ — So hätte er sagen müssen. 
      Jene aber kehrten mißmuthig, aber noch liebenswürdiger, langsam und immer sich umschauend, aus dem Vatikan in ihre Villa; und als sie sich umgekleidet in türkische Frauenkleider, verbrachte sie die meiste Zeit in dem Garten.
      Am Abend war kein Rath, wieder in den Vatican zu gehen, am andern Tage nicht; und den dritten nicht. Denn Dschem hatte aus den Worten des Papstes entnommen, daß er noch, noch immer —und wer wußte, wie lange — ein Gefangener sei! Er hatte, zurückgekehrt, sich eingeschlossen, ließ keinen Mensch zu sich, und nahm kaum Speise und Trank. Der prächtige Einzug war ein Blendwerk für das Morgenland gewesen, das Gefängniß blieb die Wahrheit für Dschem. Sie erfuhren im Hause durch die Begleiter desselben, wie es ergangen. Der

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Großprior von Auvergne und der Botschafter von Frankreich hatten ihn eingeführt; der Papst hatte ihn in feierlicher Audienz vor feinem christlichen Hofstaat, mit dem versammelten Conststorium der Cardinäle, auf seinem, mit dem großen schönen prangenden Pfauenfedern-Rade geschmückten Throne empfangen. Dschem hatte das fürchterliche Oberhaupt der christlichen Kirche, deren Diener die Könige Europas sein sollten, auf morgenländische Weise höchst ehrerbietig begrüßt. Da erwarb er sich einen tödtlichen Feind, des Papstes Ceremonienmeister, deren Christus keinen gehabt; der Genuese Giorgio Bocciardo hatte von Dschem verlangt, er solle die Kniee beugen, nur Eins! oder doch nur den Kopf entblößen, was für den Morgenländer eine solche Schaam und Schande bedeutete, als wenn das züchtigste Weib im Hemde gehen sollte. Als Bocciardo, auf seine feste kurze Weigerung, ihm nach dem Turban gegriffen, war Dschem mit der Hand nach dem Säbel gefahren; und lächerlich furchtsam hatte der Ceremonienmeister sich geschwind auf den Boden geworfen und geschwind wie ein Kunststückenmacher sich fortgerollt. So war Dschem, mit dem vor Gott selbst nicht entblößten, sondern eben aus Ehrfurcht bedeckten Haupte, ohne sich nur zu verneigen, grade auf den Papst losgeschritten, hatte ihm zuerst die Schultern geküßt und dann allen Cardinälen, hatte sich stolz mit drei Worten dem Schuke derselben empfohlen, und begehrt, mit dem Papste allein zu sprechen. Das war geschehen. Und was dabei vorgefallen, hatte Dschem nachher in seinem Unmuth gesagt. Er hatte die Leiden siebenjähriger Gefangenschaft

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dem Papst nicht geklagt, sondern geschildert; er hatte ihm Mutter, Weib und Kind in Aegypten geschildert, seine nunmehr — nachdem er alles Andere verloren — gerechte Sehnsucht dahin. Auch, und vielleicht eben über die Verlorene waren seine Thränen geflossen; der heilige Vater, doch auch ein Mensch, wie Andere, hatte redlich mit ihm geweint um doch Etwas zu thun, da er ihm abgeschlagen nach Aegypten zu gehen, weil er dadurch die Besitznahme seines Thrones und Reiches aufgäbe, zu welcher der König von Ungarn seine Erscheinung an der Grenze von Rumili fordere. Und er, der Papst, müsse vor Allem fordern . . . . wünschen . . . . rathen . . . . meinen. . . . daß der neue Sultan zur christkatholischen Kirche übertrete und sich taufen lasse. Dschem hatte, zu ernst gestimmt, nicht lachen, nicht lächeln gekonnt, aber doch das unwiderlegliche Wort gesagt: „Katholisch werden, heißt mich vom Throne stürzen; mich in den Augen des Volkes zum Abscheu machen und mir mein Todesurtheil untersiegeln. ja verdienen. Denn meinen Glauben an Einen Gott verlasse ich nicht um das ganze Reich, nicht um die Herrschaft über die ganze Welt!“ — Innocenz hatte eingelenkt, wie sogar vernünftige Menschen da thun, wo sie nicht ankommen und durchzukommen verzweifeln, und nur dem Feigen, Irren und Schwachen es bieten. 
      Ueber alles Das war nun Dschem trostlos, statt sich der Kraft, der Weisheit, und seines Herzens zu freuen. 
      Da war sein treues, verloren gegebenes, aber ihm so ganz nahes Weib in die Einsamkeit des Gartens gegangen und verweilt bis die Sterne heraufgezogen.

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Da ging Jusufs Weib nach ihr; sie sahe sie nicht in den Gängen; sie fand sie an keinem Ruheplatz, Sie getraute sich zu rufen; sie horchte mit klopfendem Herzen — sie rief laut. Keine Antwort. Sie erschrak. Sie lief blaß und voll Angst zu Iusuf. Sie mußte in ihren Harem. Er ging mit Haider, bewaffnet wie immer, jetzt zur Vorsicht, zur Abwehr, zur Nothwehr. Es war ihr etwas geschehen! Sie hatte etwas gethan! wenn sie nicht drunten im Garten wo war und noch lebte. Denn im Hause, das eilig durchflogen ward, war sie in ihrem Zimmer nicht, und in keinem. Ja, sie hatte gesagt: „Ich gehe nur in den Garten, dann will ich zur Nacht essen.“
      Auch die Männer fanden sie nicht. Der Raum war endlich durchforscht überall. Da fanden sie die kleine, sonst festverschlossene Gartenthür nur angelehnt. Sie stießen sie auf. Sie sahen Spuren der Hufschläge von Pferden, denen nicht nachzufliegen war! die nicht mehr einzuholen waren. Und schien sie mit Willen entflohn? — Warum? Sie ersannen auch nicht den kleinsten Grund, Die Ecke der Mauer draußen umgehend, sahen sie stutzend eine kurze, stehen gelassene Leiter angelehnt. Hatten sie Männer geraubt? und Wer? Im Auftrage? oder ihr Bubenstück selbst ausführend? Aber wer kannte sie? oder schon? Oder kam es von einem Raschen, Klugen, der etwas thut, eh' es sich jemand vermuthet? Hatten die Räuber blos ihren am Leibe getragenen Schmuck stehlen wollen, und am bequemsten und kürzesten mit ihrem Leibe? Oder hatten sie den Leib, das schöne Weib gestohlen? Oder grade Dschems Frau, die doch für jeden Andern Lieblose, Feindliche,

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nur mit roher Gewalt Ueberwindliche, die nur Thränen und Wuth für den Räuber hatte? Oder hatte sich dieser wohl gar nur vergriffen — das fiel dem alten Jusuf in seiner Weisheit, jekt wegen seines Alters und wegen der Jugend und Schönheit seines Weibes ein; und sie war durch ihren Ruf der Schönheit in Rom ja schon Monde lang, den Neugierigen zum Aerger, in ihrer Verborgenheit selber bekannt; ja einige der edelsten Frauen hatten sie auch gesehen. Und galt es ihr — so war sie heimlich treulos, eine Betrügerin, des Todes werth, des Todes im Sacke, mit Katze und Schlange, um bei Katzeund Schlange erst inne zu werden, was eigentlich ein Ehebrecher ist und zu bedeuten hat. Aber sie war ja im Hause. Sie sollte verhört, gemartert mit Worten, eingeschlossen werden, und niemals den Garten, nicht die Schwelle ihres Zimmers betreten. 
      Was konnte Haider, der Dichter, dazu sagen! Ihn grämte seiner Herrin Verlust. Jetzt mußte er zu seinem Herrn! Jetzt konnte er wissen, daß seine Gemahlin Hebetulla in Aegypten gestorben sei. Jetzt sollte er wissen, daß seine Gemahlin aus Sassenage wiedergefunden, ja daß sie in Rom sei. Und wenn er vor Entzücken weinte, wenn er doch über ihre Treue und Liebe sich satt gefreut die Nacht und den Tag und die Nacht, wenn er heimlich nach ihr kommen wollte dann erst sollte er mit Schonung erfahren: Sie ist auch wieder verloren! Aber, wie alles Werlorene doch an einem gewissen Orte ist, gewiß noch in Rom! —Wenn sie nicht selber bei Dschem war! Wenn er lächelte zu ihrem Verlust.

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Denn daß Dschem vielleich doch von ihr erfahren, daß er vielleicht, des tiefsten Geheimnißes wegen, und wegen der künftig größten Sicherheit, selber sein Weib sich geraubt, die man ihm schon und so lange entzogen, das schien dem alten Jusuf, als einem Gesandten, sehr möglich, dessen Stellung immer erfordert, jeden Menschen stets in Verdacht zu haben, um von Keinem betrogen zu werden, vor Jedem gesichert zu sein. 
       Aber Dschem lächelte nicht. 
      Bei der ersten Nachricht: „Sie ist in Rom,“ war er stumm vor Entzücken, sprang auf, um ihr entgegenzueilen; bei der zweiten Nachricht: „sie ist auch wieder verloren,“ erblaßte er, stumm vor Erschrecken, Dann hätte er lieber alle Glücken läuten, alle Trommeln wirbeln, alle Pferde satteln, alle Ritter aufsitzen lassen; bis er sich faßte und bedachte, daß sie dem Kloster schon übergeben gewesen sei — und er ließ sich wenigstens ihre Kleider bringen, die er küßte, an sein Gesicht, an seine Brust drückte, sie wehmüthig betrachtete, und zu seinen theuersten Dingen bewahrte. — Er hätte sein eigenes Weib selber nur heimlich, ganz heimlich und noch verkleidet, bei sich zu haben — den Franken, den Christen, dem Bruder getraut, wenn sie nicht leiden, nicht die schmerzlichste Kette werden gesollt, ihn zu binden, oder aufs Herbste zu peinigen. Ietzt, da sie fort war, blieb auch nur heimlisches Forschen gerathen und sichrer, und er verschwendete das Gold an seine vertrautesten Freunde, an Haider, als Dichter mit allen Gefühlen des Menschen am Born der Gefühle und Leiden und Freuden der Menschen lebend, nämlich in seinem Herzen! Dann an Sinanbeg, Ajasbeg.

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und vor allen an den getreusten und weltklügsten, an Chatibsade Nassuh. Dann befahl er sein armes unglückliches Weib seinem und ihrem Gott, wie seine ganze Sache. Ein klagender Unglücklicher ist noch ein Thor, und darum noch nicht so unglücklich, wie er werden kann.“ Er aber und seine Freunde hatten schweigen gelernt, obgleich das Schicksal das Sprüchwort höhnte, und auch dem Schweigenden erst das größte Unglück vorbehielt und vorbereitete. Es fanden sich Mittelspersonen zu leisen vorsichtigen Ausforschungen — ein Türke, der vor Jahren bei Dschem, in Nizza, türkische Bubenstücke verübt, den er mit Noth aus der Hand der Richter gekauft und nach Rom entfliehen geheißen; dann der Barbier des Jusuf, der über seine Gänge aber sonderbarerweise einst verloren ging, nicht wiederkam, und an dessen Stelle sich Mustapha, der Barbier des türkischen Gesandten, bei Jusuf meldete, und erst angenommen ward, nachdem der vorsichtige, diesmal aber dennoch schrecklich betrogene Jusuf sich erst überzeugt hatte, daß Mustapha sich mit dem türkischen Gesandten entzweit hatte, und vor allen Leuten aus dem Palaste geprügelt worden war. Der Mann war zu brauchen! Und doch hatte es der türkische Gesandte darauf abgesehen, den zu Allem fähigen Barbier Mustapha, durch Jusufs Haus erst als treubefunden, in den Vatican zu Dschem zu bringen. So fehlte denn nun auch schon unbegriffener Weise die zweite Person aus Jusufs Hause und beide blieben verschwunden. Im Kloster von Trastevere war keine Nonne aufgebracht worden. Die Rechtgläubigen lernten die Verdächtigen von Rom nur

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durch die gemeinen Leute, durch die Volksstimme kennen, und das Volk nannte den Grafen Cibo, den Sohn des Papstes, die Söhne des Cardinals Borgia, den Valentino und den Cesare Borgia, die sich, als die Söhne der mächtigsten Männer der Stadt, wie gewöhnlich, vor Stolz und Uebermuth nicht kannten, verübten, was ihnen nur in den Sinn und in die Sinne kam, und jeglicher Strafe und Nachrede lachten, und noch frische Schandthaten mit noch ftischeren bedeckten und fo sie vergessen machten. Als Jusuf aber Mustapha, den Barbier, annahm, schloß er seine Unterhaltung mit Haider grade mit diesen Worten, die der Barbier, der Probe barbirte, mit anhören und gleichsam sich selber sagen lassen mußte: „Die Habgierigen, Wollüstigen und Rachgierigen, selber die Mörder und Mordbrenner, zeigen sich überhaupt als die eigenmächtigen Herrn von Hab und Gut, von Ruhe und Glück; diese Schakals der friedlichen Heerde des Volkes, diese Pest, diese Pestkranken und Pestbeulen in allen Landen, diese Rücksichtslosen und Frechen erscheinen — aber scheinen nur — die freiesten Menschen, die allen Gesetzen und Richtern und Herrn zum Trotz und zum Hohn, diesen ungewußt, also von ihnen ungehindert und unhinderbar. ihre Schandthaten überall, und andere immer wieder, vollbringen; da Niemand Gedanken spießen und einkerkern, Niemand in die Herzen sehen kann, nur bei oder nach der That sie ergreifen und strafen. Eine Gerechtigkeit und ein Ersatz, mehr für den Himmel und die Hölle, als für die meist auf immer unglücklich gemachten oder geopferten Menschen!“

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Mustapha, der Barbier, während dieser Worte des jetzt in seine Macht gegebenen neuen Herren dachte: „Du verdienst auch die gefährliche Gewalt eines Barbiers über Leben und Tod zu erfahren, Kahlkopf! Aber ich verschlage mir meine weitern besseren Kunden dadurch! Du bist mir zu gering! nicht einmal eine Ehrenstufe — und wirst mir nicht bezahlt!“ 
      Das wußte nun auch der Gesandte nicht, so wie Niemand wußte, daß der Barbier auch heut um die Dämmerungstunde in die, dann einsame Kirche der Griechen ging. Er hatte in der Straße Condotti heimlich sich eine Wohnung genommen; darin legte er, wie einen bloßen Carnevals-Maskenanzug, die Türkenkleider ab, trat sie mit Füßen, zog sich wieder einmal als Griechen an und ging so in seines Gottes und seiner Göttin Haus zu der Panagia. Dort nun war ihm erst wohl, wo das zauberische, als Kind schon angestaunte Rubinlicht der Lampe ihm wieder ins Auge strahlte, wo die, wie eine Riesin, oder ein mächtiges übermenschliches Weib aus der Sonne oder dem Monde erscheinende Panagia, aus dem schimmernden Golde des Grundes mit ihren geisterhaften, großen schwarzen Augen ihn ansah! Da regten sich ihre Lippen; ihre nur durch Umrisse angedeutete hohe Gestalt, die der Capelle ganze Wand von der Erde bis unter den Bogen des Gewölbes einnahm, erfüllte sich mit Kraft und Leben, mit Geist und Blut, mit Gesinnung und Sprache für ihn. Die Heilige war leibhaftig da, sie hörte ihn, sie blickte wehmuthsvoll in feine Wehmuth, seinen unauslöschlichen Gram um das verlorene Vaterland;

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denn er weinte und trauerte um Constantinopel, wie je ein Jude um Jerusalem. Denn Er und sein Geschlecht empfanden und sahen erst jetzt ganz klar und ganz schrecklich die Folgen von der Griechen vollendeter Unterjochung. Die Eroberung selbst war an dem gemordeten und gefangenen Geschlecht wie eine bittere, bittere Sterbestunde, zwar, doch auch rasch vorübergegangen Staunen und Schweigen und tiefste Versunkenheit nahm alle die Uebriggebliebenen ein, und ging aus den Herzen der armen Mütter und Väter in die Herzen der Kinder und in die, noch wie zum Hohne geborenen Säuglinge über. Und allein nur die Wehmuth war der Geist des als Schatten lebenden, lebendig begrabenen Volkes, und die blühende grünende Erde mit blauem Himmel und Sonne darüber — nur ihre Unterwelt! 
      Um Mustapha, den Barbier, in seiner wahren Kraft, Schlauheit und Bestrebung erscheinen zu lassen, sagen wir nur, was er betete, und das, was er als Antwort von der Göttin durch sein Herz heraushörte. Denn es ward erfüllt, seine innere Gegenwart ward äußere Zukunft, und die Geschichte bewahrt und bezeugt es. Er betete hingeworfen am Boden mit gerungenen Händen: „Du Allerheiligste, Beschützerin meines Volkes, so lange sein Hirt nicht von Dir abfiel, siehe mich hier in der Fremde zu Dir, und heimlich beten! Du vermagst Alles — laß in dieser Stunde den Schlag gelingen! Mische Dich nur nicht darein, aus zu gutem Herzen! Denn eben der Papst von Rom hat Deinen Griechen das Grab gegraben; und jetzt freuen sich die Kinder des Sultans, der die Stadt

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und das Reich erobert, des Raubes, Sie thäten noch alles heut, wenn es nicht schon gestern geschehen wäre! Erbarme Dich nur der Bedrängten allein! der Bedränger und Bedrücker aber erbarme Dich nicht!“ 
      Und auf seine Göttin hinstarrend. hörte er die Worte: — „Geduld! Du sollst das Reich Deiner Feinde beherrschen, und Deinem Volke die unabwerfliche Last erleichtern. Was meines Sohnes Vater thut, das thut er nicht eitel! Gott thut auf immer und ewig; auch als er nur die Rose schuf, wie Du nur Eine mir heute geweiht!“ — 
      Die Antwort war ihm nicht recht; so dankte er auch nicht recht; aber dennoch ging, oder schlich er vielmehr, seine Zukunft schon in sich fühlend, ihr unbedenklich und unermüdlich entgegen. Er hob wieder seine griechischen Kleider und sein Betzeug, wie uralte Kinderschätze jenes ersten Menschen, der ein Grieche war, sorgsam auf, legte den Türken wieder an, und war Mustapha, der Barbier. Der Schlag gegen Papst und Türken, seine beiden Todfeinde, war gefallen. Aber wie ausgefallen? Er mochte nicht fragen, ja nicht hören, um nicht zu lachen, zu jauchzen. Er ging zu Bett. 
      Am andern Vormittag wurden alle fremden Gesandten, der Gesandte von Constantinopel, von Ungarn, Spanien, Frankreich, Neapel, Venedig und Aegypten zum Papste geladen, um in dem Vatican in den Kammern des Gerichtes der Folter eines läugnenden Verbrechers beizuwohnen, und, wie die verheimlichte Absicht des Wunsches ihrer Gegenwart war, durch Haltung, Bezeigen, Gesichtsfarbe, durch Worte oder durch Schweigen sogar, den angestellten

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Beobachtern kund geben: Wer das mißlungene Verbrechen veranlaßt, oder, wenn es muthmaßlich nur Derjenige war, welchem das Gelingen nützlich sein konnte, diesem eine Warnung und unausgesprochene Strafe zu geben. Und gewiß war nur den Türken am nützlichsten, wenn Dschem todt war und der Papst todt war, die Seele des Krieges, jetzt gegen die Türken, wie gegen die Mauren in Spanien, 
      Alle erschienen in dem wohlgeschmückten Nebenzimmer der Folterkammer, und fanden ein prächtiges Frühstück aufgetragen. Der Papst und Dschem waren gleichfalls zugegen. Sie alle hörten bei guter Speise und edlem Trank aus der Folterkammer herein das endlich ausbrechende Stöhnen eines Mannes. Nach langer Zeit erst wieder ein Wimmern. Dann schien er diese Marter gewohnt zu werden, und er fluchte erst, als die Elbergen eine neue anwandten. Wieder nach Langem erst fing er an auf Italienisch zu beten, ja er sang vor Schmerz und Wuth und innerem Hülfedrang sogar eine Strophe eines Abendgesanges an die Madonna, „um guten Schlaf.“ Darauf ging die hohe Gesellschaft sammt und sonders hinein, Jeder, so unmerklich sein sollend, als möglich, von dem Andern mit leiser Schärfe beobachtet. Unsere Freundin würde den auf der Folterbank ausgestreckten Mann sogleich von Ripa grande her erkannt haben. Es war Macrino del Castagno, der sich ein Stück Geld verdient. Er lag, wie eine Leiche blaß, die Augen waren ihm in der kurzen Zeit schon eingefallen und hohl, und ihre Sterne standen weit hervor; die bleichen schmalen Lippen bedeckten die Zähne nicht mehr.

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Hin und her bluteten seine bloßen Arme ein wenig nach, seine Brust dampfte noch, wie von Räucherkerzchen, von darauf angebrannten Stoffen, und Wohlgeruch von köstlichen Spezereien verbarg das menschenbranstige Wesen im Zimmer. Der Papst und der arme Dschem als die gewiß Unschuldigen, konnten sich nicht überwinden, ihrem Feinde zu nahen. Denn an ihnen hatte gestern der Doppelmord vollbracht werden sollen, die Vergiftung durch rothen Scherbet, als sie beide im Garten des Vaticans zusammen gewesen. Aber Dschem hatte den Papst errettet und sich, weil er, nach Weise der Sultane, auch dies Getränk erst von dem armen Haider kosten lassen, der noch davon krank lag, aber ohne Todesgefahr. Nur Mustapha, der türkische Gesandte, der wirklich auch den armen Macrino erst hier als Ausführer der That fand, trat nahe zu ihm, redete mit ihm, hieß ihm zu gestehen, besahe die Marterwerkzeuge, um, wie er sagte, diese unschätzbare Erfindung der Folter auch bei sich zu Hause einzuführen. Macrino nahm sich, von solchen hohen Herrschaften beehrt, wie ein alter Römer zusammen. Die Knechte strengten sich frisch wieder an, sich und ihrer Kunst Ehre einzulegen. Man führte, als eine Seelenfolter, Macrino's, einer schönen Mänade ähnliches, Weib herein, und seine beiden kleinen Kinder, ein Mädchen und einen Knaben. Jetzt, da Maerino schon, das Verbrechen begangen zu haben, eingestanden hatte, sollte er nur noch gestehen: Wer es ihm aufgetragen. 
        — „Eine Maske;“ sprach er mit Wahrheit.

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       Die wiederholt gegebene, ihm nicht anders mögliche Antwort genügte nicht. Die Knechte strengten ihn an. 
       Sein Weib schrie vor Entsetzen und Mitleid, sie bat ihren Mann, sie kniete besonders vor Jedem der gegenwärtigen Herren nieder, wand nur die Hände, aber neigte das Haupt und konnte nicht reden. 
      Die Kinder schrien über das Jammern und Schrein der Mutter; sie hob sie auf ihre beiden Arme empor, damit sie der Vater sähe. 
      Aber der Vater schloß vor ihnen die Augen zu und starb; und die Knechte, die ihn für schon so erschöpft nicht hielten streckten den von selbst in den Tod sich Streckenden noch länger aus. 
      Als Mustapha, der Gesandte, sahe, daß er todt war, gab er durch großes Bedauern ein Zeichen; aber das Bedauern galt nur dem Mißlingen der mit 30 römischen Thalern pro Kopf bezahlten That. Der Gesandte war vom Sultan gekommen, um mit dem Pabste den Vertrag über das Kostgeld für Dschem, mit 40,000 Zechinen jährlich, abzuschließen. Der Großmeister von Rhodus hatte schon über 300,000 Zechinen erhalten. Das lockte den Einen und trieb den Andern, Wohlfeiler aber war es: den Kostgänger mit dem Kostgeber wegzuschaffen; besonders, da der Türke glaubte, das Frankenland, Europa habe nur Einen Herrn, der seine Leute nur zusammenzupfeifen brauche, und dieser Herr sei der Papst. Und in der That hatte der Papst schon die größten Zurüstungen zu einem Vergeltungskriege für die Eroberung von Constantinopel gemacht, gefordert, zugesagt erhalten; alles Geld, sogar geborgtes, und Geld

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für Erlaß von Sünden darauf verwendet; Cardinal d' Aubusson sollte als Admiral die Flotte führen, und der Tod des Papstes hätte die äußerste Gefahr mit Leichtigkeit sicher in Freude verwandelt. Oft nur zwei Augen zu, und eine neue Welt geht auf. 
      Dschem weinte beim Anblick des armen Weibes, bei dem Anblick der wieder ruhigen Kinder, die zu dem unbegriffnen Verlust des Vaters nur mit jenem heiligen Schweigen und der himmlischen Unwissenheit und dem unsterblichen Lebensgefühl der Kinder schwiegen. Er beschenkte sie alle Drei mit vollen Händen, er bat ihnen mit Hand und Wort — den Vater ab, an dessen Folter zur Ehre der Andern er ganz unschuldig war. Bocciardo, der Ceremonienmeister, führte die schöne, leise weinende, nun verwittwete Frau und die armen Waisen mit kaum bemerkbarem Lächeln fort. 
       Aber nicht nur diese That war allen unbewußt aus dem geheimen Sinnen und Wollen in den Tag getreten, sondern jetzt erschien auch aus dem Dichten und Trachten des Königs von Frankreich, Karl VI., der Krieg mit dem Papst und Italien, dessen Eroberung nur ein Schritt zu andern großen Entwürfen des Königs sein sollte. So kam dies Bündnis zum allgemeinen Kriegszug gegen die Türken noch nicht zu Stande, In Florenz kam wieder aus dem geheimen Sinnen und Wollen des Volkes die Veringung der Mediceer zur Welt, die die schweren Gaben der Stadt und des Landes verbaut, vertempelt, vermalt, verklöstert, verjagt, verstaatet und verschmauset hatten,

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blos zum leeren Augenschmause der Kostenträger. Pisa wiederum fiel von Florenz ab. 
      So gingen wiederum fast tausend Tage für Dschem verloren. Aber schon lange regte sich in ihm der menschliche Wunsch: frei zu sein, im Vaterlande zu leben, ja nur am Leben zu bleiben. Wenn er leiblich als Mensch umkam, war auch der Prinz, der Sultan zugleich in ihm todt. Darum hielt er einen geheimen Divan mit seinen Freunden, worin sie berathen wollten: ob er sich nicht seinem Bruder, dem Sultan Bajesid, unterwerfen sollte, auf Gnade wahrscheinlich, nicht auf Ungnade, da Bajesid die Friedensliebe selbst war, ihr die größten Opfer brachte und lieber Gedichte machte. Dschems Freunde sollten aus ihrer Mitgefangenschaft erlöst, an des Sultans Pforte gehen und thätige Männer sein. 
      In diesem Ratte sprach Dschem lächelnd: „Auch erwachsene Männer sind noch wie Kinder, die im Spiele sagen: jetzt muß ich das thun! jetzt muß ich das haben! jetzt muß ich das sein,“ So müssen auch die Großen jetzt das thun, jetzt müssen sie das haben, jetzt müssen sie das sein! Und das ganze Müssen ist nur eine Einbildung des Spieles, des spielenden Kindes. So spiele ich fort und muß! Aber muß ich spielen? Den Reichserlxn! Den Bruderbedroher! Den Schlächter so vieler Menschen, die um meines Spieles willen fallen müssen, auch müssen! Diese spielenden Armen, die auch die Armen, die Gehorsamen, die Arbeitenden,

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die Handlanger *) der Sultane spielen, die Jaja die zu Allem ja sagen und müssen. So spielen sie Alle! und das Kind des Bettlers spielt schon mit des Vaters Bettelstabe und seinem Bettelsacke den kleinen Bettler, wendet sich schalkhaft um, und bettelt den Vater an, und der Vater lacht! Ich aber muß weinen. Wie des Bettlers Knabe vom alten Varer Bettler die Gesinnung und die Gewohnheit zu betteln als einzige Verlassenschaft geerbt, so habe ich von meinem Vater Mohammed die Wuth zu herrschen geerbt, die Herrschsucht, nicht die Unterthansucht, die allgemein mögliche, die mir am Ende auch nur bleibt mit einem Wort: der Gehorsam! Ich will, ich kann nicht gehorchen — selber im Schlafe, im Traume befehle ich, Schiffen, Heeren, sogar dem Meer und den Bäumen und Bergen! Der Segen aller Kinder, die süße Gewohnheit, gesinnt zu sein wie Vater und Mutter, die sind mir ein Fluch, eine Verachtung, die ich verachten sollte, und endlich auch muß! Denn ich spiele nun 3000 Tage den Gefangenen und hab' ihn gelernt; ich weiß alle seine Gewohnheiten; ich trete seine kurzen Tritte, ich stehe an den Fensterscheiben, ich sehe den Himmel an und zähle am Tage die Wolken, des Nachts die Sterne — o ich kann Alles! von der aufgetragenen Speise weggehen und schon vor Sonnenuntergang zu Bett gehen — ich kann auch nicht schlafen! nicht hoffen! nicht beten! nicht vertrauen! nicht dichten. So bin ich denn aus und zu Ende!
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*) Auf türkisch heißt ein Handlanger ein Zaja,

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Der Sultan ist aus! Das Ei, darin ich stecke, wird nicht ausgebrütet! Der große Vogel hat es aus dem Neste geworfen, und die großen Ameisen können es nicht wieder hineintragen! Der Ibis hält es für ein Krokodillei für seinen Schnabel; der Ichneumon will es aussaugen. Aus Hoffnung, Padischah zu sein, bin ich in der Wirklichkeit schlechter als der Wolf im Walde und als der Löwe in der Wüste, Denn auch verfolgt, sind sie doch frei; die Wüste und der Wald gehören ihnen, und sie entrinnen mit Weib und Kind. Selbst der Bär trägt auf der Flucht seinen Herrn Sohn in den Tatzen bis in die neue Sicherheit und Freiheit. Alle Menschen reden von Hoffnung, aber keiner bedenkt, wie weise die gemeinen Leute hoffen. Sie hoffen vom Grunde ihres kleinen Hauses und von den Ihrigen aus. Ihre eigene Thätigkeit und Freiheit, Weib und Kinder sind immer in ihre ehrliche menschliche Hoffnung eingeschlossen. Nur mit diesen, nur in einem bequemen Leben wollen sie leben; Menschen zu sein und zu werden, hoffen sie; das ist die Hoffnung der gemeinen Fellahs, der Bauern, der schlecht so wie Spreu geachteten, aber durch Gottes Eingebung weisesten, glücklichsten Menschen. Ich aber, nunmehr ein Thor, hoffe ohne Grundlage, ohne die Schake der übrigen Menschen, Uebrige Menschen! Bin ich vielleicht nicht übrig? Wie ich sehe — das Reich der Rechtgläubigen steht und gedeiht ohne mich. Da sind Erndten von der Erde. Sonnenschein und Regen vom Himmel. Bin ich auch ein Sproß aus dem Stamme der Herrscher, so bin ich doch, wie ich sehe, an meinem Verdorren;

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ich bin nicht der Sproß, der an des alten großen Baumes Stelle wachsen und Früchte tragen soll. Und so ergeht es mir nur wie Millionen Blättern am Baume des Reiches. Ich kann noch ein guter Zweig sein, ein gutes glänzendes Blatt. Die Gabe zu dichten ist mehr werth. als Reich und Krone, Mein Ruhm als Dichter wird neben allen Sultanen dauern, und manchen Rohen überleuchten, wie der Abend ern die Johanniswürmchen im Grase. Ich habe noch eine Mutter, o Gott, Du Gnädiger! Ich habe noch eine Tochter, o Golt, Du Freundlicher! Mein Weib, meine Sassenage, kann ich noch finden! sie ist nur verborgen, nicht verloren, sagt selber ihr einstiger Feind, ihr Bruder Roland, nun ihr Freund, Sucher, Rächer; denn eines Bruders Ehre wird in der Ehre seiner Schwester gekränkt und geschmäht. Lasset denn mich nach Aegypten ziehen! oder nach Jerusalem! Ihr aber, meine Freunde, ziehet nach Constantinopel zum Padischah! Du, mein Haider, machst hier nur Gedichte voll Sehnsucht und Trauer, indeß Dir die Lebenslust noch aus den Augen blitzt. Der Dichter gehört in einen edlen Kreis, wo Großes und Schönes geschieht und gelebt wird. Mein Bruder weiß, daß die Dichter zuerst und zuletzt blos, den Fürsten das Leben erheitern und ihnen ewigen Ruhm gewähren für einfältige armselige paar tausend Zechinen, die sie doch sonst auf Pferde und Hunde verschleudert hätten. Du, Sinanbeg, bist das eingerostete Schwert der Tapferkeit, Bajesid wird dich aus der Scheide ziehen, du wirst blitzen und muthig sein, Mauern und Vesten erstürmen.

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Du, Ajasbeg, und Du, Dschelalbeg, Euch erwartet Größeres als mein armes Grab! Hüllt das Vaterland nicht in ein Grab! Deine Treue, Chatibsade Nassuh, ist eines bessern Lohnes werth, als heimliches Seufzen und die Faust in der Tasche zu ballen. Selber Du, mein treuer Barbier, mein Mustapha, Dir stehen große Dinge bevor, wenn ich Menschen kenne, und die Eiche aus der Eichel, und den Sprung des Löwen aus seinen Blicken erkenne. Gehe, barbiere den Sultan!“ 
      Die Freunde hätten bald gelacht über diesen Schluß ihres von der rechten Hoffnung heiter gewordenen Gebieters. Aber sie sagten ihm alle: „wir bleiben Dir treu bis zum Tode!“ 
      „Gut,“ sprach der arme Dschem; „ohne Euch kränken zu wollen, sage ich Euch, dann wird Eure Treue vielleicht nur noch kurz sein!“
      Als unübersteigliches Hinderniß der Hoffnung des armen Dschem erwies sich aber seine Gefangenschaft. Denn sie waren noch nicht auseinander gegangen, als er schon durch Wachen in die Engelsburg abgeholt ward, weil der Papst auf dem Tode liege. 
      Wenig Tage zuvor hatte der Papst endlich das Bündniß zum Türkenkriege zu Stande gebracht. Der türkische Gesandte hatte ihm bei der Abschieosaudienz sogenannte redende Geschenke vom Sultan Bajesid aus dem eroberten Reliquienkasten verehrt: das Rohr der Verspottung, den Schwamm der Tränkung und die Lanze der Durchbohrung am Kreuze. Aber der arme Dschem hatte auch dem Gesandten ein Schreiben an seinen Bruder,

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den Padischah, mitgegeben, worin und wodurch er sich ihm völlig unterwarf, und: „nur ein Blatt am Baume des Volkes zu sein,“ mit herzerweichenden, einen Stein rührenden Worten den Bruder gebeten. So wie er schon längst bei der Rückkehr des ägyptischen Gesandten Jusuf dem Sultan seine einzige Tochter zugesagt und den nun verlassenen Barbier Mustapha zu sich genommen hatte, der eben auf die Heimkehr des Gesandten schon lange seine Berechnung gemacht hatte. 
      Aber auch der neue Papst Alexander Borgia mußte sich in die Engelsburg retten, da der König von Frankreich vor Rom kam und es eroberte. Eilf Tage saß er darin in Todesangst und brütete doch Tod und Angst und Mord und Rache. Da ward er erlöst durch den Frieden, laut welchem er, gleichsam als die siegbringende heilige Fahne des Propheten, den armen Dschem dem Könige ausliefern mußte. Der König Karl, Borgm und Dschem kamen zusammen; Borgia, der ihn im Mitgefängniß, der Engelsburg, nur den armen Dschem genannt, und ihn nur, wie ein Jude den ungeschliffenen unschätzbaren Diamant, angesehen hatte, nannte ihn vor dem Könige „Prinz“; aber Dschem nannte ergeben sich nur einen armen Gefangenen. Der Papst konnte auch beschämt scheinen, und übergab ihn, als einen großen Schatz, dem Könige, der ihn wiederum seinem Hofmarschall mit der flachen Hand zuwies. Schon den Tag darauf brach Dschem von Rom nach Veletri auf, wohin ihn der Sohn des Papstes Borgia, Cesare Borgia begleitete, und fünf Tage dort bei ihm blieb, bis das

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französische Heer weirer nach Neapel zog; denn es hatte indessen Blutarbeit zu Monte fortino zu thun, und zu morden in Monte san Giovanni. 
      Hier in Veletri, dem Geburtsort des Kaisers Augustus, lösten sich nun die Tinge; oder die langen und weither gesponnenen Fäden vereinigten sich hier in ein Cocon, das wie dem Seidenwurme, durch seinen eigenen Fleiß und aus der schönsten Hoffnung gesponnen, dem armen Dschem zum Sarge ward. 
      Denn gleich am späten Abend des ersten Tages ihres Aufenthaltes kam der Papst Alerander Borgia in aller Stille in den Palast Borgondio gefahren, der nach Neapel gehört und den Dschem und der Sohn des Papstes, Cesare Borgia, bewohnten. 
      Als der Sohn den Vater bei sich eintreten sah, rief er erstaunt, wie die Kinder sogar zur Carnevalszeit rufen, wenn die Leute einander die Moccoli zu Nacht ausblasen „Eh, sia ammazato, Signor Padre“ (Daß du ermordet werdest, Herr Vater!) 
      „Nun, nun,“ sprach der Vater, „wir haben noch nicht Carneval! Setz' ich mich erst!“ Dann sprach er leiser, wegen der Ohren der Wände: „Ein Mann wie ich, bewegt sich nicht ohne Noth! Pah, Noth! eine kleine Mühe! für Dich! Du machst das am besten, und hast Deine Leute; ich will meine Leute dasmal nicht geben. Lasse den Dschem doch geschwind vergiften! — eh' das Heer ihn uns fortführt!“l 
      „Und deswegen,“ sprach Cesare Borgia bedauernd,

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„läßt sich Deine Heiligkeit 48 Miglien im Kasten her rumpeln, und 48 Miglien heim rumpeln!“ 
      „Heilige Jungfrau, das muß ein Papst gewohnt werden!“ sprach der Papst lachend. 
      „Hätte ich es nur gestern gewußt!“ bedauerte Cesare; „in Rom, bei so vielen Menschen, kann der Verdacht auf Hunderte fallen. Hier riechen sie uns einmal heraus.“ 
      „Einmal! — — nach unserm Tode — also Keinmal!“ entgegnete der Papst. 
      „Mir kommt es übrigens recht; seine . . . wie soll ich sie nennen . . . sie nennt sich sein Weib, und ich muß es glauben, da sie so lange und rasend mir widerstand, wirklich bis zur Raserei und zur Krankheit. Also meine ich — Punktum! Eine Wittwe hält selten die Treue und seltener die Liebe. Also!“ 
      „Es freut mich, daß unser Vortheil zusammengeht, mio Caro; Vortheil sag' ich! Denn dreimalhunderttausend Dukaten baar für ein Rattenpulver, das ist ein guter Apothekerhandel! Höre nur: Du kennst den ewigen Ceremonienmeister, den Narren in David, den falschen rachsüchtigen Genuesen Giorgio Bocciardo, der sich damals aus Furcht vor Dschem wie eine Mühlwelle auf dem Teppich fortrollte, nun der! Er trug Rache im Herzen; so ein Mensch ist kostbar, darum hatte ich ihn an den Sultan nach Constantinopel geschickt — den der Teufel holen soll oder sollte, wenn einer wäre — um mit ihm zu unterhandeln. Vierzigtausend jährlich für Dschems Wasser und Brot, das heißt: Leben; oder

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dreimalhunderttausend, versteht sich, Zechinen, einmal für allemal für Dschems Tod, ein für allemal. Ich bin arm wie eine Kirchmaus; die Mauren in Spanien aus Motten, damit wieder Schaafe dort wandeln und blökken. sich melken und scheeren lassen, hat viel Geld gekostet — die Schatzkammer also ist zu vermiethen, wie Marforio, der privilegirte Pasquillant, sehr wahr gesagt hat. Der Kerl hat Einsicht und Geist. Ich will bauen, eine Peterskirche, so groß wie ein Haus! Jeder Papst muß doch etwas zur Ehre Gottes vor Leuten thun, um in das Register der Welt zu kommen, das Niemand liest. Ich habe schwere Dinge in Deutschland auszufechten und auszuführen, die Millionen kosten, die Andere geben sollen, müssen und werden. Aber ich brauche doch das Bestechungsgeld oder die Erkaufsumme solcher pecora und Halunken, welche dann den Andern die Beutel schütteln. Summa summarum auch leben! Und Du sollst leben, Cesare! und Valentine soll leben! Also die dreimalhunderttausend Dukaten sind Etwas! Leider Alles! Denn der Schlingel von treuem Diener, der Präfekt von Sinigaglia, Giovanni da Rovere, solche Namen merke ich gleich, der Diener meines Feindes, des Cardinals Giuliani, hat Bajesids Gesandten mit den achtzigtausend Zechinen, zweijährigem Kostgeld für Dschem — mir weggefischt, sag' ich Dir! klag' ich Dir! Der König von Frankreich hat mir den Fisch, den Dschem, sogar aus dem Netze genommen; nun bleibt mir kein Einkommen durch ihn mehr möglich, als durch — mein Haus- und Magenpulver. Hier hast Du

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qantum satis! Accidenzen sind bei jedem Amt, warum nicht bei meinem? Und die Fabel von Christo hat uns schon viel eingebracht. Sage das Wort nicht weiter — es entfuhr mir so, — sonst kommt es sogar in die Weltgeschichte. Welchen Punkt von beiden nun der Bocciardo vom Sultan approbiren lassen würde, das wußte ich voraus, darum schickte ich ihn — und hier hast Du den Brief vom Sultan Bajesid an meine Heiligkeit*); er empfiehlt mir sogar einen gewissen Bischof zum Cardinal! Nun — pour la rarité du fait — er soll es sein! Der Sultan stößt mir einmal einen Patriarchen dafür im großen Mörser!“ 
      Der Sohn des Papstes gab seinem Vater für dessen Brief den Unterwerfungsbrief Dschems an seinen Bruder Bajesid, mit der Bemerkung: „Mustapha, der Barbier, hat ihn glücklich dem Gesandten weggeblasen. Aber da fällt mir der Barbier ein! Die Barbiere im Morgenlande sind auch die Apotheker und Chirurgen, sie haben und halten Geheimnisse, der Kerl hat Gifte, küssenswerthe! Deuchtolorur! Und ein Insekt zum Goldeinfassen!“ Er klingelte und hieß dann den Barbier herbeirufen — „Nicht herbei schreien!“ sagte er, und der Kammerherr verstand. 
      Indeß hielt er eine ganz neue kleine Skizze zu einem Weltgericht — das sein Vater, der Papst, nach seinem Worte doch malen lassen wollte, damit es irgendwo sei und werde — und sprach in Gedanken: „Cosa funeate!
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*) siehe Roscoe: Leo X., und Burchard.

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— si succedesse!“ (Eine furchtbare Sache, wenn es einträfe!) 
      „Bist Du auch noch ein Narr, mein Sohn?“ sprach der Vater Borgia. „Nur die Seele der Unglücklichen und ihr — quasi — heiliges Rechtgefühl fordert ein Weltgericht. Zahllose Heerschaaren Unglückseliger, ganze erniedrigte Völker sind dahin gefahren, wo alles gleich gut ist, und nur der über der Erde denkende schwebende Geist mitleidiger — rechtsgelehrter — Menschen, fordert für sie noch das Weltgericht. Aber ist denn die Menschheit in ewige Knechtschaft geworfen, in die Folgen des Unrechts, das sie leidet und thut? — Wir suchen nur redlich, sie so lange wie möglich zurückzuhalten zu unserm Besten! Mit Schrecken sahe ich: Jedes Geschlecht wird besser, klarer, gerechter; ihm geschieht immer weniger Grauses — es verübt immer weniger Grauses. Denn ein fester aufgeklärter Geist duldet nicht das Unrecht und übt es nicht aus! Und somit verlischt denn nach und nach — pianin' pianino — jene uralte, aus Sünden entstandene Forderung der unglückseligen — Schächer, durch ein bloßes besseres Leben glücklicher Menschengeschlechter. Und das letzte gute Geschlecht wird vielleicht kaum die Seligkeit fordern, geschweige das Weltgericht. Du stehst also, es muß noch lange bestehen! Ich brauche es! ich brauche es! Und ich lasse es glauben, ja malen. Imo — ich lasse sogar seinetwegen Ablaß aller Sünden verkaufen für ein wirkliches Spottgeld — zum Bau meiner Peterskirche. Nun sei kein Narr! Missa est concio!

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      Er zog sich zurück, kurz zuvor ehe Mustapha, der Barbier, eintrat. Dies Mal im Innern etwas bang, denn er hatte Dschems geraubtes armes Weib und ihren Aufenthalt ihrem Bruder Roland verrathen, oder wiederum verkauft, denn er verlor nun nichts mehr an Borgia, da sie fortzogen, und jeder Papst war sein Todfeind. Cesare Borgia konnte darüber ermordet werden. Aber die Befreite konnte schon hier sein, wenn Roland sie ihrem Dschem zurückgab, da auch ihr guter Bruder Armand mit ihm war. Darum war ihm unheimlich. Er sahe aber mit einem halben Blick: Cesare wußte noch nichts! Desto freundlicher und bereiter ging er auf ein kurzes Wort vom Sohne des Papstes ein.
       „Kannst Du barbieren?“ fragte er ihn lächelnd. 
      „Ja.“
      „Auch ein wenig schneiden?“
      „O ja; ein halbes Loth ist erlaubt!“ 
      „Auch mit vergiftetem Barbiermesser?“
      „Das Barbieren ist damit gleich.“
      Er empfing darauf von Borgia ein tüchtiges Barbiergeld in Golde, dessen er ihm so lange . . . nach und nach jedoch etwas langsamer . . . und so viel hinein zählte, bis dem geduldigen Barbier doch endlich selbst die Hand schwer zu werden schien. Zuletzt bat er um den Namen des neuen Kunden. Er hörte: „Dschem!“ stutzte, und schwankte doch nicht, sondern fragte nur: „Wann?“ — „Morgen!“ hörte er und: „Schweigen!“ und zuletzt: „Gute Nacht!“ 

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       Am Morgen barbierte er denn dem armem Dschem das Haupt und zuletzt das schöne leidende, ergebene Gesicht. Er hatte veranstaltet, daß während dessen von Zeit zu Zeit ein Pistolenschuß falle, damit Dschem rücke und mit Fug ein wenig geschnitten werden könne. Ein Schuß — ein Schnitt — ein wenig Blut. — Bald darauf wieder ein Schuß — ein Schnitt — ein wenig Blut. — So drei Schüsse. — Dschem bat ihn um Entschuldigung, daß er ihn um seinen Ruhm bringe. Dafür rieb ihm der Barbier die kleinen Wunden noch mit einer sichern, nicht fühlbaren Heilsalbe ein — und Dschem war vergiftet und mußte unrettbar sterben in kurzen Tagen. Dschem wand seinen Turban sich selbst um den Kopf, empfand ganz leise sich ganz eigen-sonderbar, und stand versunken in tiefe Gedanken. 
      Da entstand freudiges Geschrei drunten vor dem Palast Borgondio auf der Straße; dann im Flur; die Marmortreppe hinauf — dann ward es stiller, und hastige Tritte erschollen im Vorsaal. Die Thür des Zimmers ging auf, und Roland und Armand traten ein, ihre Schwester. Dschems Weib, in der Mitte. Roland glaubte der Rede und seinen Augen, daß Dschem nun endlich wirklich Sultan zu werden mit dem Könige zöge, und wußte ja auch, daß er jetzt wirklich nur Ein Weib hatte — seine Schwester! So war er denn Alles zufrieden! Ja hoch erfreut darüber! 
      Sie stand ohne Regung, Sie konnte nicht sprechen, kaum athmen. Sie hielt eine Hand auf der Brust, mit der andern hielt sie sich an ihren Bruder.
       Dschem konnte nicht sehen genug, nicht rasch genug ihr entgegenstürzen.

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Er fiel — schon plötzlich vom Gifte verwandelt, aber er fiel nur auf ein Knie, drückte sich beide Hände fest in die Augen, und tbat einen herzzerreißenden Schrei. Denn er hatte die Blässe des Gesichts seines guten Weibes, ihre ganze abgehärmte Gestatt mit Einemmale übersehen, und ihren schmählichen theuren Gram, ihre Treue, Liebe und Sehnsucht ermessen. Nun flog sie auf ihn zu, Sie hob ihn empor, und die armen edlen Gatten lagen, unaussprechlich beglückt, ver Entzücken weinend, sich lange, gleich Seligen, in den Atmen. 
      Dann wollte sie sprechen, erzählen. Aber er legte ihr den Finger auf die Lippen und sprach nur die drei schweren Worte: „Das Frankenland! die Christen! der heilige Vater!“ 
      Alles kam nach und nach in eine gewisse Ordnung, in die freie Ordnung der Reisenden. Der Papst Alerander Borgia und sein Sohn Cesare machten dem armen Dschem noch einen Abschiedsbesuch, während seine Gemahlin im Nebenzimmer bebte — und schwieg und folgsam ihr Herz bezwingend, sich nur die drei Worte leis wiedetholte: „Das Frankenland! die Christen! der heilige Vater!“ 
      Dschems Kräfte schwanden allmälig auf der Reise nach Neapel. Fast konnte er nicht mehr allein auf sein Pferd steigen . . . dann sich nicht mehr darauf halten. Er sah noch Neapel, den Vesuv, das Meer, die Schiffe, die in sein Vaterland segelten! er fühlte die äußerste Sehnsucht — jetzt nur nach einem Grabe in der heimathlichen Erde,

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Mehr wünschte er nicht. Denn er verging wie ein Schatten; er war schon blaß wie der Tod. Seine bezaubernde Schönheit verblühte; nur sein großes schwarzes Auge blitzte noch manchmal auf. Sein treues, die höchste Angst im Herzen gewaltsam verschließendes Weib hielt ihn, neben ihm sitzend und sein müdes Haupt auf der Schulter tragend, an seiner Hand, und als sie darauf sie wegzog, behielt sie die Nägel seiner Finger darin. Da weinte sie laut. Er aber tröstete sie, sonst mit dem äußersten Leid für sie. mit dem Tode, der jetzt für ihn und für sie ein Trost war, der einige Trost und die seligste Hoffnung. 
      Es kam ein Brief aus Aegypten von seiner Mutter; er konnte ihn nicht mehr sehen, nur fühlen, aber nicht mehr verstehen. Er hörte, daß sein Besieger, der unbeugsame stolze Vezier Kedück Ahmed Pascha, zur Strafe seines Hochmuths von einem Stummen ermordet worden sei. Da lächelte er nur und flüsterte: „Gott ist barmherzig!“ Seine letzte Kraft hatte er zusammengenommen, ein Gedicht zu machen, worin er seinen Bruder um ein Grab in seinem Vaterlande bat. Er blieb mit dem Antlitz über dem Blatte liegen, — Er war gestorben. 
      Seine Seele war in der Heimath, Seine Freunde konnten kaum sagen: er ist todt! so weinten sie. Ajasbeg und Dschelalbeg wuschen seinen Leichnam und beteten die Gebete des Todes aus dem Koran, Die Brüder Roland und Armand de Sassenage führten ihre wie wahnsinnige Schwester mit fort. Der König Karl schickte Spezereien, den Leichnam einzubalsamiren, und weinte um ihn wie ein Kind.

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Dann ließ er ihn in Gaëta beisetzen, hoch auf dem Berge über der Stadt und Festung in dem großen leeren runden antiken Grabmal mit doppeltem Kuppelgewölbe, ähnlich dem schönen Grabmal der Cecilia Metella vor Rom, Ajasbeg und Dschelalbeg hüteten das Grab in stiller Trauer und rührender Geduld. Mustapha, der Barbier, aber betete indessen zu seiner Panagia, in jener nur kleinen, doch zauberhaft schönen Grotte, die links ganz drunten in einer mächtigen dunkeln Felsenspalte, die bis in das Meer hinab sich öffnet, zu einer wunderbaren Kapelle eingerichtet ist, welche das Meer bei hoher Fluth mit ihrem Wogenschwalle gänzlich erfüllt, und die Göttin ersäufen würde, wäre sie nicht von Stein. So aber steht sie, auch naß und noch triefend und mit grünem frischem Seegrase wie bekränzt, nur desto wunderbarer in ihrer unverwüstlichen Schönheit, mit lächelndem Antlitz da, und lächelte holdselig selbst den Barbier an, der die Gnade und Huld auch auf sich bezog, wie den freundlichen Mondenschein. So lange er krank war, verbarg er sich hier vor den Kennern. Sobald er sich aber wieder nothdürftig geheilt hatte, floh er nach Constantinopel; denn vom Einreiben des Giftes in Dschems Haupt waren ihm seine Hände verräterisch geschwollen, und Dschem, der Künste des Morgenlandes wohl kundig, hatte sie öfter schweigend betrachtet, ihm sanft auf die Schulter geklopft und nur gesagte „Sein Vaterland verlieren, muß der äußerste Schmerz sein. Ich habe es blos nicht — und sterbe schon! Gott sei Dir barmherzig!

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Mir — hast Du wohlgethan!“ — Durch diesen Aufenthalt war ihm Sinanbeg zuvorgekommen bei dem Bruder Dschems und hatte für die erste Nachricht von dessen Tode die hohe Würde eines Beglerbeg von Anatolien erhalten. Er war aber nur gegangen, um den Sultan zu bewegen, den armen Dschem nach Brusa in sein Vaterland begraben und seinen Leichnam holen zu lassen. Nur Chatibsade Nassuh, sonst der treuste Freund des Lebenden, brachte jetzt die ihm vom Könige anvertraute Verlassenschaft des todten Dschem, statt nach Alerandrien — nach Constantinopel! Aber um Dschem ein Grab im Vaterlande dafür von seinem Bruder zu kaufen. Und Nassuh ging selbst mit trauriger Freude als Gesandter an den König Don Federieo von Aragonien nach Neapel, holte den wie heilig gewordenen Sarg mit dem armen Dschem, und bestattete ihn am Grabe seines Großvaters Murad zu Brusa. Dschems arme Mutter kam an demselben Tage nach Brusa, umschlang und küßte den Sarg, und genoß den armselig-seligen Trost einer Mutter, doch zu sehen, wie ihr Kind begraben wird. Der Sultan Kitbai von Aegypten war gestorben, und Sinanbeg hielt darauf bei der Mutter um Dschems schöne junge Tochter an. Der Padischah sah die Vermählung derselben mit einem vom Volke nicht zum Herrscher bestimmt geglaubten Manne sehr gern. Haider durfte sie holen. Sinanbeg that Dschem in seiner Tochter alle Liebe, alle Ehre, alle Güte; sie sah ihm so ähnlich, daß er manchmal von ihr wegging, heimlich zu weinen.

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       Mustapha, der Barbier, aber vollendete richtig sein Werk. Erst unbegrenzt belohnt für seine Ermordung des größten gefährlichsten Feindes des Reichs und des Lebens des Sultans, ward er darauf Vezier. Endlich Großvezier. Und seine Rache für das verlorene Vaterland führte die schrecklichsten Schläge gegen die Kinder Mahomets des Eroberers. Durch seinen Einfluß und Rath ward der friedliebende Sultan Bajesid von seinem Sohne Selim selbst wieder vom Throne gestoßen und vergiftet. — Selim aber erfüllte das eigene Hausgesetz des Eroberers Mahomet. Er ließ fünf junge Söhne seiner Anverwandten sterben, deren Einer seinen Henker erstach, die andern ihm zu Füßen fielen, und dem Padischah für Einen Asper des Tages Zeit Lebens treu und gehorsam zu dienen gelobten. Er mußte seinen Bruder Korkud tödten. Alle diese Opfer an das türkische Volk wurden um Dschems prachtvolles Grabmal begraben, das ihm seine Mutter setzen dürfen. Mustapha erpreßte unermeßliche Schätze, aber blos um die Armen seines Griechenvolks heimlich damit zu erquicken in ihrer Knechtschaft. Er erlebte die Freude, daß der Papst Borgia aus Versehen von seinem sich vergiftenden Sohne vergiftet ward. Und dennoch starb er mit den Worten des armen Dschem „Das Vaterland verloren haben ist der äußerste Schmerz! Aber barmherziger Gott! wohin kann ich begraben werden? — In Sklaven-Erde! Ich sage nicht: armer Dschem! — Ich sage mit brechendem Herzen: o Du reicher Dschem!

 
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