Der Bauchredner
Novelle von Leopold Schefer





bullet1 Der Kakometer

 
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      Wir fuhren nach der Gegend von Duino, bis uns ein romantisches Ufer reizte, wo sich die Felsen hart am Meer über einander aufthürmten. Herr Graf, sprach ich, Ihnen scheint es so wenig wie mir an dieser großen Table d'hote zu gefallen, woran wir beide ein wenig knapp ja vernachlässigt sitzen, und den Wirth nicht erwinken können — also sicher getroffen, oder ganz gefehlt ist, das Beste.
      Wie meinen Sie das? fragte er.
      Viele Narren haben sich schon horizontal geschossen, fuhr ich fort, versuchen wir's vertical, grade auf die Scheitel von Oben!

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Der arme Sünder steht unten mit entblößtem Kopfe. Der Tod verdient doch einigen Respect! Die Höhe bestimmen sie nach dem Grade ihrer Bosheit.
      Das Wort geht mit darein! versetzte er.
      Wenn dem so ist, begann Herr, dann wäre es gut, wenn alle die Menschen Duelle auf ihren Todestag festgesetzt hatten; sie würden sich dann Alles vergeben bis dahin, und jede Bosheit — ginge darein! — Statt aller Gegner tritt zu Jedem der Tod ein, regte sich Jonas; und der Ausgang dieses Zweikampfs allein ist gewiß, und dennoch keine Vergebung! — Mein Vorschlag aber ward angenommen. Wir stiegen aus, und als jeder von uns aus Herr's Kästchen ein Pistol gelangt und geprüft, als ich mich bereit machte, auf den Felsen zu steigen, sah uns Herr überrascht an, und der alte Mann ward feuerroth. Wie mir jetzt wieder zu Muthe ist, sprach er, da aus bloßem Scherz Ernst werden soll, so ist mir nur einmal gewesen, als ich meinen Geldbeutel verloren. Ich suchte ihn, in seiner Tasche — da war er nicht! in der andern — da auch nicht! in der Weste rechts und links, in den Rocktaschen, im Futter, ich beklopfte mich von oben bis unten, er war nirgends. Er scherzt! sprach ich, und sing das Manöver noch einmal an — und abermals; aber er war fort und blieb fort! Da ward ich roth, da ward mir heiß, daß mir der Angstschweiß ausbrach. Das heißt verloren! stand ich da.

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Ich bekam auf einmal eine ganz andere Ansicht von der treulosen Welt, von Geld und Geldbeuteln! Aber sie sind doch Menschen, doch Christenmenschen! Machen Sie wieder Scherz aus Ernst!
      Kam der Geldbeutel wieder, fragt' ich, und ging gelassenen Schrittes meinen Weg.
      Da fiel er mir zu Füßen, hielt mich an dem Kleide und weinte.
      Guter alter Herr, erwiederte ich ihm gerührt, Du siehst: das um uns ist die Welt! und was sie ist, weiß ich und Du nicht; aber die Menschen haben sie von Noah her zum Narrenhause gemacht, bloß weil sie sich selbst für Narren halten, und andere dazu machen. Meinungen herrschen in jedem Zeitalter, und geben ihm einen Schein der Verrücktheit bei dem folgenden. Beten wir noch das goldene Kalb an? Wir lassen das Kalb weg, oder das Gold, nach Belieben —
      Haben wir Geld, so essen wir Schnepfen —
      Haben wir keins, so lassen wir die Schnepfen weg —
      Erbarmen Sie sich! , wendete sich Herr an den Grafen; der bleibt ein Hasenfuß so lang er lebt!
      Er beweiset grade das Gegentheil, sagte ihm der Graf; aber lieber alter Vater, kann denn Niemand beleidigen? Soll sich Niemand beleidigt fühlen, durch nichts, durch gar nichts?
      Das heißt: „durch alles mögliche Unrecht nicht, schob Jonas ein. — Der Graf fuhr fort: Wie tief, wie oft unheilbar wir gekrankt werden, dafür

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giebt es noch keinen Thermo- oder Kakometer. Und bestrafen die Menschen zwar Raub, Nasewegschneidung, Verstümmelung, Brand und Todschlag („noch so ganz leidlich — daß der Himmel zufrieden sein kann“ — schob Jonas ein) — und bestrafen sie ein Wort, das uns oft geistig in uns selbst und vor der Welt todtschlägt nicht, und nicht leidlicher als Nasewegschneiden und Mord auf offener Landstraße — („so müssen wir uns in den Felsen und Wäldern erschießen!“ sprach Jonas —)
— — Wenigstens zeigen, daß wir die Kränkung empfunden, und nicht an uns dulden; denn das ist jetzt das jämmerliche und ganz erbärmliche Gebrechen der Menschen, daß sie ihr Unrecht dulden wie Schaafe. Denn nicht Unrecht thun, das kann auch ein Böser — („wenn er grade nicht Lust dazu hat,“ bemerkte Jonas. —) Also wer ein Mensch bleibt, auch als Bürger oder selbst als Bauer („oder sogar als Edelmann und Graf,“ schob Ionas ein) ein Mensch, der oft nichts hat — als die ganze Welt, und seine angeborene Ehre, und der doch beweisen will, daß eben ein Mensch mehr von Ehre lebt, als von Luft — („der muß“, schob Jonas ein, „ein Soldat werden, denn dieser darf nicht gefordert werden, noch fordern, denn sein Leben, selbst sein Tod gehört dem Vaterlande — oder ein Christ werden, denn der kann nicht beleidigen, oder vergiebt, oder muß ein Rasender bleiben, wie wir zwei!“) —

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Gehen Sie, Herr Illonda, ich stehe schon! schloß der Graf, legte den Hut auf die Erbe, verschränkte die Arme und stand gelassen.
      H e r r wollte mich noch aufhalten, aber ich verscheuchte ihn mit vorgekehrter Mündung, stieg auf den Felsen und trat auf eine überhangende mit Moos bewachsene alte Nase desselben hinaus.
      H e r r, der mich als guten Schützen kannte, hatte sich dennoch noch einmal so weit als nothig war, entfernt von dem unter mir stehenden Grafen an den Felsen gelehnt, und hielt oben drein das Kästchen am Griffe des Deckels wie einen Schild vor Brunst und Kopf, und sahe nur mit den Augen darüber hervor, nach dem Ausgang begierig. Als ich mir den Aermel der rechten Hand auffstreifelte, blitzte mir der Ring in die Augen und bat! — Immer gutes Schicksal, verkannter Zufall, lprach ich, bei mir bedarf es keiner Erinnerung! Das Abkommen auf den oben von Haaren entblößten Scheitel des Grafen war leicht, die Hand nach unten hing sicher und ruhig — aber die Sonne schien auf das mondbeschienene Haupt, baß es glänzte, und mit den wenigen Haaren spielte ein sieches, kindisches Lüftchen vom Meer. Das Haupt kam mir so heilig vor, so rührend, daß ich nur nach dem Hute zielte; aber auch diesen konnt' ich dem armen Manne nicht durch ein Loch verderben, und ich schoß daher links aus den Felsen hinab. — Aber H e r r schrie erbärmlich auf und fiel; und als ich hinunter geeilt, kam mir schon der Graf lächelnd entgegen

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und sagte: die Kugel ist abgeprellt, und ihm mit Rumor in den Kasten gefahren, und hat sich in dem Futter gefangen. Lassen Sie ihn jetzt hinter die Felsen treten.
      Das wird er schon von selbst thun, erwiederte ich ihm, indem Er auf den Felsen stieg. H e r r lag noch wie todt da, und hatte die Hände auf dem Bauche gefaltet. Da gab ich ihm, wie einem Tobten, die Grüße an Vater Abraham mit, an meinen Vater und an meine Mutter. — Wenn ich sie nur kenne! murmelte er vor sich hin, Gehorsam gegen mich gewohnt. Darüber mußte ich wirklich lachen, und so schlug er die Augen auf. Da zeigte ich ihm zum Troste die plattgedrückte Kugel, daß er nicht getroffen sei, half ihm auf und führte und setzte ihn hinter ein Felseneck, in eine keine Grotte, von einem Felsenstück bedeckt. Wer mir gibt, der lehrt mich geben. Ich schenkte ihm also für seinen Schreck den Rosendiamant-Ring vom Finger, ihn seinem Lottchen zu schicken, den er nahm, sogleich genau und scharf taxirte und sagte: wissen Sie auch, daß Sie mir Eintausend zwei Hundert und fünf und funfzig Gulden in Silber schenken?
      Nein, aber ich wünsche, daß er noch mehr werth sei erwiederte ich.
      Keinen Kreutzer! verfetzt' er, wie mir zum Trost.
      Fall' ich, alter Vater, so nimm die kleine Baarschaft, die Mamagey, und meine sieben Sachen, für deine sieben Kinder! tröstet' ich ihn; aber der alte Mann legte sich mit dem Kopf in das Moos, und weinte von Herzen —

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      So weint doch Jemand um dich! sprach Jonas. Auch das ist zu viel! antwortete ich dem Geist, als ich meinen Platz eingenommen, und die Ypsilanti-Mütze auf die Erde gelegt. Und unter dem Schusse stehend, ruhig im Herzen, da ich im Leben kein Kind beleidigt, keinen Dank verdient, und keinen schuldig war, dächt' ich, was ich wollte und was mir der Augenblick eingab. Und so fuhr der Geist wie ein Besessener unter die Mütze vor mir, und spottete herauf: eine Welt, in der es Ypsilantimützen gibt, und geben muß, und eine Sonne, die sie bescheinen muß, oder nus weltgebietender Gleichgültigkeit sie so lächelnd bescheint wie Chio, die sind ja so kostbar nicht! Wenn die alte schwarze Hexe Erde ihrer frühem schönsten Kinder letztes Blut so still eintrinkt wie Kälberblut, was sind dann zwanzig Pfund Bauchrednerblut? — So sprach mir der Geist aus der Mütze Muth ein! — Sie zielen lange! Herr Graf, rief ich hinauf und stieß Mit den rechten Fuß nach dem Geiste. In demselben Augenblick' aber fuhr mir die Kugel durch das Fußblatt wie ein Stich. Der Strumpf war roth. Es ward mir finster vor den Augen, ich setzte mich.
      „Sind Sie zufrieden? frug mich der herabgeeilte Graf. Aber mein alter Herr, thätig und ängstlich und froh zugleich, versprach das Blut, und verband mich leicht. Die Männer, welche in der Entfernung zu bleiben angewiesen gewesen, holte der Graf herbei, sie trugen mich in das Boot, und nach einer kleinen Stunde ruhte ich in der Locanda grande auf meinem Bett.

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Trieste, Piazza Grande 1854 [im Hintergrund Locanda grande]