Der Bauchredner
Novelle von Leopold Schefer





bullet1 Der Rosendiamant

 
Seiten   11   12   13   14   15   16   17   bottom   

 11

Der Rosendiamant.   


      Meine Akademie war aus, Jonas hatte seine Flasche Rifosco bekommen, und ich ging in meinem Zimmer in der Locande grande auf und ab, und kosete dabei mit meiner Papagey-Sie oder in einem Wort, mit meiner Mamagey, Canide, die ich statt des Vehikels anderer Herrn Bauchredner, als etwa einer kleinen verliebten Nonne oder eines wohlausgestopften Prälaten erwählt hatte. Ich streichelte ihre goldfarbene Brust, und sie schmiegte ihre himmelblauen, mit Goldfedern vermischten Flügel an meine Wange. Das that sie halbschlafend, dann hing sie ihr Köpfchen, als sei sie für morgen besorgt um mich. Das that mir leid. Denn, vielleicht Jemand ausgenommen, wußte ich Niemand auf der Welt, der mich lieb hatte; ich hatte natürlich also auch Niemanden lieb, und so liebte ich mich selber nicht und war also ganz und gar nicht: Un homme qui s'aimait, sans avoir des rivaux!“ und das machte mir den morgenden Gang in Rücksicht auf mich ganz gleichgültig, aber nicht auf den mittlen Mann; denn eben wem die Welt gleichgültig ist, der will auch nichts Böses darin thun, noch gar mit einem Morde anfangen. Ihm lohnt das ja gar nicht der Mühe!

 12

Indeß war H e r r, mein Bedienter, ein getaufter Jude herein getreten, hatte die Casse auf den Tisch gestellt, und überreichte mir den kleinen Schlüssel. Ich steckte ihn ein. Nein, nein, Herr Illonda, sprach er, solche Austern müssen gleich gestochen werden!
      Ist eine Perle darin, Herr? fragte ich.
      Noch gar etwas Rarer's, versicherte er. In einer Casse erwartet man höchstens Louisd'or, und wenn ich nun auch nur dergleichen abgeliefert hätte, so — aber ich bin ehrlich!
      Rühmst du dich wieder Ben David? —
      Heut zu Tage, versetzte er, möchte Jeder immer selbst sagen, wie trefflich er ist, und doch glaubt man es kaum.
      Ich öffnete nun, und fand unter dem Gelde in einem Papiere zwischen zwei blanken Theresien-Thalern — den Rosendiamantring. Indem ich ihn an den Lichtern spielen ließ, accompagnirte der alte Herr gleichsam mit dem Fagott: Der starke Mann neben uns in Nr. 3. hat auch schöne Präsente bekommen, aber so hat sich doch Keine angegriffen! Nur Musici, wie sich die Castraten statt detto, was ja Schöpse heißt, nennen lassen, pflegen sonst so beschenkt zu werden.
      Das verlohnt sich der Mühe nicht, schlug ich seine alberne Rede nieder. Aber was will sie denn die Athalia — denn so hörte ich sie nennen. In dem Billet nun stand:

 13

      „Damit Sie mich gewiß wieder erkennen, wähle „ich unter vielen diese Inlage. Machen Sie es gnädig mit Ihrem Gegner! Er ist es nur aus demselben Irrthume, der Sie mir so interessant machte, und mir vergeben Sie ihn wohl? Auch wählen Sie nicht Degen — er ist Fechtmeister — sonst betrübten Sie vielleicht

Ihre
      ergebenste  A.a.a. 
P.S.

       „Noch eine Freundin bittet was ich Sie bitte!.“

      Die verborgene Freundin ist also die Hauptperson, denn sie steht im Postseript. So putz' er die Pistolen, H e r r! die Baumänner, befahl ich meinem Diener. Er erstaunte und trat einen Schritt zurück. Um seine Idiosynkrasie nicht zu erregen, langte ich selbst das Kästchen hervor, und zog die Schüsse aus den Läusen, während dem er sich ein Geschäft vor der Thür erdachte; dann kam er herein, und that was ihm geheißen war, nachdem er erst sich entschlossen in ein Rohr zu blasen, ob Luft zum Zündloche heraus komme; dabei machte er ein ganz resignirtes Gesicht und hatte die Augen zugedrückt. Wenn Sie so etwas morgen thun können, so glaub' ich wirklich nicht, daß Sie einer von den Unsern sind, sagte er beim Absetzen, und blies in das andere Rohr, um meiner Antwort mit einem Geschäft auszupariren.

 14

Was für ein Muth in die Menschen gefahren ist heut zu Tage. Sonst mußte Kopf, Brust, Bauch, Lende und Schienbein geharnischt sein, gegen einen bloßen Hieb mit, einem Dinge eine Spanne lang; jetzt gehen die armen Menschen den Kanonen fast in bloßem Hemde entgegen! Ist das nicht eigentlich rasend? Selbst der große Juda hatte sich lassen einen Schanzkorb oder Schutzkasten vortragen, und jeder Träger wieder einen, und so fort! Sela.
      Die Armee hätte ich sehen mögen, war doch schon der ewigen Schlepperei mit eurem heiligen Kasten genug! versetzte ich. Muth ist Muth, alter und neuer; das Leben aber wird immer weniger werth, man spart nur die Kugeln.
Aber wer ist denn der Herr Narr, der Sie heraus fordert, oder Ihnen heraus winkt aus dem Leben? fragte H e r r.
      Das ist mir gleich; und ich bin ihm sehr verbunden, daß er ohne nach meinem Stammdaum zu fragen, mir die Ehre anlhut; antwortete ich. —
      Ehre? Ehre? wiederholte H e r r. Ehre anthun, heißt Geld schenken. Ehre ist Geld! sie bedeutet nur etwas, und wer das meiste Geld hat, der bedeutet am meisten. Darum fangen die Unsrigen an viel zu bedeuten in der Welt; 100,000 Thaler geben Sitz und Stimme nur — in der Kammer, aber Millionen im Kabinetchen!  Geld will kriegen oder bauen, aber Geld kann es auch nur. Verzeihen Sie also, wenn ich fragte, wer er ist, so meinte ich: hat er etwas?

 15

       Er nannte sich einen Grafen, versetzte ich. —
      Also ein Graf!   Hab' ich mir doch von Kindesbeinen an den Kopf zerbrochen, was ein Graf, ein Baron oder ein Edelmann ist. Hab' ich doch die Menschen betrachtet von allen Seiten, in der Wiege, in der Klemme, und im Sarge. — Ich habe nichts ersinnen können! und ich glaube die ganze Welt und die Herren wissen es selber nicht. Wenn ich reich ware, wollte ich eine Preisfrage aus der Beantwortung machen, und sicher mein Geld in der Tasche behalten. — In der Welt ist man was man heißt, erwähnte ich. — Man kann einen Menschen heißen kurz oder lang, hoch oder niedrig, er bleibt doch auch ein Mensch, wenn er will; meinte Herr. — Die Freiheit läßt sich Niemand nehmen, schaltete ich ein; von Gnaden bis Hoheit. — Breite sollte man sie nennen! Wer viel Land hat, sollte ein breiter Herr heißen, nicht ein hoher, sprach H e r r, denn den Himmel kann niemand besitzen, noch vergeben. — Ahnen hat Jeder so viele wie Jeder der lebt; — und auch aufgeschriebene Väter können falsch sein — kann ich sagen aus eigner Erfahrung. Und daß nur ein allgemein so geheißener Graf käme, und forderte mir das Leben ab, ich glaube ich schösse ihn über den Haufen! —
      Ueberlege er das wohl, H e r r! belachelte ich meinen für mich in Eifer gerathenen Alten. Ich selbst bin in dem Falle mich wehren zu müssen,

 16

und will ausführen, was er so desperat war zu wollen; und er sott Secundant sein, mein alter Herr! —
      Gnädigster Herr Illonda — entgegnete Herr — Sie ernähren meine Frau und die Kinder, Sie haben sich meiner angenommen auf offener Landstraße, in Ihre Kutsche haben Sie mich genommen, halb todt, bestäubt und beladen wie ich war; aber lieber will ich doch wieder zu meinem Lottchen gehn, mich alle Tage von ihr einen Juden heißen, und von den Kindern schelten lassen, daß sie mir ähnlich sehn, ja noch einmal will ich lieber davon laufen — als ein Secundant sein!
      Lieber H e r r, tröstete ich ihn, ich behalte keine gefangene Fliege einen Augenblick in der Hand um ihr die kurze Lebenszeit nicht zu verbittern, wie sollte, ich einen alten Mann ängstigen — als Arzt mit seinen schönen Kenntnissen soll er mir secundiren, ober dem Grafen.
Ich steckte den Ring jetzt an den kleinen Finger, und dabei fragte ich den Alten, ob er nicht wisse, wer die Athalia sei?
      Eine von unsern reichen Jungfrauen aus Mailand, antwortete er auslebend, die allen Armen hilft, die sie kennt. Unser Reichste ist, wie gesagt unser Herr, unsere Reichen sind unsere Fürsten, darum thun wir Gold zu Gold, damit Beschützer werden. Ihr Baruch hat Hunderttausend mit ihr empfangen, die doch so schön ist, daß man so viel für sie geben könnte!
      Wenn man ein Liebhaber ist, versetzte ich.

 17

      Aber das ist wahr, fuhr Herr fort, unsere Mab, chen und Weiber in den üppigen italienischen Boden verpflanzt, genährt mit feinen Früchten und Weinen, wachsen unter dem fruchtbaren Himmel, daß in der Welt nichts Schöneres ist!
      Hat sie Euch auch gegeben, daß Ihr sie so lobt, alter Herr? —
      Wenn Sie ein reicher Mohr wären, bemerkt' er, hätten auch Sie von dem schönen weißen Weibe, die einen weißen Mann hat, nichts bekommen, Herr Illonda, besonders aber dann nicht, wenn Sie ihr nicht, wie sie schreibt, interessant wären, weil Sie einem der Unsern äh — — —
      Ich will das nicht hören, sonst schlag' ich mich auch noch mit Euch! erwiedert' ich ihm halb ernsthaft; dagegen scheint es mir, daß die Warnung des Grafen aus Eifersucht kam nicht wie er sagte: aus Wohlmeinen, oder grade daher, denn man kann es auch wohlmeinen mit sich, und diese Art ist jetzt die allgemeinste.
      Sie werden bald klug werden; beschloß H e r r, und legte sich bekümmernd zu Bett.