Der Bauchredner
Novelle von Leopold Schefer





bullet1 Nachwirkung

 
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       Nun wird der stolze Mensch demjenigen Feind, den er beleidigt hat, weil er sich vor ihm schämt; und wer sich aus Feinden nichts Macht, der gehe um himmelswillen keiner Beleidigung aus dem Wege. Aber der gute Narr, Mensch genannt, wird auch demjenigen Freund, der ihn beleidigt hat, und wer recht vielen Menschen gut sein will, der lasse sich mit Freuden schimpfen, schlagen, schießen u.s.w.; das Mittel empfehl' ich als probat. Ja ich leite die Dankbarkeit aus der Kränkung her, die ein Mensch dem andern anthut durch ein Geschenk oder eine Wohl' that, indem er ihm dadurch vorwirft: du bist ein hülfsbedürftiger armer Teufel, und ich ein reicher, und das verdient nun freilich die Rache der Liebe ganz gehöriger Maßen; und demjenigen ist man schon zuvor gut, dem man gibt; man schenkt ihm nicht Geld und Gut, sondern eine Versicherung seiner Liebe für immer. Wem wird ein Bettler nicht lieb, der alle Sonnabende kommt, und alle Sonnabende empsing? — Wir nun hatten uns beide beleidigt, mußten wir nicht Liebe gegen einander fühlen? — Er hatte mich sogar geschossen — mußt' ich ihm nun nicht unmenschlich gut sein? und durch mein Lächeln, meine Freundlichkeit ihm sein Leid um mich, sein Unrecht an mir täglich und stündlich vom Herzen nehmen?

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Auch kam es wunderlich genug! mir zu gut, daß ich in dem Zimmer lag, worin Winkelmann war ermordet worden, wie er einst bemerkte; und er mochte sich seine Schuld an mir dadurch schwerer vorstellen, ja für mein Leben fürchten! So sonderbar ist die Nachwirkung unheimlicher Orte auf den Wissenden und Gefühlvollen. Er ward immer zutraulicher, freundlicher, ja mir Freund. Ich ward ein neuer Mensch dadurch, daß mir Einer wehe gethan, nicht wie sonst nur die ganze große Schafheerde von Menschen, weil ich ihr gleichgültig war, oder weil sie lachte, wenn ich bellte wie ein Bologneser, oder deren Stadt- und Hausnarr ich dadurch war, daß ich Geschichten und Schwanke aus ihrem menschlichen Leben in der Bauchsprache zu Markte brachte — für Geld!
      Die Krankheit zehrte meine Casse nach und nach auf; der Ring war lange fort an Lottchen, und H e r r trug meine entbehrlichen Sachen, die Uhr, die Pistolen, zuletzt sogar seine Uhr zum Verkauf! Wenn ich nur meine Akademie hätte halten können! wenn ich selbst nur ein Akademiker gewesen wäre, um leben zu können, ohne etwas zu thun, noch zu reden!
      Der Graf verließ mich gewöhnlich nur erst, um schlafen zu gehn; ich mußte ihm erlauben, auf meinem Zimmer zu essen, und so bestellte er die Speisen und bezahlte sie auch, denn der Wirth mahnte mich nicht. Beweises genug! —

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       Ohne sich nun zu erklären, warum er mich vor der schönen Jüdin gewarnt, vertraute er mir doch so viel, daß ihr Mann früher sein Banquier gewesen, und daß derselbe, da er mit seinen Aeltern auf den Gütern in Ungarn schon lange gespannt lebe, ihm auf sein einst vielleicht noch zu hoffendes Erbe von Zeit zu Zeit kleine Vorschüsse mache; und wegen dieser großen Gefälligkeit sei er dem ganzen Hause sehr verbunden.
       Ich glaubte, er habe seine Dankbarkeit gegen den guten Banquier ganz auf den interessantesten Punct für denselben gewandt, und hielt es in Rücksicht auf mich in der Wirkung für gleich, ob man die Maus von der Katze oder die Katze von der Maus verjage.
      Ich hatte mich aber geirrt. Das schöne Weib kam nämlich alle Morgen, nach der Weise der Triestinerinnen, auf dem Platze unter meinen Fenstern einzukaufen. Um doch Etwas, auch noch so Geringes von der Welt zu sehen, lächelte ich am Fenster sitzend hinunter auf die Menschen, und so strahlte manchmal ein Blick aus Athalia's Augen zu mir herauf, wie Glanz von Gestirnen, die aus dem Meer aufgehn. Ja eines Morgens überraschte sie den Grafen mit einem Besuch „da er sich gar nicht sehen lassen,“ und fand ihn in meinem Zimmer. Da es Sonnabend war, erschien sie natürlich im Sonntagsputz, in kostbarem armenischen Turban und Schmuck mehr als nöthig war, um H e r r n in beständig

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bewunderndem Lächeln zu erhalten, indeß er, zu beweisen, daß er kein Dieb sei, sie Hände auf dem Rücken oder in den Rocktaschen verbarg.
      Als der Graf sich einen Augenblick entfernte, wandte sie sich leicht und reizend an mich — etwas wartend, um fein mir anzusehn, was ich erwarte — aber dann nicht mit ihrem Danke, wie ich dachte, sondern mit der Bitte, den Grafen morgm mit einem kleinen Fest aus meinem Zimmer zu seinem acht und vierzigsten Geburtstage überraschen dürfen.
      H e r r nahm sich heraus, für mich zu versprechen, Ihr in Allen, also auclf darin zu Dienst zu sein.
      Der, Sonntag kam. Ihr Mann war in Wien, und sie brachte „nur eine Freundin“ mit. Der Graf war nicht ungerührt, und aufgeregt wie er war, drängte es ihn, uns seine Geschicke zu erzählen; er faßte sich aber kurz, und forderte mich auf, aus meinem gewiß schon vielbewegten Leben einige Scenen auszuheben. Athalia wünschte zu wissen, wie und warum ich ein Ventriloque geworden.
      Da ein leichtfertiges Weib nicht leichtfertig ist, wenn man es weiß, so hatt' ich um mich keine Sorge; aber ich wollte doch Athalien Einiges zu verstehen geben, wozu sich nichts besser schickte, als die Erzählung meiner frühsten Jahre. Denn keiner kann länger Frieden halten, als sein Nachbar will — oder die Nachbarin, und Athalia war jetzt meine.
      Ich begann daher ächt bürgerlich also:

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